Ausnahmefund aus Österreich: Kult auf vier Rädern

Viele Männer, wenige Frauen und zwei Hirsche – was soll diese Versammlung nur bedeuten? Und wer ist die nackte Frau, die alle um Längen überragt und eine Schale über den Kopf stemmt? Auf den ersten Blick wirkt der Kultwagen von Strettweg und sein Gewirr aus Bronzefiguren kurios. Zu Füßen der großen Frauenfigur in der Mitte sind zwei identische Gruppen aufmarschiert, angeführt von jeweils zwei Menschen, die einen Hirsch am Geweih gepackt haben. Es ist ein eher klein geratenes Tierchen, das einen umso gigantischeren Kopfschmuck trägt. Hinter den Hirschführern stehen ein Mann und eine Frau. Sie mit Ohrringen, er mit einem großen Beil. Und schließlich wacht neben dem Paar noch je ein bewaffneter Reiter. Die doppelte Prozession wurde auf eine Platte genietet, an die vier Räder und kleine Tierköpfe montiert sind.
Als im Jahr 1851 der Bauer Ferdinand Pfeffer die wunderliche Statuettensammlung aus seinem Acker bei Strettweg schürfte, war er weniger erstaunt, als man meinen möchte. Auch die vielen Steine und die Überreste von Waffen, Schmuck und Bronzegeschirr, die er beim Pflügen aus dem Boden gezerrt hatte, weckten wenig Neugier bei ihm. So nahmen Passanten manches Stück mit, und Pfeffer mottete den Rest im Dachboden ein. Hätte ein Pfarrkaplan die Sache damals nicht spitzbekommen, wer weiß, ob der Kultwagen je als Prunkstück im Grazer Archäologiemuseum Schloss Eggenberg gelandet wäre.
»Als der Wagen im 19. Jahrhundert bekannt wurde, war das eine Sensation«, sagt Daniel Modl, Archäologe und Kurator der Ur- und Frühgeschichtlichen Sammlung am Universalmuseum Joanneum in Graz, zu dem das Archäologiemuseum zählt. »Auch heute noch ist er weltberühmt.«
Das rund 33 Zentimeter hohe Gefährt rechnen Fachleute zur Gruppe der Kessel- oder Gefäßwägen, da in der Schale über der großen Frauenfigur ziemlich sicher ein Kessel eingelassen war. Klar sei auch: »Der Wagen ist fahrbar«, erklärt Modl. »Er wurde also bewegt, sonst hätte man die Achsen starr konstruiert, was technisch viel leichter umzusetzen gewesen wäre.« Vermutlich schob oder zog man den Kultwagen demnach »über eine sehr ebene Oberfläche, denn besonders geländegängig ist er nicht«, hakt Modl ein.
Wo genau oder zu welchem Anlass der Kesselwagen bewegt wurde, ist unbekannt. Fachleute sind sich aber einig, dass er seine Funktion in einem Kult oder religiösen Ritual erfüllte. Sehr wahrscheinlich waren es Handwerker im Ostalpenraum, also dort, wo auch Strettweg und Graz liegen, die das Gefährt im 7. Jahrhundert v. Chr. gefertigt haben. Das legen nicht nur die Machart und der Kunststil des Bronzewagens nahe, sondern auch die Fundumstände.
Bratspieße, Bronzekessel, Bernsteinperlen
Ferdinand Pfeffer war vor 175 Jahren mit seinem Pflug durch die Überbleibsel eines Grabhügels gefahren. Bei Nachgrabungen damals und bei erneuten Arbeiten 2012 fand sich, was vom Beigabenschatz übrig geblieben war: Bronzefragmente von Schüsseln, eines Kessels und einer Amphore sowie eiserne Bratspieße und Lanzenspitzen, Pferdegeschirr und zahlreiche, teils außergewöhnliche Schmuckteile, darunter Hunderte Perlen aus Bernstein. Verkohlte Knochen stammten vermutlich von den Bestatteten.
Zwar steht die naturwissenschaftliche Analyse der Überreste noch aus, doch dürften sie laut Grabungsleiter Georg Tiefengraber angesichts der Beigaben zu zwei Männern und zwei Frauen gehört haben. Wobei die »Frauenausstattung« des Grabhügels »überreich« gewesen sei. War die Ruhestätte also in erster Linie für eine der Frauen gedacht? Und war sie eine Art Priesterin, zu deren Kultgerät der Kesselwagen von Strettweg gehörte? Für Tiefengraber eine plausible These.
Sicher ist: Ihr Grabhügel war einer von vielen. Der Friedhof lag am Fuß einer Anhöhe, auf der in der frühen Hallstattzeit, von 800 bis 550 v. Chr., einige Tausend Menschen lebten. Sie und die übrige Alpenbevölkerung standen damals im Bann der Mittelmeerkulturen. Insbesondere Luxuswaren aus Etrurien hatten es den Menschen angetan. »Von dort sind auch solche Gefäßwägen bekannt«, sagt Modl. Keiner, der dem Kultwagen von Strettweg im Detail ähneln würde, »aber sie bestehen ebenfalls aus einem Fahrgestell mit Rädern und einem Kessel obenauf – und zum Teil tragen sie Figuren«. Wahrscheinlich, so Modl, kam die Anregung für den Kultwagen von Strettweg aus Etrurien.
Doch welche Szene spielt sich auf dem Gefährt ab? Ins Auge fällt die große Figur in der Mitte. Verglichen mit den anderen erscheint sie überlebensgroß. »Deshalb könnte sie eine Göttin darstellen«, erklärt der Grazer Kurator. Vor ihr – vielleicht aus Gründen der Symmetrie doppelt wiedergegeben – hat sich eine Opferprozession versammelt: Der Mann mit dem Beil holt aus, um den Hirsch zu erschlagen. Und die Frau neben ihm begleitet das Geschehen als Kultdienerin oder Priesterin. Bereits 1996 deutete der Archäologe Markus Egg die Szene so. Auch Modl hält diese Idee für überzeugend. »Letztlich kann man aber nur spekulieren«, sagt er. »Wir wissen es nicht genau.«
Ebenso unklar ist, womit der Kessel auf dem Wagen einst befüllt war. Blechfragmente aus dem Grabhügel stammen womöglich von jenem Aufsatz, doch auch sie verraten nichts über den ehemaligen Inhalt. »Vielleicht wurde darin das Blut des Opfertieres aufgefangen oder sogar Hirschgulasch aufgetischt«, scherzt Modl. »Und jeder, der einen Bissen aus dem Kessel genommen hat, sollte so die Kraft des Opfertieres oder der Göttin in sich aufnehmen.« Auch das seien reine Vermutungen; aber unbestritten sei, dass im Ostalpenraum Hirsche sehr häufig auf Objekten der Hallstattzeit abgebildet seien.
Abgezwickt und verschraubt
Der Kultwagen von Strettweg gibt immer noch Rätsel auf. Einige davon konnte Modl jedoch lösen. Zusammen mit dem Restaurator Robert Fürhacker untersuchte er die moderne Geschichte des Wägelchens – also ab dem Zeitpunkt, als Bauer Pfeffer 1851 die Teile aus dem Boden hievte und diese ins Museum in Graz gelangten. Kaum ein antikes Objekt, wie Modl und Fürhacker in ihrer Publikation von 2021 ausführen, wurde so stark restauriert wie der Kultwagen in Graz. Ganze elfmal hatte man seit der Entdeckung Hand angelegt.
Seinerzeit störte die Grazer Kuratoren etwa, dass sich das Exponat nur mit zusätzlichen Stützen und Draht aufrichten ließ. Also stabilisierten sie das Wägelchen: Die antiken Nieten, die alle Figuren auf der Grundplatte fixierten, bohrte man um 1900 aus und ersetzte sie durch Schrauben. Ähnliches passierte mit den Rädern: »Sie waren schon bei der Auffindung fragil«, berichtet Modl. Und offenbar hatten die hallstattzeitlichen Handwerker deren Achslöcher unterschiedlich ausgearbeitet. Die Restauratoren verpassten dem Wagen daher vier gleichförmige Räder – sie entfernten ein antikes Radpaar und rekonstruierten aus den Überresten der übrigen zwei ein neues Paar. Inzwischen ist der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt, nachdem in den 1990er-Jahren aufgefallen war, dass im Depot »zwei Ersatzräder« schlummerten, wie der Kurator erzählt.
Bei seinen Nachforschungen machte Modl noch einen besonderen Fund: Im Archiv seiner Museumsabteilung stöberte er eine Fotografie des Kultwagens auf. Jemand hatte das Gefährt Ende 1852 im ersten Zustand der Restaurierung abgelichtet und Bilder auf Salzpapier abgezogen. In Österreich dürfte es die älteste bekannte Fotografie eines archäologischen Fundes sein – und weltweit sind nur wenige um einige Jahre älter.
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