Exponat in Finnland: Der älteste Taucheranzug der Welt

Besser ist es, keine Platzangst zu haben, wenn man in die klebrige Dunkelheit des »Old Gentleman« klettert. Das jedenfalls rät Miska Eilola allen, die in den ältesten erhaltenen Taucheranzug der Welt steigen wollen – oder genauer gesagt in seine originalgetreue Kopie, den »Young Gentleman«. »Es ist nicht sehr eng, aber es ist ziemlich schwierig hineinzukommen. Talg und Pech machen die Innenseite klebrig. Außerdem ist der Anzug recht schwer«, erzählt Eilola, die sich bereits mehrmals in die Kopie des etwa 17 Kilogramm schweren Taucheranzugs gekämpft hat.
Miska Eilola ist Archäologin und Kuratorin am Crown Granary Museum in Raahe, einer kleinen finnischen Stadt am Bottnischen Meerbusen mit gerade einmal 25 000 Einwohnern. In der beschaulichen Kleinstadtidylle ist ein Taucheranzug zu Hause, der Geschichte geschrieben hat: der »Old Gentleman« von Raahe – ein aus Leder gefertigtes Ungetüm, das mehr einem Horrorfilmrequisit ähnelt als einem Unterwassergerät. Seinen ungewöhnlichen Namen verdankt der weltweit älteste Taucheranzug britischen Zeitungen. Sie betitelten ihn als »alten Herrn«, als er 1985 im National Maritime Museum von Greenwich zu sehen war.
Die braune Hülle mit dem kapuzenförmigen Kopfstück und den glasbedeckten Öffnungen für Augen und Mund lässt kaum erahnen, dass es Menschen darin tatsächlich unter Wasser ausgehalten haben. Wie man hineinschlüpfte und abtauchte, erklärt Miska Eilola: »Der Taucheranzug ist etwas elastisch. Am Bauch befindet sich ein Loch zum Einsteigen – zuerst mit den Füßen, dann schlängelt man den Rest des Körpers hinein. Anschließend wird die Öffnung mit einem Lederriemen, Teer und Pech versiegelt.« Als Letztes behängte sich der Taucher mit Gewichten an Hüfte, Füßen und Händen. Mithilfe einer Kolbenluftpumpe oder eines Blasebalgs wurde Luft durch eine Holzröhre und ein Klappventil in die Haube gepumpt. Über eine etwas kürzere Röhre am Rücken entwich die verbrauchte Luft.
Die Originalrohre sind erhalten. Sie bestehen aus Birkenholz, sind jeweils 59 Zentimeter lang und haben einen Durchmesser von zehn Zentimetern. Die einzelnen Rohrstücke wurden mit Lederstulpen zusammengesteckt, sodass sich eine beliebig lange Rohrleitung bilden ließ.
Ein Taucheranzug, der nicht komplett wasserdicht ist
Dass diese spezielle Art der Taucherfahrung nur etwas für Hartgesottene war, belegt ein Detail: »Der Anzug ist aus Leder – das bedeutet, er ist nicht komplett wasserdicht. Deshalb konnte der Tauchgang nicht allzu lang oder tief gewesen sein«, berichtet die Kuratorin. Vermutlich konnte man nicht länger als etwa 45 Minuten unter Wasser bleiben. Und mehr als zwei oder drei Meter dürfte es nicht hinabgegangen sein.
Dass der »Old Gentleman« tatsächlich funktionsfähig war, legt die originalgetreue Kopie des Raaher Highlights nahe. Sie wurde 1988 vom Museumsrestaurator Jouko Turunen angefertigt. Material und Herstellung entsprechen dem Original – mit einer Ausnahme: Der »Young Gentleman« ist etwas größer, damit ein moderner Mensch darin Platz findet. Die Kopie durchlief bereits mehrere Tiefentests, der längste Tauchgang dauerte etwa 40 Minuten.
Taucheranzüge wie der »Old Gentleman« dienten vermutlich dazu, Schiffsböden zu inspizieren, erklärt Miska Eilola. Statt das Schiff in ein Trockendock verfrachten zu müssen, konnte es so kosten- und zeitgünstig begutachtet werden und kleinere Schäden konnten umgehend behoben werden. Wer einst in dem Anzug steckte und die Arbeiten verrichtete, ist nicht bekannt. Sicher sei aber, so die Archäologin, dass diese Art des Tauchens jede Menge Mut und Risikobereitschaft erforderte. Nur Profis, die sich mit der Technik auskannten, wären dazu in der Lage gewesen.
Made in Finland?
In den 1860er Jahren kam der »Old Gentleman« ins Museum von Raahe, als Spende des schwedischen Kapitäns Johan Leufstadius. Woher er den Lederanzug hatte oder wer ihn einst nutzte, ob das Unterwassergerät in Finnland oder anderswo gefertigt wurde, ist nicht überliefert. »Es gibt aber einige Merkmale am Anzug, die auf einen finnischen Ursprung hindeuten«, weiß Eilola. So würden die Handbereiche finnischen Försterhandschuhen ähneln, ebenso erinnern die Füße an neuzeitliche Schuhe aus Finnland. Diese Herkunft legen auch die Materialien nahe: Im 18. und 19. Jahrhundert produzierten die Finnen in großem Umfang Kuhleder, Hammeltalg, Teer und Pech.
Zu jener Zeit, im 18. Jahrhundert, erfuhr die Tauchtechnologie einen enormen Aufschwung. Zuvor, im 16. Jahrhundert, waren lediglich Taucherglocken bekannt, also mit Luft gefüllte Behälter, die senkrecht ins Wasser abgelassen wurden, damit sich im Inneren eine Luftblase bildete. Die Taucher konnten darin unter Wasser Luft holen und mussten nicht an die Oberfläche zurückkehren. Später versorgte man die Glocken per Schlauch mit Luft. Dann, im Jahr 1720, stellte der Brite John Lethbridge (1675–1759) seine »Tauchtonne« in London vor: Es war eine Art Holzfass, in dem ein Mensch steckte, nur die Arme und Beine ragten heraus. Die Tonne musste allerdings nach einer gewissen Zeit wieder an die Oberfläche geholt und mit Luft befüllt werden, wie der Historiker Michael Jung in seiner Arbeit über das Tauchen in der frühen Neuzeit erklärt.
Der »Old Gentleman« stellt laut Eilola den Übergang von den offenen Taucherglocken zu den modernen Taucheranzügen dar. »Er ist einzigartig. Soweit wir wissen, gibt es nirgendwo ein vergleichbares Stück«, sagt die Kuratorin. Ein ähnliches Exemplar sei einzig durch eine Zeichnung aus dem Jahr 1727 bekannt, die sich im Kriegsarchiv des schwedischen Reichsarchivs befindet. Darauf sieht man einen Taucheranzug aus Metall, der dem »Old Gentleman« sehr ähnelt. Ob der abgebildete Anzug aber jemals konstruiert wurde oder zum Einsatz kam, ist unbekannt. Immerhin legt die Zeichnung nahe, dass auch der »alte Herr« aus dem frühen 18. Jahrhundert stammt.
Dass es nicht nur damals abenteuerlustige Taucher gab, beweisen die Einwohner von Raahe noch heute: Dort stürzt sich jährlich im Juli ein Mitglied des örtlichen Tauchervereins im »Young Gentleman« ins Wasser – aus Sicherheitsgründen allerdings ausgerüstet mit Sauerstoffflaschen und einem Funkgerät.
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