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Plagen: Mücken - und was man gegen sie tun kann

Warum werden manche Menschen mehr gestochen? Was kann man tun, um sich zu schützen? Und sollte man die Plagegeister nicht einfach ausrotten? Alles über Mücken.
Stechmücke auf der HautLaden...

In Südwestdeutschland herrscht Krieg: Auf den nassen Äckern und in überschwemmten Auen spähen Fachleute nach Mückenlarven. Überschreitet ihre Zahl einen gewissen Wert, versprühen sie dort Pestizide, meist eine Variante des von gentechnisch veränderten Pflanzen bekannten Bt-Toxins. Doch das kann die aktuelle Mückenschwemme bestenfalls ein wenig eindämmen, zudem ist die Maßnahme umstritten. Die derzeitigen Bedingungen sind jedenfalls optimal für die stechenden Plagegeister: Der viele Regen 2016 flutete nicht nur Flussauen, sondern verwandelte auch landwirtschaftliche Flächen in Seenlandschaften. Für Stechmücken, die ihre Eier in Gewässern ablegen, ein wahres Paradies. Die schwülwarmen Temperaturen tun den Tieren ebenfalls gut – und zusätzlich bringen sie Menschen dazu, nachts die Türen und Fenster zu öffnen. Das Mahl ist angerichtet.

Das Dreifache ihres Körpergewichts können Mücken in Form von Blut aufnehmen. Bei den meisten Mücken ist diese Spezialkost ausschließlich für den Nachwuchs vorgesehen – sie selbst sind meist Vegetarier, die Männchen sowieso. Die Entwicklung der Eier verbraucht jedoch Eisen und Proteine, die in normaler Pflanzenkost nur in geringen Mengen enthalten sind.

Was hilft gegen Mückenstiche?

Sich gegen die Stiche der Weibchen zu wappnen, ist schwierig: Die Plagegeister finden uns, egal was wir tun, ganz besonders wenn wir schlafen. Die meisten Versuche, die Tiere abzuschrecken oder sie zu verwirren, indem man ihre Rezeptoren stört, haben bisher keinen Erfolg gebracht, mit Ausnahme des Wirkstoffes Diethyltoluamid (DEET), der für uns Menschen zwar nur schwach riecht, dafür aber Insekten für einige Stunden fernhält. Leider greift der Stoff nicht allein Kunststoffe an, sondern kann auch Ausschlag und allergische Reaktionen auslösen. Sein Wirkmechanismus ist ebenfalls noch nicht vollständig bekannt.

Nacken einer Frau mit mehreren Mückenstichen.Laden...
Juckende Quaddeln

Der bekannteste Rat, den Mückenstress mit weniger Aufwand zu reduzieren, ist übrigens falsch: Abends das Licht im Zimmer auszumachen, lockt Mücken sogar eher an. Die Tiere meiden helles Licht und orientieren sich lieber an Gerüchen. Jene Insekten, die um Lampen herumschwirren, stechen dagegen nicht.

Tatsächlich hilfreich sind Kleidungsstücke, die möglichst viel Haut bedecken. Vor allem aber sollte man sich öfter gründlich waschen – die Mücken fliegen auf Körpergeruch. Wärme spielt ebenfalls eine Rolle bei der Futtersuche der Mücken, deswegen bringt es zumindest kurzfristig Erleichterung, sich kalt abzubrausen. Eine Lowtech-Variante dagegen wird sich hier vermutlich nicht durchsetzen: Ein lebendes Huhn, in einem Käfig über dem Bett aufgehängt, scheint Malariamücken zu vertreiben.

Das ist natürlich ein etwas unbefriedigender Zustand – und nicht ausreichend, wenn schwere Infektionen wie Malaria drohen. In Regionen mit hohen Raten an durch Mücken übertragenen Krankheiten benutzt man, um sich nachts vor Stichen zu schützen, deswegen Moskitonetze, die unter Umständen mit einem Insektizid behandelt sind. In unseren Breiten ist das Risiko bisher nicht so hoch. Für die meisten Menschen sind ein paar Stiche noch eher akzeptabel als das Netz über dem Bett oder gar ein Breitbandpestizid in der Wohnung.

Krankheitsgefahr durch Einwanderer?

Eine andere Strategie allerdings übernimmt man inzwischen aus gefährdeten Regionen: Fachleute inspizieren – zum Beispiel im Raum Heidelberg – private Gärten auf Regentonnen und andere Wasserbehälter. In ihnen brütet ein Einwanderer, über dessen Gefährlichkeit unter Fachleuten Einigkeit herrscht: Aedes albopictus. Die Asiatische Tigermücke macht sich seit geraumer Zeit in Südeuropa breit und ist nun auch in Südwestdeutschland heimisch. Aedes lebt gerne in der Nähe von Menschen, ist berüchtigt aggressiv und überträgt die Erreger gefährlicher Tropenkrankheiten wie dem Denguefieber, Zika, Chikungunya oder Gelbfieber.

Es sind diese blinden Passagiere, um derentwillen sich so viele Fachleute den stechenden Plagegeistern widmen. Sie machen Moskitos zu den mit Abstand gefährlichsten Tieren des Planeten. Jedes Mückenweibchen ist quasi eine fliegende Nadel, die die sonst gut abgeschirmten Blutbahnen mehrerer Menschen miteinander verbindet: Nach einer Blutmahlzeit ruht die Mücke zwei bis drei Tage, legt dann ihre Eier ab und ist bereit für den nächsten Stich. Die Weibchen leben meist etwa zwei Wochen, die mancher Arten jedoch bis zu einige Monate – in dieser Zeit sind sie eine Art Sammeltaxi für alle möglichen Viren und Parasiten.

Stechmücken sind deswegen die einzigen Lebewesen, die für Menschen noch tödlicher sind als andere Menschen: Etwa eine dreiviertel Million Todesopfer pro Jahr ordnen Fachleute den von ihnen übertragenen Krankheiten zu. Von der Malaria wird gelegentlich gesagt, diese Krankheit allein habe die Hälfte aller Menschen getötet, die jemals gelebt haben – von der Größenordnung her ist das sogar plausibel.

Kommen die Tropenkrankheiten nach Europa?

In Deutschland galten von Mücken übertragene Krankheiten seit der Ausrottung der Malaria als ein Problem der Vergangenheit, doch das ändert sich langsam. Die Tropenkrankheiten rücken heute wieder nach Norden vor, zum Beispiel das West-Nil-Virus, das auch von unserer heimischen Mückenart Culex pipiens weitergegeben wird. Das erste deutliche Warnsignal war 2006 ein Ausbruch der Blauzungenkrankheit, einer gefährlichen Tierseuche, deren Erreger von Mücken der Gattung Culicoides übertragen wird und die hier zu Lande vorher unbekannt war. Mit dem Auftreten der Asiatischen Tigermücke und anderen invasiven Moskitos besteht langfristig die Möglichkeit, dass neben dem West-Nil-Virus auch andere Tropenkrankheiten hier wieder heimisch werden – wie es die Malaria einst war.

Während der aktuellen Mückenplage allerdings brauchen wir Malaria oder sogar das bereits 100-fach nach Deutschland eingeführte Denguefieber noch nicht zu fürchten; die Stiche sind bisher vor allem unangenehm. Und nicht zuletzt unfair. In unzähligen deutschen Schlafzimmern nämlich stellen die Mücken derzeit selbst langjährige Partnerschaften auf die Probe. Auf der einen Seite des Bettes nämlich ist vielleicht ein Stich zu verzeichnen, während sich nur 20 Zentimeter weiter eine von Dutzenden juckender Quaddeln bedeckte Kreatur die existenzielle Frage stellt: warum immer ich?

Moskitonetz, an einer Seite offen.Laden...
Moskitonetz | ... Profis machen es zu.

Warum stechen Mücken manche Menschen öfter?

Das ist keineswegs nur ein persönlicher Eindruck. Fachleute schätzen, dass etwa ein Fünftel der potenziellen Opfer vier Fünftel der Stiche abbekommt. Welche genauen Faktoren dabei beteiligt sind, weiß man nur zum Teil. Sicher ist, dass Kohlendioxid der entscheidende Faktor ist: Die Insekten riechen unseren Atem noch auf einige Dutzend Meter Entfernung; außerdem nehmen sie unsere Körperwärme wahr.

Für unsere Attraktivität für Stechmücken spielen flüchtige Stoffe eine bedeutende Rolle. Die Mücken nehmen unseren Körpergeruch wahr – darunter klassische Bestandteile des Schweißgeruchs wie Ammoniak und Milchsäure, die von den Mikroorganismen der Haut bereitgestellt werden. Wer mehr Bakterien hat, wird häufiger gestochen, zumindest legen das Untersuchungen an der Malariamücke Anopheles gambiae nahe, die auch zeigen, dass eine Bakterien bekämpfende Seife Menschen für den Blutsauger unattraktiver macht.

Allerdings spielen auch Stoffwechselprodukte der Haut und sogar aus dem Blut eine Rolle. Deswegen bestimmen unsere Erbanlagen zu einem stattlichen Teil mit, wie stark wir die Blutsauger anziehen: Etwa zwei Drittel unserer Anfälligkeit für Stiche geht nach Untersuchungen an Zwillingen auf genetische Faktoren zurück. Hinzu kommen viele nur zum Teil aufgeklärte innere Faktoren. So werden zum Beispiel schwangere Frauen häufiger gestochen, und es gibt vermutlich Unterschiede zwischen den einzelnen Blutgruppen. Auch eine Infektion mit einem durch Mücken übertragenen Erreger wie Malaria macht Menschen attraktiver – das allerdings ist hier in Mitteleuropa einer der selteneren Gründe, weshalb manche Menschen überproportional oft Opfer werden.

Zwei oft genannte Einflüsse scheinen dagegen kaum eine Rolle zu spielen: das Geschlecht und die Ernährung. Frauen nehmen wegen ihrer dünneren Haut Stiche zwar stärker wahr; dass sie aber insgesamt häufiger gestochen würden als Männer, lässt sich nicht belegen. Ebenso wenig gibt es Nahrungsmittel, die vor Stichen schützen, oder solche, die Mücken anziehen. Mit einer Ausnahme: Wer Bier trinkt und sich dann schlafen legt, muss mit deutlich mehr Stichen rechnen.

Sollte man alle Mücken ausrotten?

Alle Stechmücken einfach auszulöschen und dann Ruhe zu haben, das ist ein Traum, den Juckreizgeplagte aller Zeiten gehegt haben. Auch Seuchenfachleute wünschen sich, die Plage ein für alle Mal von der Erde zu tilgen – sie bekämpfen nicht nur seit Jahrzehnten Malaria, sondern mussten in den letzten Jahrzehnten den Siegeszug von Zika, Dengue und anderer von Moskitos übertragener Krankheiten hilflos mitverfolgen.

Pestizidsprüher nebelt Rinnstein einLaden...
Mückenbekämpfung | In Gebieten, in denen Dengue oder andere von Mücken der Gattung Aedes übertragene Krankheiten auftreten, werden Wassertümpel und Pfützen in Siedlungen mit Pestiziden behandelt.

Tatsächlich sind viele Fachleute der Meinung, dass es kaum ökologische Nachteile hätte, Stechmücken komplett auszulöschen. Zwar trinken viele Arten Nektar und bestäuben damit einige Pflanzen, doch ihr Beitrag hier ist wohl so gering, dass andere Lebewesen ihre Rolle ohne Mühe übernehmen könnten. Auch ihr Anteil am Speiseplan anderer Arten gilt als gering – sie sind zu klein, um den Aufwand an Energie zu rechtfertigen. Das gilt allerdings nur für die fliegenden Mücken. Wichtiger sind möglicherweise ihre im Wasser lebenden Larven. Viele Fische ernähren sich zu einem beträchtlichen Teil vom Nachwuchs der Moskitos. Einige, wie der Moskitofisch, sind sogar so sehr auf diese Futterquelle spezialisiert, dass Fachleute sein Aussterben fürchten. Allerdings findet man auch hier nur wenige Ökosysteme, für die Mückenlarven wirklich unverzichtbar sind – dazu gehören kleine Regenwassertümpel in Kannenpflanzen, wo sie zum Abbau gefangener Beute beitragen.

Eine andere Frage ist, ob man die Plagegeister überhaupt ausrotten könnte, wenn man wollte. Im 20. Jahrhundert, zu Beginn des Zeitalters der Pestizide, drängte man die Tiere durch massiven Einsatz von Pestiziden in vielen Teilen der Welt deutlich zurück, allerdings um den Preis erheblicher Kollateralschäden. Mit modernen, gezielten Bekämpfungsstrategien macht man Moskitos zwar das Leben etwas schwerer, doch speziell im Fall von Arten wie Aedes albopictus, die sich in allen Arten von Tümpeln vermehrt, ist es völlig illusorisch, jemals alle Brutplätze zu finden und zu vernichten. Nicht zuletzt, weil sich die Tiere umso schneller an Pestizide anpassen, je stärker der Selektionsdruck ist.

Die wohl einzige Technik mit Aussicht auf nachhaltigen Erfolg basiert auf noch mehr Mücken: enorme Mengen durch Strahlung oder genetisch unfruchtbarer Mückenmännchen, die andere Männchen schlicht verdrängen und so dafür sorgen, dass die nächste Mückengeneration ausfällt. Auf diese Weise rottete man auf der Insel Sansibar die Tsetsefliege aus, den Überträger der Schlafkrankheit. Derzeit laufen vor allem in Süd- und Mittelamerika viel versprechende Versuche, dieses Prinzip auch auf Stechmücken der Gattung Aedes auszudehnen.

Vielleicht muss man sich dereinst wirklich entscheiden, ob man einige diese Organismen komplett auslöschen will – oder ob man vor dieser Möglichkeit zurückschreckt. Sei es, weil sie vielleicht doch entscheidender für ihre Ökosysteme sind, als wir glauben, sei es wegen irgendwelcher nützlicher Moleküle, die sie womöglich herstellen. Oder weil man meint, es stehe dem Menschen nicht zu, einzelne Arten gezielt auszulöschen. Angesichts des Schadens, den Stechmücken jedes Jahr anrichten, werden sich die meisten Menschen wohl dem Verdikt des Biologen und Umweltschützers E.O. Wilson anschließen: "Behaltet ihre DNA für die Forschung und lasst sie gehen."

31/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 31/2016

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