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Filmkritik: »Auslöschung«

Zellteilung und Brechung: Der Primärtumor in Area X

Außerirdische Wesen könnten uns völlig unbegreiflich erscheinen. Ein solches so faszinierendes wie bedrohliches Szenario zeigt der britische Regisseur Alex Garland in seinem neuen Film »Auslöschung«.
AUSLÖSCHUNG | Trailer A | DE

Veröffentlicht am: 02.10.2017

Laufzeit: 0:01:43

Sprache: deutsch

Untertitel: ohne Untertitel

Deutscher YouTube-Kanal der Filmproduktionsgesellschaft Paramount Pictures.

Beim Spekulieren über außerirdische Lebensformen ist unserer Fantasie vorläufig keine Grenzen gesetzt. Ihr Aussehen oder ihre Intelligenz, ihre Motive oder ihre Technologie – alles scheint möglich. Doch bis heute geistern vor allem kriegerische Aliens durch Filme und Bücher. Herbert George Wells zum Beispiel, der wohl bekannteste Autor technischer Zukunftsromane im 19. und frühen 20. Jahrhundert, ließ in seinem Roman »Krieg der Welten« Marsianer die Erde angreifen. Die hoch aggressiven Tentakelwesen starben letztlich an Infektionen durch irdische Bakterien, gegen die ihr Immunsystem machtlos war.

Aber möglicherweise betrachten uns Außerirdische nicht als Partner oder Gegner, ja nicht einmal als ebenbürtige intelligente Wesen. In dem Roman »Die Feuerteufel« (1965) des amerikanischen Autors Thomas M. Disch missbrauchen Aliens die Erde zum Anbau ihrer Kulturpflanzen, ihre genoptimierten Hybriden überwuchern alles andere Leben. Als Feinde gelten ihnen die Menschen nicht, allenfalls als Ackerschädlinge, die sie mit Flammenwerfern jagen.

In Alex Garlands zweistündigem Film »Auslöschung« zeigt sich das Fremde noch unbegreiflicher. Zu Beginn schlägt ein kleiner Meteorit in einen Leuchtturm an der Küste der USA ein. Um die Einschlagstelle herum, von Wissenschaftlern und Militärs als »Area X« bezeichnet, bildet sich eine Art gigantische Seifenblase mit irisierendem Rand, die sich langsam, aber unaufhaltsam über das waldige Gebiet ausbreitet. Egal, ob Menschen oder Drohnen: Was immer in Area X eindringt, verschwindet spurlos. Auch Funkverbindungen reißen ab.

Als eines Tages doch jemand zurückkehrt, wirkt er verwirrt, verlangsamt und schwer krank. Bevor er befragt werden kann, fällt er ins Koma. Seine Frau, die von Natalie Portman gespielte Biologin Lena, schließt sich darum der nächsten Expedition in Area X an. Die fünf Wissenschaftlerinnen betreten ein menschenleeres, mörderisches Wunderland, das von nie gesehenen Kreaturen bewohnt und überwuchert wird und allmählich auch Körper und Geist der Teammitglieder zu beeinflussen scheint.

Was geschieht hier? Zwei wissenschaftliche Phänomene, Brechung und Zellteilung, benennt der Film und bietet sie uns zur Deutung an. Licht wird durch Brechung in seine Wellenlängen aufgespalten, sichtbar an den farbigen irisierenden Streifen, die Area X wie Regenbogenschlieren durchziehen. Doch in Area X wird alles gebrochen: Licht, Funkwellen, die DNA aller Lebewesen und ihre Wahrnehmung. Es wird gebrochen, in seine Einzelteile aufgespalten und zerschlagen und fügt sich anschließend neu und unerwartet zusammen. Selbst Körper und Geist lösen sich auf und verschmelzen mit denen anderer Kreaturen zu unmöglichen Chimären.

Im Zentrum des Geschehens, dem Leuchtturm, schafft das Alien gleichzeitig neue, schnell wuchernde Zellkomplexe – wie Tumorzellen, bei denen die Selbstregulation außer Kraft gesetzt ist. Sie ahmen Form und Struktur des irdischen Lebens nach, sie spiegeln, durchdringen und vernichten es. Ob das Fremde intelligent handelt oder lediglich von einem blinden Überlebensinstinkt gesteuert wird, bleibt unklar.

Die von ihm ausgehende Gefahr erscheint jedoch akut und absolut. Jeder Versuch der Verständigung scheitert – sie setzt ein Mindestmaß an Gemeinsamkeit voraus, die hier fehlt. Zudem ist die sichtbare Erscheinung im Zentrum, die sich vielleicht bekämpfen ließe, womöglich nur der Primärtumor, von dem aus sich längst unsichtbare Metastasen in die Umgebung verbreitet haben. Schon in seinem mehrfach ausgezeichneten Film »Ex Machina« von 2015 (siehe die SciViews-Rezension Wie menschlich kann eine künstliche intelligenz werden?) konfrontierte Garland Menschen mit fremdartigen Intelligenzen. Doch Motive und Handlungen dieser intelligenten Roboter, geschaffen vom Menschen nach seinem Bild, blieben in gewissem Grade menschlich.

Was in »Auslöschung« am Werk ist, entzieht sich dagegen von vornherein jedem Verstehensversuch. Trotzdem ist Garland das Kunststück gelungen, die eher mystisch-abstrakte Buchvorlage von Jeff VanderMeer in einen plausiblen und klug konstruierten Plot umzudeuten, in dem nichts, was geschieht, zufällig oder unsinnig erscheint. Auch das Fremde und Unerklärliche gehorcht den universellen Naturgesetzen.

Optisch hervorragend in Szene gesetzt und von sehr guten Darstellern getragen, erzählt »Auslöschung« zudem eine sehr menschliche Geschichte von Liebe und Schuld – und von Sühne durch den Aufbruch in den fast sicheren Tod.

Warum der Film in Deutschland lediglich auf Netflix läuft – nur in den USA und in China kam er in die Kinos –, hat einer der Produzenten übrigens damit erklärt, dass er zu intellektuell sei. Man darf diesen Satz durchaus als Empfehlung lesen.

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