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Hirnforschung: Wie ein Schlaganfall zwei Ich's offenbarte

Als eine Neurowissenschaftlerin selbst einen Schlaganfall erleidet, macht sie erstaunliche Beobachtungen.
Jill Bolte Taylor's stroke of insight

Veröffentlicht am: 13.03.2008

Laufzeit: 0:20:12

Sprache: englisch

Die Konferenzorganisation TED (Technology, Entertainment, Design) ist durch Video-Kurzvorträge von Vordenkern unterschiedlicher Fachdisziplinen im Internet bekannt geworden. Millionen Zuschauern werden spannende, nicht selten provokante Ideen vorgestellt. Motto: Ideas worth spreading.

Jill Bolte ist Neurowissenschaftlerin – und hat selbst einen Schlaganfall erlitten und überlebt. Von dieser Erfahrung berichtet sie ergreifend bei TED, in einem Beitrag, den man nicht so schnell wieder vergisst. Jill Bolte erlebte während des Blutgerinnsels in ihrer linken Hemisphäre, dass – so beschreibt sie es – ihre beiden Gehirnhälften begannen, als zwei getrennte Entitäten zu agieren: die linke Hälfte als das Zentrum rationaler Gedanken, das sie aufforderte, Hilfe zu holen, die rechte Hälfte als Zentrum unbegrenzten Empfindens, Verschmelzens mit der Umwelt, eines Gefühls von Frieden und Ganzsein, das ganz und gar keine Hilfe wollte.

Welche neurologischen Grundlagen liegen diesem Erlebnis zugrunde? Fakt ist, dass das Gehirn mit seinen beiden Hälften beim Betrachter rein äußerlich tatsächlich den Eindruck erweckt, als würden hier zwei Entitäten durch das Corpus Callosum verbunden. Fakt ist auch, dass Jill Bolte eine Gespaltenheit in ihrem Denken ganz deutlich erlebt hat. Aber entspricht diese Theorie unseren modernen Erkenntnissen der Hirnforschung? "Glauben" wir an zwei lokalisierte "Ich's" im menschlichen Gehirn?

Was mich nach dem Vortrag jedoch am meisten umtreibt, ist die Frage, ob wir aus unserer Innenerfahrung überhaupt auf physikalisch-biologisch-chemische Gegebenheiten unseres Gehirns schließen können. Genauso spannend ist die umgekehrte Frage: Können wir durch Hirnforschung "von außen" jemals unsere Innenerfahrung vollständig erklären? Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel hat dazu in einem berühmten Aufsatz so passend gefragt: "Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?" ("What is it like to be a bat?") Werden wir je wissen können, wie es sich "anfühlt", Ultraschallsignale wahrzunehmen? Bekommen wir das mit Hirnscans heraus? Und wenn nicht, bleibt die Innenerfahrung dann ein für eine dritte Person prinzipiell und für immer unzugängliches Element der Realität? Und welche Stellung darf diese Erfahrung dann in unserem Leben einnehmen?

Ein faszinierender Beitrag, der sicher mehr Fragen aufwirft als er klärt – und eine beeindruckende Frau, deren Geschichte berührt.

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