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Zivilisationskrankheit: Fünf Trends der Diabetesforschung

Diabetes-Erkrankungen werden immer häufiger: Mediziner wissen, dass die Zivilisationskrankheit dem westlichen Lebensstil auf dem Fuß folgt.
Ein kleiner Tropfen genügt

Diabetespatienten: Werden sie immer jünger?

Die Unterscheidung von Typ-1- und Typ-2-Diabetes als Jugend- beziehungsweise Altersdiabetes ist selbst längst veraltet. Die Variante Typ-1, bei dem die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse nicht funktionieren, fällt wegen ihrer Symptome früh im Leben auf. Von Altersdiabetes kann man allerdings beim Typ-2 längst nicht mehr reden: Einzelfälle zeigen immer jüngere Betroffene, und ein gerade einmal dreijähriges Mädchen hält derzeit den Rekord. Aber gibt es tatsächlich einen Trend zu immer jüngeren Typ-2-Diabetikern?

Ein genauer Blick auf die Zahlen – etwa die DEGS-Großstudie des Robert Koch-Instituts – zeigt zunächst vor allem, dass die Gesamtzahl der Patienten mit einem diagnostizierten Diabetes im letzten Jahrzehnt um knapp 40 Prozent angestiegen ist – und insgesamt sogar immer mehr Alte als Junge erfasst werden. Allein der Anstieg des Durchschnittsalters der Bevölkerung sorgt dafür: Rund ein Drittel der Zunahme der Krankheitsfälle kommt zu Stande, weil ältere Menschen ein höheres Risiko für Diabetes haben und die Bevölkerung heute im Durchschnitt immer älter wird.

Typ-1-Diabetes

Der Körper produziert kein eigenes Insulin mehr. Dafür können unterschiedliche Ursachen verantwortlich sein – etwa defekte Gene oder eine Autoimmunerkrankung, bei der die körpereigenen Abwehrzellen die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstören.

Typ-2-Diabetes

Ursache ist eine angeborene oder erworbene Resistenz des Körpers gegen Insulin. Diese kann durch eine chronisch überreichliche Ernährung, zu wenig körperliche Aktivität und die daraus folgende Fettsucht verstärkt werden. Die Bauchspeicheldrüse muss nun ständig vermehrt Insulin produzieren, das aber nicht mehr wirkt – das Blut ist ständig überzuckert. Das kann schließlich allerlei negative Folgen nach sich ziehen: Augen, Herz und Nervensystem, der Magen-Darm-Trakt, Nieren und Gliedmaßen sind besonders häufig betroffen.

Trotzdem erkranken aber auch untypisch viele junge Menschen an der Altersdiabetes vom Typ-2. Die Fachleute stimmen überein, dass dafür eine ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung Hauptursachen sind. Beides verstärkt im Zusammenspiel mit Erbanlagen für Typ-2-Diabetes die Unempfindlichkeit des Körpers gegenüber Insulin. Welchen Beitrag die Lebensumstände auf das Erkrankungsrisiko haben, erkennt man aber besonders auch in den Ländern, in denen sie sich besonders drastisch ändern: So steigt der Typ-2-Diabetes in Osteuropa, wo er früher sehr selten war, rasant an.

Zuckerkrankheit: Oft übersehen?

Tatsächlich wird womöglich bei jedem zweiten der weltweit immer häufigeren Typ-2-Diabetiker die Erkrankung nicht gleich erkannt, schätzte die internationale Diabetesgesellschaft 2011. Das liegt vor allem am schleichenden Verlauf der Krankheit, die sich durch vielfältige und nicht immer eindeutige oder gar schwere Symptome verrät. Die ständige Belastung durch den chronisch hohen Blutzuckerspiegel trifft recht wahllos die Organe des Körpers, seine Gefäße und Nerven. Zuckerkranke sind am Ende besonders oft von Herzinfarkten und Schlaganfall betroffen, zunächst aber liegt die richtige Diagnose nicht auf der Hand: Bei unspezifische Beschwerden wie verstärktem Durst, Gewichtsabnahme oder Müdigkeit denken auch Hausärzte manchmal nicht daran, die Blutzuckerwerte über einen gewissen Zeitraum hinweg zu beobachten.

Auffällig ist aber, dass übergewichtige, körperlich wenig aktive Menschen häufiger auch Typ-2-Diabetes entwickeln. Seit einiger Zeit kennen Mediziner diese Kombination von Merkmalen als "metabolisches Syndrom": eine noch nicht ganz exakt definierte Zivilisationserscheinung, die vor allem in den hoch entwickelten Industriestaaten häufiger wird, wo zu viele Menschen permanent zu viel essen und sich gleichzeitig zu wenig bewegen. Zusammen mit genetischen Veranlagungen bewirkt der ungesunde Lebenswandel eine Kombination aus Fettleibigkeit, Bluthochdruck, einem gestörten Fettstoffwechsel und eben auch den bei Typ-2-Diabetes charakteristischen, chronisch hohen Blutzuckerwerten. Je ausgeprägter alle Symptome auftreten, desto weniger kann man ihnen beikommen, indem man einfach den Blutzuckerspiegel senkt oder Diabetesmedikamente verschreibt.

Ein Patentrezept: Besser Essen, mehr Sport

Die Diabetesfallzahlen steigen – und dies, obwohl die für den Ausbruch der Krankheit eindeutig mitverantwortlichen Erbgutfaktoren im Genpool nicht etwa häufiger geworden sind. Die Ursachen für die Diabetesepidemie sind daher nach Meinung der Experten vor allem in der zunehmend ungesunden Lebensweise zu suchen. Und der beste ärztliche Rat für Betroffene ist eine möglichst umfassende Veränderung des Lebensstils: Mehr Bewegung und eine veränderte Ernährung dreht alle Stellschrauben gleichzeitig wieder in die richtige Richtung. Wie die Ernährung genau umgestellt werden soll, ist dabei übrigens gar nicht so klar. Natürlich hilft es Typ-2-Diabetikern und Menschen mit mehr oder weniger ausgeprägtem metabolischen Syndrom, einfach weniger Kalorien aufzunehmen – vor allem weniger Kohlenhydrate.

Zucker ist derzeit ohnehin ein Modefeindbild der Ernährungswissenschaft, sicher aber nicht die alleinige Wurzel des Übels. Den Blutzuckerspiegel senkt man auch nicht in jedem Einzelfall durch die lange Zeit empfohlene "gesunde Standardernährung" mit wenig Fett und Fleisch sowie mehr Vollkornprodukten, Obst und Gemüse. Kleinere Studien mit Diabetespatienten und Tierversuche legen immerhin nahe, dass eher bestimmte Varianten von Fett- oder Low-Carb- und Paläodiäten mehr bewirken – und in jedem Fall eine persönliche Betreuung durch Ernährungsberater sinnvoll ist; schon, um die psychologischen Klippen der Lebensumstellung ansprechen und abfedern zu können.

Spritze war einmal: Pfiffig Insulin zuführen

Den Typ-1-Diabetes haben Mediziner eigentlich gut im Griff: Betroffene leben recht beschwerdefrei, wenn pünktlich und passend zum Blutzuckerspiegel Insulin von außen zugeführt wird. Allerdings ist das ständige Messen und Hormonnachfüttern auf Dauer nervend und anstrengend, weswegen ein wachsender Industriezweig seit Langem innovative Alternativen sucht, um Diabetikern das Leben leichter zu machen. Dabei erdachten und verbesserten Tüftler zum Beispiel bionische Bauchspeicheldrüsen, die den Blutzuckerspiegel permanent überwachen und danach eine Insulinpumpe steuern: Die Patienten brauchen den Vorgang im Normalfall höchstens noch auf einer Smartphone-App zu beobachten. Andere sorgen sich um Details, die eine weniger aufwändige Blutzuckerbestimmung ermöglichen – etwa ein bei Frühgeborenen eingesetzter, neuer Blutzuckerlichtsensor. Wiederum andere möchten Pumpensysteme oder Insulindepots optimieren, die die defekten Bauchspeicheldrüsen der Patienten ersetzen können.

Insulinmolekül | Dieses komplex aufgebaute Hormon wird in den Langerhans-Inseln in der Bauchspeicheldrüse gebildet. Es senkt den Blutzuckerspiegel, weil es andere Körperzellen anregt, Glukose aus dem Blut aufzunehmen.

In der Pipeline: Neue Medikamente für Diabetiker

Pfiffige Technik hilft Menschen mit Typ-1-Diabetes; Sport und eine Ernährungsumstellung senkt das Typ-2-Diabetesrisiko – schon weil es dem Übergewicht entgegenwirkt, mit dem dann die Zuckerkrankheit oft einhergeht. Trotzdem wird die Zahl der Diabetes-Typ-2-Patienten in den kommenden Jahren weiter zunehmen: Das Robert Koch-Institut etwa schließt aus der derzeit verfügbaren Datenlage, dass in Deutschland bis 2030 womöglich noch einmal 80 Prozent zusätzliche Diabetesfälle unter Männern hinzukommen können; vor allem in sozial schwächeren und medizinisch schlechter betreuten Schichten.

Gesucht werden also ständig auch neue Medikamente für die Diabetestherapie. Klassischerweise zielt diese darauf ab, dem Körper Insulin zuzuführen, die Insulinproduktion anzukurbeln oder den Körper wieder empfindlicher für das Hormon zu machen. Längst aber drehen Pharmakologen auch an vielen anderen Stellschrauben des komplexen Stoffwechselgeschehens, um die Folgen der Krankheit auszubalancieren: etwa an Hormonen wie Leptin, mit dem der Körper das Gehirn über den Hungerzustand informiert; oder an Reglern der Sensorhormone im Darm, die den Körper schon vor der Aufnahme von Zucker ins Blut darauf vorbereiten. Von solchen neuen Medikamenten werden vor allem die Menschen mit Risikogenen profitieren, bei denen eine gesunde Ernährung und mehr Bewegung alleine nicht ausreichend gegensteuern.

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