Glauberg: Die Kanne des Keltenfürsten

Die bronzene Kanne ist beileibe nicht das einzige »Glanzstück«, das sich im Grab des sogenannten Keltenfürsten vom Glauberg verbarg; allerdings ein ganz besonderes. Denn es zeigt: Auf dem schmalen Bergrücken im heutigen Mittelhessen lebte man zwar am Rand der antiken Welt, aber nicht hinter dem Mond. Vermutlich hatten keltische Handwerker, die mit der Kunst der Etrusker vertraut waren, diese Kanne gefertigt.
Gut vier Liter Honigwein hätten hineingepasst. Doch als man die Kanne vor ungefähr 2400 Jahren dem Verstorbenen in die Grabkammer stellte, enthielt sie nur Wasser und zwei Kilogramm reinen Honig. Das unfertige Gemisch sollte offenbar erst im Jenseits zu dem berauschenden Getränk vergären. Metallverbindungen aus dem Kannenmaterial haben über die Jahrtausende einer Zersetzung entgegengewirkt, sodass sich heute noch der Inhalt analysieren ließ.
Nur wenig weiß man über den so reich bestatteten Toten und seine Welt. Oberhalb des Grabhügels befand sich ein »Fürstensitz«, eine befestigte Höhensiedlung, deren politische Bedeutung wohl weit über die Grenzen der heutigen Wetterau hinausreichte. Sehr wahrscheinlich stand der Bestattete in irgendeiner Form an der Spitze der dort Lebenden. Waffen und ein Schild als Grabbeigaben zeichnen ihn als Krieger aus. Vielleicht übernahm er aber auch eine bedeutsame Rolle im Kult der Kelten.
Unklar ist sogar, ob er sich selbst als »Kelte« bezeichnet hätte. Den Namen hat die Fachwelt von antiken Autoren übernommen. Nun verwendet sie ihn als Sammelbegriff für jene Bewohner Europas, die gewisse kulturelle Gemeinsamkeiten erkennen lassen. Das war vor allem ein auffälliger, floraler Kunststil, der sich ab 450 v. Chr. durchzusetzen begann – auch im heutigen Hessen, wie die Kanne belegt. Er definiert die sogenannte Latènekultur.
Ihre auffälligsten Merkmale sind maskenartige Gesichter, oft mit Schnurrbärten, Knubbelnase und großen Augen ausgestattet, sowie die spiralförmigen, rankenden Verzierungen. Beides findet sich auf der Bronzekanne in großer Zahl, etwa am kupfernen Henkelansatz. An Dekoration sparten die Kunstschaffenden der Latènezeit selten, sogar die Standfläche der Kanne ist mit eingravierten konzentrischen Bändern verziert. Auf diese Weise orientierten sie sich an südländischen Gefäßformen, gaben ihnen jedoch gleichzeitig eine eigene, eben unverkennbar »keltische« Handschrift.
Um die Zeitenwende endete die Latènezeit. Damals begann sich im heutigen Deutschland der Einfluss der Germanen durchzusetzen, weiter westlich der der Römer.
Ein Herrscher im Schneidersitz
Als die Archäologen des hessischen Denkmalamts Mitte der 1990er-Jahre auf die weitläufigen Anlagen rund um den Glauberg stießen, entdeckten sie nicht nur weitere Bestattungen, sondern auch eine mannshohe vollplastische Skulptur – ein äußerst seltener Fund für die Welt der Latènezeit. Sie zeigt dieselben Erkennungsmerkmale wie der Tote im Grabhügel und stellt vermutlich ein steinernes Abbild seiner Person dar. Auch das Figürchen, das im Schneidersitz den oberen Rand der Kanne ziert, trägt einen Kompositpanzer wie die Statue. Sollte der junge Mann mit den Locken ebenfalls den Bestatteten darstellen? Diese Frage werde man wohl nie beantworten können, schreibt die Archäologin Daniela Euler in »Glanzvoll ins Jenseits«, ihrem Führer zu den Funden vom Glauberg.
Relativ sicher sei dagegen, dass besagte Figurengruppe Anleihen bei einem Motiv nimmt, das aus dem vorderasiatischen Raum stammte und über das Mittelmeergebiet die keltische Sphäre erreichte: Man nennt es den »Herrn der Tiere«, griechisch »Despotes Theron«. In antiken Darstellungen nimmt dieser meist eine zentrale Position ein und wird dabei von zwei Tieren oder Mischwesen flankiert – wie hier von den beiden Sphingen, die den Körper eines Tiers haben und das Gesicht eines Menschen.
Fraglos wussten die Schöpfer der Kanne eigene Geschichten zu dieser Figur und ihrer Bedeutung zu erzählen, vielleicht brachten sie den »Herrn der Tiere« sogar mit einem ihrer Götter in Verbindung. Das Motiv scheint jedenfalls beliebt gewesen zu sein, es taucht bei einer Vielzahl von Objekten auf, gerade für Kannen ist es typisch.
Aufgrund ihrer lang gezogenen, aus Blech getriebenen Tülle bezeichnen Fachleute das Gefäß als »Schnabelkanne«. Das Fundstück vom Glauberg ist dabei das größte unter den sechs bekannten Schnabelkannen keltischer Produktion. Alles in allem misst es vom Boden zur Spitze 52,2 Zentimeter und kam wohl nur bei besonderen Anlässen zum Einsatz. Denn mit einem Gewicht von 1,35 Kilogramm war es bereits ohne Füllung unhandlich. In vollem Zustand wog es fünf Kilogramm – mehr, als der Henkel auf Dauer hätte halten können.
Verzwickte Herstellung
Ihre fast zweieinhalb Jahrtausende währende Lagerung im Boden überstand die Kanne überraschend gut: Bei der Freilegung waren große Teile noch intakt, insbesondere die obere Partie mit ihren plastischen Verzierungen hatte kaum Beschädigungen erlitten. Trotzdem bedurfte es noch jahrelanger Kleinstarbeit, bis die Wiesbadener Restauratorin Monica Bosinski die erhaltenen Fragmente zur Ursprungsform zusammengefügt hatte. Lediglich auf der rechten Kannenseite fehlte ein größeres Stück, das sie durch Kunstharz ersetzt hat.
Mit Flickzeug und Retuschen waren seinerzeit schon die keltischen Handwerker zugange gewesen, erläutert die Restauratorin im dritten Band der von Udo Recker und Vera Rupp herausgegebenen »Glauberg-Studien«. Offenbar verlangte die Herstellung der Kanne einiges an technischem Geschick. Den Körper der Kanne formten die Schmiede aus einem einzigen großen Blech; danach trieben sie die markanten Rippen ins Material und modellierten Schulter und den Übergang zum Hals, wobei das Metall an mehreren Stellen gefährlich dünn wurde. Immer wieder taten sich Risse und Löcher auf, die sie mit Metalllegierungen zugossen oder mit aufgenieteten Flicken verschlossen. Henkel und Figurengruppe sowie weitere Elemente sind aus Bronzeguss. Auch hier finden sich Spuren von mindestens einem Fehlversuch.
Das zeigt: Kannen dieser Qualität und Ausführung waren zur damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit – erst recht nicht nördlich der Alpen – und darum vielleicht umso begehrter als Prestigeobjekt. Ein etwas weniger reich ausgestatteter Nachfolger des »Fürsten«, dessen Grab in den bereits vorhandenen Grabhügel eingetieft wurde, bekam ebenfalls eine prachtvolle Bronzekanne als Beigabe. Das elegant geschwungene Gefäß mit einem geflügelten Mischwesen aus Pferd und Raubtier auf dem Deckel zählt zum Typus der Röhrenkannen und erlaubte es dem Toten, gut neun Liter Met mit ins Grab zu nehmen. Zumindest in dieser Hinsicht übertrumpfte er seinen Vorfahren. Beide Kannen und viele weitere Funde aus den Fürstengräbern sind heute im Museum »Keltenwelt am Glauberg« zu besichtigen.
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