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Dornauszieher: Das coolste Aua der Geschichte

Die Menschen der Antike schmückten ihre Gärten mit Statuen. Gerne auch mit Skulpturen von Hirtenjungen, die sich einen Dorn aus dem Fuß ziehen, so wie der »Spinario« in Rom. Idyllischer konnte es kaum werden.
Eine Bronzestatue eines jungen Mannes, der auf einem Felsen sitzt und einen Dorn aus seinem Fuß zieht. Die Skulptur befindet sich in einem Museum mit Steinwänden und einer großen Fensterfront im Hintergrund. Der Raum ist gut beleuchtet und die Statue steht auf einem runden Sockel.
Die römische Bronzeskulptur des Dornausziehers steht in den Kapitolinischen Museen in Rom.

Autsch! Das hat weh getan. Der Junge hat sich einen Dorn in den Fuß getreten. Nun sitzt er da auf einem Felsen, beugt sich über seinen linken Fuß, den er sich – auf den rechten Oberschenkel gestützt – entgegenreckt. Mit Zeigefinger und Daumen der anderen Hand versucht er, den Fremdkörper aus der Sohle zu zupfen. Eine schmerzhafte Prozedur, die den Jungen überraschend kaltlässt: Wer ihm ins Gesicht blickt, sieht ein ebenmäßiges Antlitz mit einem leichten Lächeln – und extrem gut frisierten Locken. Der Junge ist sogar derart gut frisiert, dass selbst mit gesenktem Kopf keine einzige Strähne verrutscht. Als hielten große Mengen Haarspray die feine Frisur in Form.

Der Junge, der nackt auf einem Felsen hockt und seinen Fuß verarztet, ist eine Statue: eine 73 Zentimeter hohe Bronzeskulptur, die besser bekannt ist als Dornauszieher oder Spinario. Sie steht heute in einem lichtdurchfluteten Saal der Kapitolinischen Museen in Rom, wo sie sich, einmal abgesehen von einer Unterbrechung unter Napoleon, seit dem Jahr 1471 befindet. Damals hatte Papst Sixtus IV. die Figur dem neu eingerichteten Antikenmuseum auf dem Kapitol geschenkt.

Öffentlich zu sehen war sie aber schon davor: Reisende wie Magister Gregorius aus England, der Rom im 13. Jahrhundert besuchte, betrachteten die Statue am Lateranpalast. Ab wann sie dort aufgestellt war, ist unbekannt. Sicher ist aber: Schon dereinst war sie viele Jahrhunderte alt.

Archäologen gehen heute davon aus, dass ein Künstler die Skulptur im 1. Jahrhundert v. Chr. in Bronze gegossen hat. Dabei kopierte er ein Motiv, das bereits damals einige Generationen lang bekannt war. Aus der Antike hat nämlich nicht nur ein einziger Dornauszieher überdauert, sondern gleich mehrere. Spätestens im 2. Jahrhundert v. Chr. war das Motiv geläufig, wie eine Tonfigur aus der Stadt Priene in Kleinasien bezeugt: Dargestellt ist ein Hirte, der sich ganz so wie der Spinario in Rom einen Fremdkörper aus der Fußsohle puhlt.

Dornauszieher | Die 73 Zentimeter hohe Skulptur zeigt einen Jungen, der sich einen Dorn aus dem Fuß zieht. Vermutlich entstand die Statue im 1. Jahrhundert v. Chr., das Motiv geht aber auf ein älteres Vorbild zurück.

Das harte Hirtenleben

Die Idee vom Dornauszieher dürfte aber noch älter sein. So ließ der griechische Dichter Theokrit in einem seiner launigen Gedichte aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. zwei Hirten durchs Gestrüpp hasten. Sie wollten Kälber einfangen – wobei sich einer der beiden einen Dorn eintritt, den ihm der andere wieder aus dem Fuß zieht.

Ohne diese schriftliche Überlieferung wäre im Fall des Spinario in Rom wohl nicht einmal klar, dass der Junge einen Dorn entfernen will. Denn weder im Fuß der Bronzestatue noch zwischen den Fingern steckt irgendetwas.

Die Szene in Theokrits Gedicht spielt in einem ländlichen Idyll, dem Hauptschauplatz der bukolischen Dichtkunst, als deren Schöpfer ebenjener Theokrit gilt. In der Zeit des Hellenismus, ungefähr ab 300 v. Chr., waren Gedichte, die das harte Hirtenleben in epischem Versmaß zelebrierten, in der griechischen Welt äußerst beliebt. Sie prägten eine ganze Epoche – so sehr, dass die Menschen nicht nur den Worten über eine rustikale Ländlichkeit lauschten, sondern auch ihre Gärten und Heiligtümer mit bukolischen Statuen bevölkerten.

Durch dieses Idyll, über das in der Vorstellung der Griechen der Gott Dionysos herrschte, sollten Mythenwesen wie Satyrn, Pane und Mänaden streifen. Und dort tapsen auch sie in Dornen, die sie sich teils selbst herausziehen, teils von ihren Kumpanen aus dem Fuß zupfen lassen.

Zum Umfeld dieser dionysischen Figuren gehören Bilder, die Angehörige niedriger Schichten wiedergeben: eine trunkene, verlebte Dame, ein ausgemergelter Fischer oder eine betagte Marktfrau. Die Menschen des Hellenismus fanden Gefallen an solchen Figuren, die das Leben gesellschaftlicher Randgruppen in krassem Realismus spiegelten und eine Gegenwelt zur gepflegten Stadtkultur zeigten, wie es der Archäologe Tonio Hölscher in seinen Schriften erklärt. Mit solchen Gegenbildern vor Augen hätten sich die hellenistischen Bürger ihrer eigenen Werte, ihres eigenen Wohlstands versichert. Und zu diesen Skulpturen zählen auch die Dornauszieher.

Hellenistischer Hirtenjunge | Dicke Backen, krumme Beine – in den Augen der Griechen war der junge Hirte, der einen Dorn aus seiner Fußsohle entfernt, kein Hingucker, sondern eine lächerliche Gestalt. Filzhut und Fellgewand geben ihn als Hirten zu erkennen.

Der Spinario in Rom hat auf einem Felsen Platz genommen. Er sitzt demnach im Freien. Dort hat er sich den Dorn eingetreten – wie der Hirte im Gedicht des Theokrit. Viele Darstellungen im selben Sitzmotiv sind ebenfalls als Hirten charakterisiert, etwa die Terrakotte aus Priene. Mütze und umgebundenes Fell machen diesen Jungen zu einem Hirten, der körperlich besonders derb daherkommt: eine gerunzelte Stirn, dicke Backen, krumme Beine und ein – entgegen antiker Sittlichkeit – zu großer Penis. Solche Körpermerkmale galten damals als typische Eigenschaften einer ziemlich lächerlichen Gestalt.

Alle Dornauszieher seien als Hirtenknaben aufgefasst worden, schreibt die Archäologin Rita Amedick im »Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft«, aber nicht alle hielt man für lachhafte Typen. Es gab Dornauszieher wie den bäurischen Jungen aus Priene, und am anderen Ende des Bedeutungsspektrums »schöne, erotisch attraktive Hirtenknaben, wie sie als Götterlieblinge schon aus griechischen Mythen bekannt sind«, so Amedick. Ganymed sei so einer, der nichts ahnend seine Schafe hütet, als ihn Zeus in Gestalt eines Adlers entführt, weil der Gott im Olymp einen Mundschenk braucht und sich noch dazu in den Jungen verliebt hat. (Päderastie fanden die alten Griechen weder anstößig noch verwerflich, geschweige denn wäre sie als Straftat geahndet worden.)

Kunstvolle Frisur

Ob der Dornauszieher in Rom einen solchen Hirtenjungen aus den Mythengeschichten darstellen soll, lässt sich kaum klären. Als lachhafte Gestalt ist er jedoch nicht charakterisiert, im Gegenteil: Das idealisierte Gesicht, die fein gekämmten und gelockten Haarsträhnen, die über der Stirn kunstvoll geknotet sind, zeigen einen – im Sinne der Antike – schönen Jungen.

Eine Sache will dennoch so gar nicht passen: die Frisur des Spinario, die wie betoniert am Kopf haftet. Die Künstler des 1. Jahrhunderts v. Chr. waren sehr wohl in der Lage, ein naturalistisches Bildnis zu schaffen, das dem Gesetz der Schwerkraft gehorcht. Warum also hat man dem Dornauszieher diese spezielle Haartracht verpasst? Fachleute sind überzeugt davon, den Grund für diesen Widerspruch entlarvt zu haben. Es dürfte sich bei dem Spinario um ein eklektisches Bild handeln.

Für ihre Auftraggeber schufen die Bildhauer Skulpturen, die sie aus verschiedenen Kunstepochen zusammenstückelten. Der Kopf des Dornausziehers in Rom ähnelt stilistisch Darstellungen aus dem frühen 5. Jahrhundert v. Chr. Damals gab es allerdings noch keine einzige Figur eines Dornausziehers. Ein solches Motiv fand seine Abnehmer frühestens im Hellenismus und stieß auch noch in römischer Zeit auf Liebhaber.

Gut möglich also, dass einst ein wohlhabender Römer den Spinario erworben hatte und in seinem Garten aufstellen ließ – als Teil eines ländlichen Idylls, in dem selbst vornehm frisierte Hirtenknaben in Dornen steigen.

In den Museen der Welt schlummern unzählige Ausstellungsstücke – und jedes davon hat eine Geschichte. Was diese »Glanzstücke« erzählen, steht alle zwei Monate in »Spektrum Geschichte« und auf »Spektrum.de«.

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  • Quellen

Amedick, R., Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft, 2005

Hölscher, T. (Hg.), Klassische Archäologie, 2025

Osborne, J., Master Gregorius. The Marvels of Rome, 1987

Smith, R.R.R., Hellenistic Scultpure. A Handbook, 1991

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