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Autismus-Spektrum-Störung: Fünf Dinge über Autismus, die häufig missverstanden werden

In Film und Fernsehen werden Autisten oft als verquere Genies dargestellt. Aber sind sie wirklich stets gefühlskalt und hoch begabt? Fünf Autismus-Mythen auf dem Prüfstand.
Kind im Wald

"Autisten sind geistig behindert"

Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt Autismus grundsätzlich zu den tief greifenden Entwicklungsstörungen, die sich in aller Regel schon in der Kindheit bemerkbar machen. Welche Symptome genau auftreten und wie stark sie jemanden im Einzelnen beeinträchtigen, ist aber sehr verschieden. Mit Bezug auf das internationale Diagnoseklassifikationssystem ICD-10 unterscheiden Ärzte und Forscher im Kern meist drei Arten von Autismus: den frühkindlichen oder auch Kanner-Autismus, das Asperger-Syndrom und schließlich den atypischen Autismus.

Frühkindlicher Autismus macht sich bereits vor dem 3. Lebensjahr bemerkbar. Er geht in aller Regel mit einer Beeinträchtigung von Sprachentwicklung und Motorik einher, häufig weisen die Betroffenen auch eine verminderte Intelligenz auf. Der Schweregrad der Symptome kann dabei deutlich variieren. Menschen mit Asperger-Autismus haben diese Probleme nicht. Bei ihnen fällt die Störung erst nach dem 3. Lebensjahr auf, sie zeigen meist keine Entwicklungsverzögerung hinsichtlich Sprache oder Kognition, sind dafür aber oft motorisch ungeschickt oder haben Koordinationsschwierigkeiten.

Beiden Formen des Autismus ist gemein, dass die Betroffenen Schwierigkeiten haben, mit anderen Menschen zu kommunizieren und in sozialen Kontexten zu interagieren. Viele von ihnen neigen zudem zu stereotypen, repetitiven Handlungsmustern oder fokussieren sich stark auf ein bestimmtes Repertoire an Interessen und Aktivitäten. Atypischer Autismus zeichnet sich schließlich entweder durch einen verzögerten Beginn aus – oder dadurch, dass typische Symptome nur teilweise deutlich werden.

Ob jemand nun tatsächlich Kanner-, Asperger- oder gar atypischer Autist ist, lässt sich oft nicht so leicht abgrenzen. Statt sich auf eine genaue Bezeichnung festzulegen, spricht man daher inzwischen häufig auch von einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Der Begriff soll verdeutlichen, dass Autismus viele verschiedene, milde bis hin zu schwer wiegende Verlaufsformen kennt und die Übergänge zwischen den Ausprägungen oft fließend sind – ebenso, wie es manchmal der Übergang vom Nichtautisten zum Autisten ist. Auch die aktuelle Fassung des psychiatrischen Klassifikationssystems, das DSM-5, das von der American Psychiatric Association herausgegeben wird, verwendet nur noch den Begriff der Autismus-Spektrum-Störung und hat sich damit weitestgehend von der Unterscheidung zwischen Kanner- und Asperger-Autismus verabschiedet.

Viele Autisten sind durch die Symptome derart stark beeinträchtigt, dass sie kein eigenständiges Leben führen können und auf Hilfe, zum Teil auf intensive Betreuung angewiesen sind. Manche von ihnen lernen nie richtig zu sprechen, neigen zu selbstverletzendem Verhalten oder Wutausbrüchen. Andere kämpfen zusätzlich mit Schlaf- und Essstörungen oder Phobien. Es gibt aber auch Betroffene, die ein annähernd normales Leben führen, eine eigene Wohnung haben, selbst einkaufen gehen und die gleichen Berufe ausüben wie Nichtautisten. Manche von ihnen schreiben, bloggen oder zeichnen über ihr Leben mit Autismus und sind selbst zu Experten für die Störung geworden. Die Kanadierin und Autistin Michelle Dawson forscht seit mehr als zehn Jahren an der Université de Montréal zum Thema Autismus. Gemeinsam mit dem Neurowissenschaftler Laurent Mottron hat sie zahlreiche Studien in Fachmagazinen publiziert. Mottron wird bei seiner Arbeit von mehreren Menschen mit Autismus unterstützt.

Spricht man von "Autisten", redet man also grundsätzlich über eine ziemlich große Bandbreite von Menschen: Den Autisten gibt es nicht. Manche wissenschaftliche Publikation – viele davon stammen ebenfalls aus der Feder von Mottron und Co. – wirft zudem zunehmend Zweifel an unserer Sichtweise des Autismus auf. So testeten die Forscher etwa im Jahr 2007 die Intelligenz von Kindern und Erwachsenen mit und ohne Autismus mit zwei verschiedenen Testverfahren: einmal mit den klassischen Wechsler-Intelligenztest und einmal mit dem Matrizentest nach John Raven, bei dem Intelligenz im Wesentlichen dadurch gemessen wird, dass die Teilnehmer spezielle Muster verstehen und fortsetzen müssen. Der Clou: Ravens Matrizentest funktioniert nonverbal und auch bei Menschen, die weder lesen noch schreiben können. Während nichtautistische Probanden in beiden Tests sehr ähnliche Ergebnisse erzielten, beobachteten die Wissenschaftler, dass die autistischen Teilnehmer – egal ob bei ihnen Kanner- oder Asperger-Autismus diagnostiziert worden war – in Ravens Matrizentest deutlich besser abschnitten als im Wechsler-Intelligenztest. Zudem meistern sie den Test bei zum Teil gleich guten Antworten wesentlich schneller als Nichtautisten. Auch bei anderen Problemlöseaufgaben stellen sich manche Menschen mit Autismus geschickter an. Ihre Intelligenz könnte also unterschätzt werden, schlussfolgert Mottron: Das Intelligenzproblem ist vielleicht ein Testproblem.

Dass Menschen mit Autismus Nichtautisten in mancher Hinsicht überlegen sind, hängt vermutlich damit zusammen, dass ihr Gehirn Reize anders verarbeitet. Viele Wissenschaftler sehen Autismus daher auch als eine Informationsverarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung des Gehirns an. So sind manche Hirnareale, etwa die visuellen Zentren, bei Menschen mit Autismus aktiver, während Areale, die mit Handlungsplanung, Entscheidungsfindung und kognitiver Kontrolle assoziiert werden, schwächer reagieren. Mottrons Theorie: Möglicherweise hat sich ihr Gehirn schlicht auf andere Dinge spezialisiert. Insgesamt sind wir allerdings noch weit davon entfernt, die neuronalen Mechanismen der Störung genau zu verstehen – sofern das bei der gegebenen Bandbreite der Ausprägungen überhaupt möglich ist.

"Autisten haben keine Gefühle"

Soziale Interaktion mit anderen fällt Menschen mit Autismus in aller Regel schwer. Schon als Kinder haben sie häufig Schwierigkeiten, Beziehungen zu Gleichaltrigen zu knüpfen, sie weichen Blicken aus, meiden Körperkontakt und wirken manchmal regelrecht desinteressiert. Hartnäckig hält sich daher der Eindruck, sie seien gefühlskalt, ja sogar unfähig, überhaupt etwas zu empfinden.

Tatsächlich haben Menschen mit Autismus Schwierigkeiten mit den unausgesprochenen Regeln der menschlichen Kommunikation: Es bereitet ihnen Probleme, Gesagtes zu interpretieren, die Mimik, den Tonfall oder die Körpersprache ihres Gegenübers zu deuten – und entsprechend reagieren sie oft auch nicht auf solche nonverbalen Signale. Umgekehrt fällt es ihnen selbst schwer, Emotionen über Mimik, Gestik oder Stimmlage zu transportieren und diese in sozialen Kontexten ähnlich gut wie Nichtautisten einzusetzen. Menschen mit Autismus haben also natürlich Gefühle – aber sie teilen sie nicht zwangsläufig auf die gewohnte Weise mit anderen.

Schau mir in die Augen!
Schau mir in die Augen! | Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten, Mimik, Körpersprache und Tonfall von anderen zu deuten. Oft weichen sie schon als Kind den Blicken anderer aus.

Eine Metaanalyse von Mirko Uljarevic von der Cardiff University und Antonia Hamilton von der University of Nottingham, die 48 verschiedene Studien zum Thema Autismus und Emotionsverarbeitung zusammenfasst, zeigt, dass die Betroffenen im Durchschnitt vor allem Probleme damit haben, negative Gefühle zu erkennen. Manche Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit Autismus über eine eingeschränkte "Theory of Mind" verfügen, sich also schlechter in andere hineinversetzen und deren Gedankengänge, Erwartungen und Gefühle erahnen können. Andere Untersuchungen fanden allerdings bei gängigen Tests keine Unterschiede in der Entwicklung der Theory of Mind zwischen autistischen und nichtautistischen Kindern. Auch hier ist möglicherweise das breite Autismus-Spektrum der Knackpunkt. Vielleicht haben manche Betroffene Schwierigkeiten damit, andere aber nicht.

Wissenschaftler um Giorgia Silani von der Universität Wien stellten Probanden mit hochfunktionalem Autismus, dem Asperger-Syndrom oder ohne Autismus-Spektrum-Störung vor klassische moralische Dilemmata: Sie sollten sich vorstellen, ein Zug würde auf fünf Menschen zurollen, doch sie könnten eine Weiche stellen und den Zug auf ein Gleis umleiten, auf dem er nur eine Person erwischen würde. Wie würden sie sich entscheiden? Und wie sieht es aus, wenn sie keine Weiche betätigen, sondern einen Menschen selbst auf die Gleise stoßen müssten, um die fünf anderen zu retten? Erwartungsgemäß entscheidet sich im ersten Fall in den meisten Versuchen etwas mehr als die Hälfte der Probanden dafür, lieber einen Menschen zu opfern und fünf dafür zu retten. Zurückhaltender sind dagegen viele, wenn sie sich selbst die Hände schmutzig machen müssen. Silanis Experiment zeigt: Auch Menschen mit Autismus bilden hier keine Ausnahme. Sie zögern sogar etwas mehr als Nichtautisten, wenn sie jemandem selbst unmittelbar schaden müssen.

Silani und Kollegen glauben, dass die eingeschränkte Empathiefähigkeit, die Menschen mit Autismus in manchen Untersuchungen attestiert wird, eher mit einer so genannten Alexithymie oder Gefühlsblindheit zusammenhängt. Die Betroffenen können ihre eigenen Gefühle in aller Regel nicht adäquat wahrnehmen oder beschreiben. Alexithymie wird von Forschern nicht als Störungsbild, sondern eher als Persönlichkeitseigenschaft gedeutet. Sie tritt bei Menschen mit Autismus gehäuft auf, betrifft aber auch Nichtautisten.

"Autisten sind hoch begabt"

Dass viele Menschen glauben, die meisten Menschen mit Autismus hätten eine besondere Begabung und könnten etwa den Inhalt von 12 000 verschiedenen Büchern auswendig aufsagen oder schwierige Kopfrechenaufgaben schneller als ein Taschenrechner lösen, ist vermutlich vor allem Film und Fernsehen geschuldet. Dort begegnen uns Autisten spätestens seit "Rain Man" oft als verquere Genies, die zwar nicht in der Lage sind, den Haushalt zu schmeißen, Nichtautisten geistig in mancherlei Hinsicht aber weit überragen.

Tatsächlich pflegen viele Menschen mit Autismus Spezialinteressen, sie beschäftigen sich also mit bestimmten Dingen ganz besonders gerne oder häufen Wissen auf einem speziellen Gebiet an. Eine echte Inselbegabung, die das Können anderer Menschen in einem bestimmten Bereich weit in den Schatten stellt, ist aber kein Kennzeichen des Autismus, sondern gehört zum "Savant-Syndrom". Tatsächlich gibt es hier eine gewisse Überschneidung: Schätzungsweise die Hälfte aller Savants sind Autisten – aber nicht jeder Autist ist auch ein Savant! Der gängigsten Theorie zufolge besitzt etwa einer von zehn Menschen mit Autismus eine Inselbegabung. Diese Zahl geht auf eine Studie von 1978 zurück, bei der Forscher 5400 autistische Kinder untersuchten. Bei rund 530 von ihnen berichteten die Eltern von ungewöhnlichen Fähigkeiten des Nachwuchses. Neuere Untersuchungen legen allerdings nahe, dass Inselbegabungen unter Autisten wesentlich seltener sind. Savants ohne Autismus weisen meist eine andere Entwicklungsstörung oder eine kognitive Beeinträchtigung auf.

Eine echte Inselbegabung ist kein Kennzeichen des Autismus, sondern gehört zum "Savant-Syndrom"

Einer der ersten Savants, die in den 1780er Jahren in der wissenschaftlichen Literatur Erwähnung fanden, war der Blitzrechner Thomas Fuller, der offenbar in unglaublicher Geschwindigkeit mathematische Probleme lösen konnte. So gab er bereits nach 90 Sekunden die richtige Antwort auf die Frage, wie viele Sekunden ein Mann bereits gelebt hatte, der 70 Jahre, 17 Tage und 12 Stunden alt war (es sind 2 210 500 800 Sekunden) – und hatte dabei sogar 17 Schaltjahre mit einberechnet! Der Begriff des Savants und die erste wissenschaftliche Definition wurden allerdings erst gut 100 Jahre später geprägt, unter anderem von dem Neurologen John Langdon-Down, nach dem auch das Down-Syndrom benannt ist.

Inzwischen unterscheiden Forscher häufig zwei Arten von Inselbegabungen: Bei den so genannten "talentierten" Savants handelt es sich hauptsächlich um Menschen mit einer besonders schweren Beeinträchtigung, die auf einem Gebiet gute Leistungen vollbringen. Wirklich herausragende Fähigkeiten, wie sie oft in Hollywood-Filmen thematisiert werden, besitzen die "erstaunlichen" Savants. Eine solche Form der Inselbegabung attestieren Wissenschaftler aber nur rund 100 Menschen auf der Welt.

"Autismus entsteht durch Impfungen"

Es ist beliebtes Argument vieler Impfkritiker und -gegner: Impfen verursacht Autismus. Als Beleg für diese These wird häufig eine Studie ins Feld geführt, die Forscher um den Arzt Andrew Wakefield 1998 im Fachmagazin "The Lancet" veröffentlichten. Die Wissenschaftler untersuchten zwölf Kinder und stellten anschließend über Darmprobleme einen möglichen Zusammenhang zwischen Autismus-Symptomen und einer Impfung mit dem Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) her. In den darauf folgenden Jahren entbrannte in der Wissenschaft eine Kontroverse um die Ergebnisse der Untersuchung, die damit endete, dass sich zunächst 10 der 13 Autoren von der Behauptung distanzierten, einen Zusammenhang zwischen Autismus und dem MMR-Impfstoff entdeckt zu haben, und "Lancet" die Studie schließlich zurückzog.

Die Begründung des Fachmagazins: Mehrere Elemente der Studie seien "unrichtig", vor allem das ethische Vorgehen fragwürdig. Zwischenzeitlich hatte der britische Journalist Brian Deer zudem Hinweise darauf entdeckt, dass Wakefield Unterstützung von Anwälten erhalten hatte, die Eltern von autistischen Kindern vertraten und zum Teil Prozesse gegen Hersteller des MMR-Impfstoffs führten. Dieser mögliche Interessenkonflikt sei weder "Lancet" noch den Mitautoren bekannt gewesen. Zudem soll Wakefield bereits vor Erscheinen der Studie das Patent für einen vermeintlich sicheren Einzelimpfstoff beantragt haben, den er anschließend als Ersatz für den Kombinationsimpfstoff empfahl. Diese Umstände ließen Wakefields Ergebnisse mindestens in einem sehr, sehr fragwürdigen Licht erscheinen.

Autismus und Impfen
Autismus und Impfen | Hartnäckig hält sich der Glaube, Impfen könne Autismus verursachen. Studien belegen aber, dass kein Zusammenhang zwischen Autismus und Impfen besteht.

Inzwischen gibt es eine Reihe von Studien, die darauf hindeuten, dass kein Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus besteht. So durchforsteten 2015 etwa Forscher um Craig Newschaffer von der Drexel University in Philadelphia die Daten von 95 000 Kindern nach einer Korrelation zwischen der MMR-Impfung und Autismus. Wie zahlreiche andere Untersuchungen zuvor entdeckten die Forscher kein erhöhtes Risiko für eine Autismus-Spektrum-Störung bei den geimpften Kindern, egal, ob diese erst ein- oder bereits zweimal geimpft worden waren.

Auch das Robert Koch-Institut (RKI), an dem unter anderem die Ständige Impfkommission angesiedelt ist, die Impfempfehlungen für Deutschland herausgibt, schreibt auf seiner Internetseite: "Immer wieder ist in den vergangenen Jahren darüber gestritten worden, ob Autismus, Diabetes oder selbst multiple Sklerose durch Impfungen ausgelöst werden könnten. Einen Nachweis dafür gibt es allerdings bis heute nicht, vielmehr sprechen die Ergebnisse zahlreicher Studien gegen einen Zusammenhang zwischen Impfungen und den genannten Krankheiten." Auch das RKI weist auf die Probleme der Wakefield-Studie hin.

Die "Cochrane Library" veröffentlichte zuletzt 2012 eine Metaanalyse, in deren Rahmen Experten mehr als 60 wissenschaftliche Studien zum Thema Autismus und MMR unter die Lupe nahmen. Die Arbeiten stützten sich insgesamt auf die Daten von über 14 Millionen Kindern bis zu einem Alter von 15 Jahren. Am Ende schlossen die Autoren: Ein Zusammenhang zwischen dem Kontakt zum MMR-Impfstoff und Autismus ist unwahrscheinlich. Die Forscher weisen aber auch darauf hin, dass viele Studien methodisch besser sein könnten.

"Autismus ist heilbar"

Autismus ist nicht heilbar – und in Anbetracht der vielen verschiedenen Ausprägungen des Autismus-Spektrums ist wohl auch anzuzweifeln, dass es jemals eine Art umfassende "Heilung" geben wird. Unter Forschern, Angehörigen und Betroffenen ist zudem umstritten, ob so etwas wie eine Heilung überhaupt nötig ist. Kritiker argumentieren: Menschen mit Autismus sind nicht krank, sondern eben einfach anders. Anstatt also nur zu überlegen, wie man die Menschen am besten in ein vorgefasstes Schema presst, sollte man sich mehr Gedanken darüber machen, wie sich ihr Umfeld so verändern lässt, dass ihnen der Alltag erleichtert wird – ähnlich, wie man das bei blinden Personen oder Menschen im Rollstuhl schließlich auch tut.

Einzelne Autismus-Symptome oder komorbide Störungen, die häufig mit Autismus einhergehen, können zum Teil mit Medikamenten gemildert werden – so etwa Wutanfälle, Angstzustände oder Depressionen. Mit Psychotherapie lassen sich darüber hinaus auch die Kernsymptome lindern, also die Schwierigkeiten in der Kommunikation und im sozialen Umgang mit anderen Menschen. Daran, welche Form der Psychotherapie bei Autismus am wirkungsvollsten ist, scheiden sich bislang allerdings die Geister – auch, weil viele Therapieverfahren im Bezug auf Autismus noch nicht ausreichend erforscht sind. Ob und in welchem Umfang eine Behandlung Sinn macht, ist zudem abhängig vom Einzelfall. Einig sind sich Therapeuten vor allem in einem Punkt: Psychotherapie wirkt umso besser, je früher in der Kindheit damit begonnen wird. Viele Bemühungen richten sich daher darauf, die Autismus-Diagnose und die Früherkennung zu verbessern.

Viele Therapieverfahren in Bezug auf Autismus sind noch nicht ausreichend erforscht

Neuropharmakologen suchen inzwischen ebenfalls nach Methoden, mit denen sich die Autismus-Kernsymptome lindern lassen. In den vergangenen Jahren erlebte vor allem die Oxytozin-Forschung einen regelrechten Boom: Eine Dosis des vermeintlichen "Kuschel- und Beziehungshormons" als Nasenspray verabreicht, und schon überwinden die Betroffenen ihre Probleme in der Kommunikation und im sozialen Umgang mit anderen Menschen, so die Hoffnung mancher Wissenschaftler. Zusammengefasst sind die Ergebnisse entsprechender Untersuchungen allerdings bislang eher ernüchternd: Unter ganz bestimmten Umständen hilft Oxytozin vielleicht ein bisschen – bei manchen Menschen mit Autismus. Zu wenig ist noch über die vielfältige Wirkung von Oxytozin auf das Gehirn bekannt, zu wenig über die neurologischen Ursachen und Begleiterscheinungen von Autismus. Experten raten daher bislang davon ab, mit dem Wirkstoff auf eigene Faust zu experimentieren.

14/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14/2016

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