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Filmkritik: Westworld: Rollenspiele im Wilden Westen

Die HBO-Serie »Westworld« erzählt von einem dem Wilden Westen nachempfundenen Freizeitpark, in dem Androiden dem Vergnügen der Gäste dienen. Die ethische Dimension lässt sie allerdings ziemlich unterbelichtet.
Westworld Season 1 Official Trailer (2016) | HBO (MATURE)

Veröffentlicht am: 28.08.2016

Laufzeit: 0:02:10

Sprache: englisch

Untertitel: ohne Untertitel

Home Box Office (HBO) ist ein US-amerikanischer Fernsehprogrammanbieter mit Sitz in New York City.

Der Wilde Westen ist ein Sehnsuchtsort. Freiheit und Abenteuer bestimmten das Leben, in den Saloons floss der Whiskey, und schöne Frauen umschwärmten die Sieger der Pokerrunden. Recht hatte, wer am schnellsten schoss, und Räuber lebten besser als Gesetzeshüter. Der echte Mittlere Westen der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sah natürlich anders aus, dem Mythos aber tut das keinen Abbruch.

Was läge also näher, als einen großen Vergnügungspark zu bauen, der einen fiktiven Wilden Westen nachbildet? Die Besucher dürfen Schurken oder Helden sein, Besucherinnen dürfen sich retten lassen oder für einen Tag eine Bande von Gesetzlosen anführen. Androiden übernehmen die Rollen von Sheriffs, Schurken und Barmädchen. Alles ist erlaubt, und ein ausgefeiltes Konzept sorgt dafür, dass die Gäste nicht verletzt oder getötet werden.

Schon im Jahr 1973 schuf der amerikanische Autor und Regisseur Michael Crichton (bekannt durch den Roman »Dinopark«, der als »Jurassic Park« kassenträchtig verfilmt wurde) den Film »Westworld«, in dem Androiden den zahlenden Gästen scheinbar harmlose Unterhaltung bieten – bis eines Tages eine Fehlfunktion zu einem Massaker unter den Besuchern führt.

Die Produktionsfirma HBO, auf der Suche nach einem Nachfolger der Erfolgsserie »Game of Thrones«, hat sich des alten Stoffs angenommen und zu einer Serie ausgeweitet. Ihre Westworld erstreckt sich über Dutzende Quadratkilometer einer grandiosen Westernlandschaft. Darunter bohrt sich der riesige Komplex der Werkstätten und Büros der Betreiberfirma etliche Stockwerke in die Erde, eine Unterwelt aus Glas und Beton, von tausenden Leuchtstoffröhren in ewiges Dämmerlicht getaucht.

Alles ist bestens eingespielt, auf der Hauptzeitebene der Serie besteht der Park bereits seit 30 Jahren. Die Androiden – zynisch Hosts (Gastgeber) genannt  – bestehen aus organischem Material, hergestellt mit gigantischen 3-D-Druckern. Wenn Haut, Muskeln, Organe und Knochen modelliert sind, wird Blut in die Gefäße gefüllt, und fertig ist der Kunstmensch aus dem Bioprinter. Frankenstein hatte es im gleichnamigen Roman nicht so leicht, er musste im 19. Jahrhundert zusammengenähte Leichenteile noch per Blitzschlag beleben. In der Wirklichkeit funktioniert das eine Verfahren so wenig wie das andere.

Überhaupt nehmen es die Serienmacher mit der Wissenschaft nicht sehr genau. Die Gehirne der Hosts sollen unter der vollständigen Kontrolle der Techniker der Betreiberfirma Delos stehen. Ihre Charaktereigenschaften lassen sich einstellen, wie man es von Rollenspielen im Computer kennt. Das Gedächtnis wird in der Nacht gelöscht, so dass sie jeden Tag die gleichen Abenteuer erleben, ohne sich dessen bewusst zu sein. All das reduziert sie zu Figuren eines Computerspiels, aber in einer realen Umgebung. Nur haben echte organische Gehirne keinen Resetknopf, und Erinnerungen liegen auch nicht wohlgeordnet in Speicherchips, wo man sie nach Belieben löschen könnte. Simulation und Wirklichkeit purzeln hier munter durcheinander.

In der Serie handeln und fühlen Androiden wie Menschen, tatsächlich sind sie aber kaum mehr als Reiz-Reaktions-Maschinen, die unbewusst einer vorgegebenen Programmierung folgen. Plötzlich aber beginnen einige von ihnen ein Bewusstsein zu entwickeln. Der theoretische Unterbau dafür stammt vom 1997 verstorbenen amerikanischen Psychologen Julian Jaynes. Er hatte im Jahr 1976 in seinem Buch »Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche« die verwegene These aufgestellt, dass die Menschen erst vor ca. 2500 Jahren ein Bewusstsein entwickelten. Diese »Bewusstwerdung« stellt Westworld nach – in einer sehr freien Interpretation. Wissenschaftlich gesehen ist schon Jaynes' ursprüngliche These eher abwegig, ihre Auslegung bei »Westworld« überschreitet eindeutig die Grenze zur Esoterik.

Im Grunde haben die Macher der Serie Versatzstücke wissenschaftlicher Theorien, philosophischer Diskussionen und technischer Entwicklungen in eine spannende Handlung eingebaut. Sie vermischen Andeutungen, Zitate und Stichworte zu einem intellektuellen Blendwerk, das gedankliche Tiefe lediglich vortäuscht.

Ihr eigentliches Handwerk beherrschen sie dagegen ganz hervorragend. Die verschiedenen Handlungsstränge der zehn Folgen verdrillen sie zu einem meisterhaft konstruierten Vexierspiel. Immer neue Wendungen vergrößern die Spannung bis zum brutalen Showdown.

Über die Außenwelt erfahren die Zuschauer in der ersten Staffel nichts. Und auch ethische Fragen streift die Serie nur am Rande. Dürfen wir intelligente Wesen, künstlich oder nicht, zur ewigen Knechtschaft in einem Vergnügungspark verdammen? Sie jeden Tag neu leiden lassen, zur Unterhaltung der Besucher? Die Frage entzweit die beiden Gründer des Parks, aber die Serie verfolgt die Verästelungen des Themas nicht weiter in die Tiefe.

Auch andere Problembereiche werden angerissen, bleiben jedoch im Hintergrund. Die Angestellten der Firma betrachten die Hosts in keiner Weise als Menschen. Die Reperatureinheit firmiert unter dem Namen »Livestock Management« (»Abteilung für Vieh-Wirtschaft«). Nicht mehr benötigte Hosts werden »außer Dienst gestellt«. Ein Bohrer, der durch die Nase eingeführt wird, zerstört ihre höheren Gehirnfunktionen. Sie marschieren danach willenlos und nackt in eine Kühlkammer, wenn sie nicht gleich verbrannt werden. Die Serie führt keine Figur ein, die diese Praktiken kritisiert. Aber sollten nicht auch künstlich hergestellte perfekte Kopien von Menschen grundlegende Menschenrechte geltend machen können? »Westworld« wirft diese Frage nicht einmal auf (zu den ethischen Problemen künstlicher Intelligenz siehe diesen Beitrag unseres Autors auf »Spiegel Online«). Und wenn man künstliche Wesen herstellt, die uns körperlich und geistig ebenbürtig oder sogar überlegen sind, würde man dann nicht das Ende der Menschheit heraufbeschwören?

Der Unternehmer Elon Musk und der mittlerweile verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking haben immer wieder vor einem solchen Szenario gewarnt. In »Westworld« spielt das keine Rolle, es sieht dort eher so aus, als müsste man die wehrlosen Androiden vor den mörderischen Menschen schützen.

»Westworld« bietet eine komplexe Handlung in grandioser Landschaft, spannende Verwicklungen und intelligente Dialoge. Doch es leistet keinen ernsthaften Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion über Chancen, Grenzen und Gefahren der künstlichen Intelligenz.

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