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Antiker Humor: Die Liebe der Frauen, monströs!

Auch die alten Griechen lachten gern. Und sollte ein Bild lustig sein, gebrauchten die Künstler eine spezielle Darstellungsweise. Ob die heute noch Witz hat, ist allerdings fraglich.
Eine antike griechische Vase mit zwei Henkeln, verziert mit schwarzen Figuren auf einem hellen Hintergrund. Die Abbildung zeigt eine Szene mit mehreren stilisierten menschlichen und tierähnlichen Figuren, die in Bewegung dargestellt sind. Über den Figuren sind dekorative Muster, die an Weinreben erinnern. Die Vase hat einen breiten, schwarzen Rand am oberen und unteren Ende.
Das kugelförmige Tongefäß im Metropolitan Museum of Art in New York ist mehr als 30 Zentimeter hoch und dürfte zirka 2400 Jahre alt sein. Menschen verwendeten es einst in einem Heiligtum bei der Stadt Theben in Böotien.

Weiblich, haarig, riesig sucht: einen Mann, der zur falschen Zeit am falschen Ort des Weges kommt. Doch was das Ungeheuer begehrt, will sich nicht fassen lassen. Ganz im Gegenteil, der Mann nimmt Reißaus und sucht Sicherheit im Geäst eines Baums, wo schon weitere Gejagte ausharren. Denn wer bei drei nicht auf den Bäumen ist, den holt die Monsterfrau.

Was nach einer völlig bizarren Geschichte klingt, war für die alten Griechen offenbar sehenswert genug, um es als Szene auf ein Tongefäß zu pinseln. Das Bild auf der kugeligen Vase, die sich heute im Metropolitan Museum of Art in New York befindet, ist einzigartig – das Gefäß hingegen kein Einzelstück. Der Trinkbehälter mit zwei Henkeln kam sicher aus der mittelgriechischen Landschaft Böotien, genauer gesagt aus dem Kabirion, einem Heiligtum unweit der Stadt Theben. Das belegen Grabungen, bei denen hundertfach Fragmente gleicher Gefäße zutage gefördert wurden. Die New Yorker Vase dürfte aus der Zeit um 400 v. Chr. stammen. Doch die Darstellung auf dem Kabirenbecher entspricht nicht dem Standard klassisch-griechischer Zeit. Die Figuren sehen schlicht zu komisch aus.

Unter einer Rebranke spielt sich die verrückte Szene ab: Ein stark behaartes Monster – seine großen Brüste lassen wenig Zweifel daran, dass es sich um ein weibliches Ungeheuer handelt – jagt einem nackten Mann hinterher. Es streckt sogar die Arme nach dem bedauernswerten Kerl aus. Um ungehindert zu fliehen, hat er allen Ballast fallen lassen: Am Boden zwischen Jägerin und Beute liegt ein Tragegestell. In der griechischen Kunst schultern Bauern und Handwerker, die ebenfalls einen Spitzhut aufhaben, ein solches Joch mit angeschnallten Eimern.

Das Ungeheuer ist wahrhaft monströs und – im antiken Sinne – extrem hässlich: Eine gebuckelte Stirn, eine platte Nase und ein vorstehendes Kinn galten als unschöne Gesichtsmerkmale. Doch der Vasenmaler hat auch den fliehenden Bauern und die Männer auf dem Baum als unansehnlich charakterisiert und ihnen klapprige Glieder, einen dicken Bauch, auffällige Nasen und ein großes, schaukelndes Geschlechtsteil verpasst. Ihre Körperbildung, das verraten physiognomische Studien der Antike, verstanden die Menschen einst als Kennzeichen von Dummheit, Faulheit und Schwäche. Denn die Griechen meinten es schon ernst mit der Idee, dass in einem gesunden, ergo kräftigen und schönen Körper ein gesunder Geist stecke. Figuren mit einem gegenteiligen Körperbild galten demnach als schändlich, lächerlich und lachhaft. Das Vasenbild sollte daher nicht ganz ernst genommen werden. Es verbildlicht aber Vorstellungen, die viele heute wohl kaum zum Lachen finden.

Ungestalte Ungetüme als Lachvorlage

Welches Weltbild steckt in dieser Szene? Abgebildet ist keiner der bekannten Mythen, vielmehr speist sich die Darstellung aus der griechischen Folklore. Antike Schriften nennen männermordende, hässliche Frauen, die schreckliches Unwesen trieben. Sie töteten Kinder, verführten Männer und saugten ihnen das Blut aus oder verzehrten ihr Fleisch. Sie tauchen auch in Stücken der attischen Komödie auf, als ungestalte Ungetüme, vor denen sich die Protagonisten buchstäblich in die Hose machen und panisch davonlaufen. Fürs Publikum boten sie den Stoff für grandiose Lacher.

Ob das Ungeheuer auf der New Yorker Vase den Bauern tatsächlich verfolgt, um ihn in Liebesverlangen zu verschlingen, klärt ein Blick in die damalige Bilderwelt. Auf griechischen Vasen kehrt eine bestimmte Szene immer wieder: Götter und Helden verfolgen teils mit ausgreifenden Armen fliehende Frauen – zum Beispiel der Nordwind Boreas die Nymphe Oreithyia oder Zeus die phönizische Prinzessin Europa. Aus den jeweiligen Mythen ist bekannt, dass es den Männern meist darum ging, diese Frauen zu rauben und zu vergewaltigen. Demgegenüber gibt es nur wenige Bilder mit verkehrter Rollenverteilung: einzig wenn die Göttin der Morgenröte Eos einem fliehenden jungen Mann hinterhereilt. Anders als ihre weiblichen Pendants setzen sich die Männer zur Wehr, werfen Steine nach der Gottheit oder holen mit einer Leier gegen sie aus.

Die US-Archäologin Ellen Reeder erklärt im Baseler Ausstellungskatalog »Pandora«, dass jene Motive die Liebeslust einer Göttin verbildlichen sollten und zugleich thematisierten, wie bedrohlich das unersättliche Liebesverlangen einer Frau sei. Was Göttern erlaubt sei, stünde Göttinnen längst nicht zu.

An dieser Stelle befindet sich eine Bildergalerie, die gedruckt leider nicht dargestellt werden kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Unbescholtene Bauern werden von einer haarigen Monsterfrau gejagt – vermutlich, weil sie in Liebe zu ihnen entbrannt ist. Die Folklore lehrt, dass dieses Verlangen tödlich enden kann, die Männer mit Haut und Haaren gefressen werden könnten. Für das Weltbild der alten Griechen lag dieser Gedanke nicht fern. Verhielten sich Frauen wider ihre erwartete Rolle, dann nahm ihr Gebaren monströse Züge an. Eine Vorstellung, die – wie im Fall des Kabirenbechers – auch als lachhaft empfunden wurde.

Das Parisurteil einmal anders

Griechische Vasen mit zwei Henkeln haben meist zwei bebilderte Seiten. So auch der Kabirenbecher in New York. Und die Darstellung der einen Seite hängt thematisch mit der anderen zusammen. Sie zeigt eine heitere Version des Parisurteils. Damit ist der Mythos von den drei Göttinnen Hera, Aphrodite und Athena gemeint, die sich darüber entzweiten, wer die Schönste von ihnen sei. Weil sich die Damen nicht einigen konnten, sollte Paris, der Prinz von Troja, die Entscheidung treffen. In der antiken Kunst ist das Parisurteil dutzendfach überliefert. Meist sitzt ein Jüngling in orientalischer Tracht in einer Naturlandschaft und vor ihm sind die drei Göttinnen aufgereiht.

Auf dem Kabirenbecher läuft die Sache ein wenig anders. Da stehen eine matronenhafte Gestalt – womöglich ist Hera gemeint –, eine als Aphrodite charakterisierte nackte Frau mit einem Spiegel in der Hand sowie eine weitere Dame, die einen Kranz erhält. Die Blätterkrone überreicht ihr ein junger Mann, der entspannt auf einer Kline lagert, wie es beim Trinkgelage üblich war. Alle Figuren sind mit unschönen, folglich lachhaften Körpern dargestellt – nach griechischem Empfinden zumindest.

Wer einen Kranz überreicht bekam, galt als Sieger in einem Wettbewerb – im Fall der drei Göttinnen in einem Schönheitswettbewerb. Im Mythos gewinnt Aphrodite, doch im Bild muss sie sich verdutzt geschlagen geben. Welche Geschichte könnte den Stoff für dieses Vasenbild geliefert haben? Höchstwahrscheinlich ist das Wissen dazu verloren, aber bekannt ist, dass die Komödiendichter häufig Mythen in irdischen Szenerien nachstellten. Dann nahmen bürgerliche Typen die Rollen der erhabenen Götter ein. Solche Travestien sollten schlicht zum Lachen sein.

Viele Tongefäße, die einst im Kabirion bei Theben verwendet wurden, zeigen ähnliche Bilder. Wenn aus ihnen getrunken wurde, boten die Malereien eine passende Unterhaltung, die für den heutigen Geschmack wohl zu derb ausfällt. Denn die Komik der Antike war alles andere als zartbesaitet und schon gar nicht tolerant gegenüber den Machtlosen.

In den Museen der Welt schlummern unzählige Ausstellungsstücke – und jedes davon hat eine Geschichte. Was diese »Glanzstücke« erzählen, steht alle zwei Monate in »Spektrum Geschichte« und auf »Spektrum.de«.

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  • Quellen

Reeder, E. D., Pandora, 1996

Schlott, K., Komik im Kult, 2021

Wolters, P., Bruns, G., Das Kabirenheiligtum bei Theben, 1940

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