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Azteken: Der rätselhafte Stein der Sonne

Wie sich die Azteken den Kosmos vorstellten, verrät eine kolossale Steinscheibe aus Mexiko-Stadt. Auf dem Stein der Sonne sind Götter und Menschen mit den Zyklen der Zeit verwoben.
Steinrelief mit komplexen Gravuren, das ein kreisförmiges Design zeigt, das an einen antiken Kalender erinnert. Das Relief ist reich an Symbolen und Mustern, die radial angeordnet sind. Es befindet sich in einem Museum auf einem Sockel und ist von einer neutralen Wand umgeben. Die kunstvolle Darstellung spiegelt die kulturelle Bedeutung und das handwerkliche Können der Zivilisation wider, die es geschaffen hat.
Die Basaltscheibe im Nationalmuseum für Anthropologie in Mexiko-Stadt wiegt mehr als 24,5 Tonnen, misst zirka 3,6 Meter im Durchmesser und dürfte gut 500 Jahre alt sein.

Das Allerheiligste der Azteken – die Achse ihrer Welt – lag auf einer Insel inmitten des Texcoco-Sees. Dort, im Zentrum ihrer Hauptstadt Tenochtitlán, hatten die Azteken, die sich selbst Mexica nannten, ihre Sicht der Welt in Stein geformt: In Dutzenden Tempelbauten, Altären, Skulpturen und Reliefs verbildlichten sie ihre Geschichte und verehrten ihre Gottheiten mit teils blutigen Menschenopfern – allen voran den Kriegs- und Stammesgott Huitzilopochtli sowie die Regengottheit Tlaloc im Templo Mayor.

In der Kunst zeigten die Azteken, wie der Kosmos der Götter mit der Welt der Menschen untrennbar verwoben und in die Zyklen der Zeit eingebettet war. Vielmehr noch: »Die Azteken setzten die Zeit mit den Göttern gleich«, erklärte der Historiker Alfredo López Austin (1936–2021) im Katalogband »Azteken«. Die Zeit, genauer der Lauf der Sonne, spielte daher in Mythologie und Kult eine wichtige Rolle. Es verwundert nicht, dass die Mexica und andere Völker Amerikas die Zeit in komplexe Kalender gebannt hatten.

Wie sich die Azteken ihren Kosmos vorstellten, veranschaulicht ein Fund von kolossaler Größe, der heute im Nationalmuseum für Anthropologie in Mexiko-Stadt ausgestellt ist: der Stein der Sonne oder Kalenderstein, der einst bunt bemalt im Umfeld des Templo Mayor, des Hauptheiligtums der Mexica, flach am Boden lag. Wofür er verwendet wurde, ist unklar. Ähnliche Stücke sowie Schriften der frühen Kolonialzeit legen laut dem Archäologen Eduardo Matos Moctezuma nahe, dass er als Opferstelle diente.

Die mehr als 24,5 Tonnen schwere Basaltscheibe ist übersät mit Figuren und Zeichen, die sich kreisförmig um eine Fratze in der Mitte legen. Die beschädigte Gestalt mit herausgestreckter, messerförmiger Zunge deuten die meisten Archäologen als den Sonnengott Tonatiuh, der seine Arme zu den Seiten ausbreitet und mit seinen Klauen menschliche Herzen umgreift.

Um das Gesicht reihen sich ein keilförmiges und vier rechteckige Felder. Die Umrisse dieser Elemente bilden eine aztekische Hieroglyphe: »ollin«, was so viel wie »Bewegung« bedeutet. Zusammen mit den vier Punktsymbolen zu den Seiten der Klauen ergibt sich eine Datumsangabe, die als »vier Bewegung« zu lesen ist. Sie bezeichnet das damals gegenwärtige Zeitalter der Azteken.

Wirbelstürme, Feuerregen und Fluten zerstörten die Welten

In der Vorstellung der Mexica hatte die Welt bereits vier Epochen oder »Sonnen« durchlaufen. Eine jede ging in einer Katastrophe unter, wie es auch am Kalenderstein angezeigt ist: In dem Rechteck rechts über dem Gottesemblem steht das Zeichen für die älteste Epoche des »Jaguars«, umgeben von vier Punkten. Diese Zeit habe geendet, als die Götter die Giganten auf der Erde von Jaguaren fressen ließen. Gegen den Uhrzeigersinn folgen auf dem Sonnenstein die weiteren Zeitalter: »4 Wind«, »4 Feuerregen« und »4 Wasser«. Durch Wirbelstürme, Vulkanausbrüche und Fluten seien diese Welten zerstört worden. Die fünfte Ära ist »ollin«, die durch Erdbeben zugrunde gehen würde. »Dieses Muster aus Geburt, Erfüllung, Zerstörung, Dunkelheit und Wiedergeburt«, so erklärt es Davíd Carrasco von der Harvard University in seinem Buch »The Aztecs«, »ist die übergeordnete Weltsicht, in der die Azteken verweilten, ihre Hauptstadt errichteten und ihren Alltag verlebten«.

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Als Erster veröffentlichte 1792 der mexikanische Historiker und Astronom Antonio de Léon y Gama (1735–1802) eine Untersuchung des Sonnensteins. Grün umrandet ist die Hieroglyphe »ollin«, blau der Ring mit den 20 Monatstagen, rot die beiden Feuerschlangen und gelb Datumsangaben.

Das Bildensemble in der Mitte des Sonnensteins umgibt ein Ring mit 20 Feldern. Sie stehen stellvertretend für die 20 Tageszeichen des Ritualkalenders, der insgesamt 260 Tage umfasste. Er war verschränkt mit dem Standardkalender, der ungefähr einem Sonnenjahr entsprach und 365 Tage zählte. An den Ring mit den Tagesnamen schließen sich weitere Kreisornamente an, die in regelmäßigen Abständen von Dreiecken unterbrochen werden – Forscher interpretieren sie als Sonnensymbole. Den äußeren Rand bilden zwei Feuerschlangen, aus deren Schlund jeweils ein menschlicher Kopf hervorlugt. Die Schlangen trugen, so die Vorstellung der Azteken, die Sonne im Lauf des Tages von Osten nach Westen.

Am oberen Rand der Scheibe stoßen die Schwanzspitzen der Feuerschlangen an ein Hieroglyphenzeichen: Genannt ist das Datum »13 Rohr«, mit dem nach westlicher Zeitrechnung das Jahr 1479 gemeint sein dürfte. Zu jener Zeit regierte Axayacatl über das Aztekenreich. Auf der Basaltscheibe ist aber noch ein weiterer Herrscher genannt: Über dem Haupt der Götterfratze und unter deren Zunge, zwischen dem »ollin« und dem Ring mit den Tagesnamen, stehen insgesamt vier Hieroglyphen. Wie William Barnes von der amerikanischen University of St. Thomas im »Oxford Handbook of the Aztecs« erklärt, nennen die Zeichen den Aztekenherrscher Moctezuma II. (um 1465 bis 1520) und verweisen vielleicht auf vergangene Ereignisse aus Axayacatls Zeit. Derartige Bezüge auf Vorgänger sind keine Seltenheit auf aztekischen Monumenten. Auf diese Weise soll der Stein der Sonne, so erläutert Barnes den Zweck des Monuments, »die kosmischen Epochen und ihre göttlichen Akteure – die Herrscherdynastie von Tenochtitlán – mit dem geheimen Lauf der Zeit verknüpfen«.

Wie aus Tenochtitlán Mexiko-Stadt wurde

Der Kalenderstein kam 1790 bei Bauarbeiten zum Vorschein. Damals waren die Azteken längst verschwunden. Die Spanier hatten 1521, nachdem Tenochtitlán fast 200 Jahre lang existiert hatte, die Stadt dem Erdboden gleich gemacht. Auf dem Schutt der ehemaligen Aztekenhauptstadt errichteten sie ihre neue Kapitale von Neuspanien: Mexiko-Stadt.

Mit der Entdeckung des Sonnensteins und anderer kolossaler Monumente am Ende des 18. Jahrhunderts begann denn auch die Aztekenforschung, die fast 200 Jahre später einen weiteren bedeutenden Fund feierte: In Mexiko-Stadt stieß man auf die Überreste des Templo Mayor, in dem einst die beiden Götter Huitzilopochtli und Tlaloc über der Stadt thronten. Im Umfeld ihrer Tempelpyramide könnte der Sonnenstein gelegen haben.

In den Museen der Welt schlummern unzählige Ausstellungsstücke – und jedes davon hat eine Geschichte. Was diese »Glanzstücke« erzählen, steht alle zwei Monate in »Spektrum Geschichte« und auf »Spektrum.de«.

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  • Quellen

Carrasco, D., The Aztecs, 2012

Matos Moctezuma, E., Solís Olguín, F. (Hg.), Azteken, 2003

Matos Moctezuma, E., La Piedra del Sol o Calendario Azteca, 2025

Nichols, D. L., Rodríguez-Alegría, E. (Hg.), The Oxford Handbook of the Aztecs, 2017

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