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Drogen

Rausch im Tierreich

Ein Javaneraffe untersucht eine Bierdose in einem thailändischen nationalpark

Drogenkonsum ist kein Privileg der Menschen. Auch die Fauna gibt sich gerne mal dem Exzess hin. Wir stellen Beispiele für tierischen Suff und Co vor – von Alkohol bis zu psychedelischen Substanzen ist fast alles dabei. Und auch ein Mythos wird enttarnt.

Baumspitzhörnchen – macht Palmnektar sie zum kleinsten Trinker der Welt?
Baumspitzhörnchen – macht Palmnektar sie zu den kleinsten Trinkern der Welt? | Die Federschwanz-Spitzhörnchen (Ptilocercus lowii) aus Asien gehören zu den eher kleinen Trinkern im Tierreich – zumindest was die Körpergröße angeht. Mit einer Körperlänge von gerade einmal 15 Zentimetern (mit Schwanz das Doppelte) könnte der asiatische Nager als kleinster potenzieller Alkoholiker der Welt bezeichnet werden. Die auf der malaysischen Halbinsel, in Thailand und Indonesien vorkommende Spitzhörnchenart ist ein großer Fan des fermentierten Nektars der Bertram-Palme. In einer Untersuchung von 2008 in Malaysia kam heraus, dass die kleinen Nager jede Nacht mindestens zwei Stunden damit verbringen, diesen Palmnektar zu konsumieren. Das Lieblingsgetränk der Spitzhörnchen hat einen Alkoholgehalt von bis zu 3,8 Prozent. Das ist vergleichbar mit einem leichteren Bier und stellt einen der höchsten Alkoholwerte in natürlich vorkommenden Substanzen dar. Laut Studie ist der Alkoholkonsum dieser Nager etwa mit dem eines Menschen vergleichbar, der jeden Tag zwölf Gläser Wein trinkt. Allerdings verstoffwechseln die Spitzhörnchen Alkohol wesentlich besser als wir. Biologen beobachten kaum Symptome von Trunkenheit. Sie gehen sogar davon aus, dass der Nektar den Tieren physiologisch zum Vorteil gereicht, zum Beispiel weil er Herzerkrankungen vorbeugt oder ihnen notwendige Kalorien verschafft.
Seidenschwänze – mit Vogelbeeren in die Ausnüchterungszelle
Seidenschwänze – mit Vogelbeeren in die Ausnüchterungszelle | Der in Kanada und Skandinavien vorkommende Seidenschwanz ist mit einer Größe von 18 Zentimetern zwar in der gleichen Gewichtsklasse wie das Baumspitzhörnchen, hat aber ein paar mehr Probleme mit dem Trinken. Naturschützer im kanadischen Yukon-Territorium sehen sich sogar genötigt, im Herbst eine Art Rehabilitationszentrum für den Vogel zu organisieren. Zu dieser Jahreszeit lässt der erste Frost die örtlichen Vogelbeeren fermentieren – und der Seidenschwanz delektiert sich an seiner ganz eigenen Version des Eisweins. Die Vogelart besitzt eine überdurchschnittlich große Leber, und die meisten Seidenschwänze wissen zudem, wann sie aufhören müssen. Ganz wie beim Menschen schlagen aber zumeist jüngere Exemplare über die Stränge. Sie konsumieren so viele der Beeren, dass sie buchstäblich nicht mehr geradeaus fliegen können. Kollisionen enden oft tödlich. Nun greifen die Behörden ein: In Yukons Hauptstadt Whitehorse warten zu Herbstbeginn modifizierte Hamsterkäfige auf die Delinquenten – als Ausnüchterungszellen. Nach rund zwei Stunden sind die Verkehrssünder dann wieder flugtüchtig.
Mohrenmaki – mit Tausendfüßern zum Rausch
Mohrenmaki – mit Tausendfüßern zum Rausch | In dem populären Animationsfilm "Madagascar" werden Lemuren als energetisierte Kreaturen dargestellt, die gerne zu House-Musik feiern. In der Realität aber sind manche der Arten, die zu Madagaskars endemischer Tierwelt zählen, oft eher lethargische Stoner. Mit benebelten gelben Augen und winzigen Pupillen liegen die Mohrenmakis (Eulemur macaco) auf Ästen und in Baumgabelungen. Diese Lemuren haben dann kurz zuvor einige Tausendfüßer gebissen und ihnen so Gift entlockt. Der Abwehrstoff der Tausendfüßer versetzt die Tiere in einen offenkundig angenehmen tranceartigen Zustand. Eigentlich entwickeln die Gliedertiere den Giftcocktail zur Abwehr gegen genau solch hungrige Feinde, doch die Lemuren wissen genau, wie viel von der zyanidhaltigen Mischung sie vertragen. Der Rausch ist allerdings nur ein willkommener Nebeneffekt. Stoffe im Gift veranlassen den Lemuren, mehr Speichel zu entwickeln. Diesen reibt der Primat samt Tausendfüßer-Gift in sein Fell. Das Gemisch hält Moskitos fern, die in dieser Region oft Malaria mit sich bringen. Danach kann der Lemur seinen Rausch ausschlafen, ohne von Mücken behelligt zu werden.
Große Tümmler – mit dem Kugelfisch high werden
Große Tümmler – mit dem Kugelfisch high werden | Einem Dokumentarfilmteam des britischen Senders BBC gelangen 2014 einige besondere Aufnahmen. Sie filmten eine Gruppe von Großen Tümmlern, die genüsslich an einem aufgeblähten Kugelfisch nuckelten. Mit ihren spitzen Mäulern reichten sie dabei den giftigen Fisch wie einen Joint an ihre Artgenossen weiter. Der Kugelfisch sondert ein hochgefährliches Nervengift namens Tetrodotoxin ab, wenn er sich bedroht fühlt. Die Substanz kann bei Menschen zu Lähmungserscheinungen, in hohen Dosen sogar zum Tod führen. Die Delfine im Film schien dies aber wenig zu kümmern. Sie ließen sich wie berauscht an die Meeresoberfläche treiben und schienen ihre eigenen Reflexionen in den Wellen anzustarren. Wegen der hohen Giftigkeit des Tetrodotoxins zweifeln einige Biologen die Absicht der Delfine jedoch an. Immerhin ist die Substanz rund 40 000-mal potenter als zum Beispiel Crystal Meth. Das Spiel mit dem Kugelfisch könnte der natürlichen Neugier der Meeressäuger geschuldet sein, ihr Rausch wäre demnach eher ein Unfall gewesen. Allerdings hatte bereits in den 1990er Jahren eine Autorin von "National Geographic" genau das gleiche Ritual beobachtet. Noch ist unbekannt, ob Tetrodotoxin für Delfine ähnlich gefährlich wie für Menschen ist und ob das Gift bei anderen Arten ebenfalls ein "High" auslösen könnte.
Rentiere – stimmt das Gerücht vom Fliegenpilzrausch?
Rentiere – stimmt das Gerücht vom Fliegenpilzrausch? | Viele Biologen sind davon überzeugt, dass Rentiere noch vor dem Menschen die Wirkung von "magic mushrooms" zu schätzen wussten. Und es sei der Beobachtungsgabe sibirischer Naturvölker zu verdanken, dass die Vergiftungserscheinungen des Fliegenpilzes Amanita muscaria ganze Generationen von Hippie-Kommunen buchstäblich in Ekstase versetzt haben. Die Rentiere der Arktis haben einen wesentlich robusteren Stoffwechsel als der Mensch. So kann die Spezies den sowohl in Sibirien als auch in Alaska weit verbreiteten Fliegenpilz in Mengen konsumieren, die für den Menschen tödlich wären. Sibirische Schamanen beobachteten die seltsam berauschten Tiere und fanden schließlich die Ursache für ihren Zustand. Besser noch: Die giftige Ibotensäure des Pilzes wird von den Rentieren zu Muscimal abgebaut, und dieses wird mit dem Urin ausgeschieden, ohne allzu viel der psychedelischen Wirkung zu verlieren. Das so abgemilderte Gift im Urin verursacht weniger Brechreiz, als wenn der Pilz selbst konsumiert wird. Der Mythos des Pinkelzyklus geht daher davon aus, dass die Schamanen zunächst den Urin der Rentiere tranken. Anschließend tranken die Anhänger des Schamanen seinen Urin. Der Vorgang kann drei- bis viermal wiederholt werden, ehe die berauschende Wirkung verschwindet. Skeptiker hingegen halten es für wahrscheinlicher, dass die Sibirier die Droge entdeckten, da es einfach war, die angesäuselten Tiere zu fangen, zu schlachten und zu essen. Dadurch sei das Muscimal erstmals in den Menschen gelangt.
Jaguare – mit Lianenhalluzinogen zum Totemtier
Jaguare – mit Lianenhalluzinogen zum Totemtier | Die Jaguare Südamerikas haben ihre ganz eigene und extreme Version der Katzenminze. Die Raubkatzen werden immer wieder dabei beobachtet, wie sie ausgiebig an der Lianenart Banisteriopsis caapi kauen – und zwar so lange, bis sie in einen schweren Rausch geraten. Kein Wunder, ist doch diese Liane der wichtigste Bestandteil des halluzinogenen Getränks Ayahuasca. Das psychedelische Gebräu, das indigene Völker des Amazonas entdeckten und Priester der mesoamerikanischen Hochkulturen schon zu präkolumbischen Zeiten nutzten, wird inzwischen auch in der westlichen Welt geschätzt und konsumiert. Banisteriopsis caapi besitzt den Monoaminooxidasen-Hemmer Harmalin. Solche Hemmer werden von der Pharmaindustrie etwa in Antidepressiva verwendet. Ähnlich wie bei den Rentieren besteht auch hier die Vermutung, dass der Mensch von der Wirkung der Lianenwurzel lernte, indem er berauschte Tiere beobachtete. Dazu passt, dass die Priester der indigenen Kulturen Südamerikas den Jaguar als spirituelles Totemtier verehren, das ihnen erscheint, um sie durch einen Ayahuasca-Rausch zu geleiten.
Elefant – zu schwer für einen anständigen Suff?
Elefant – zu schwer für einen anständigen Suff? | Viele kennen bestimmt die angesäuselten Elefanten aus dem südafrikanischen Dokumentarfilm "Die lustige Welt der Tiere" von 1974. Der Klassiker unter der leichteren Kost der Tierdokumentationen zeigte torkelnde Dickhäuter, die sich zu sehr den vergorenen Früchten des Marula-Baums im Okavango-Delta des südlichen Afrika zugewandt hatten. "In ihren Mägen beginnt es zu gären, und es wird zu einem sehr starken Gebräu", heißt es im Film. Aber stimmt das überhaupt? Eine Studie der University of Bristol über die Ursachen des Elefantenrausches bezweifelt diese Aussage. Elefanten seien schlicht viel zu schwer, um von solch kleinen Früchten betrunken zu werden. Die Autoren rechnen vor, dass ein 3000 Kilogramm schwerer Elefant bis zu 27 Liter einer siebenprozentigen Alkohollösung in sehr kurzer Zeit konsumieren müsste, um minimale Verhaltensänderungen aufzuweisen – doch schweres Torkeln träte dann trotzdem noch nicht einmal ansatzweise auf. Großzügige Schätzungen gehen davon aus, dass eine vergorene Marula-Frucht nur drei Prozent Ethanol enthält. Die Dickhäuter müssten 400 Prozent mehr Marula-Früchte essen, als sie es normalerweise tun, und dürften dabei kein Wasser trinken, um einfach nur einen Schwips zu bekommen. Die Studie bietet zwei Erklärungen für seltsames Verhalten von Elefanten in der Nähe von Marula-Bäumen: Aggressionen könnten schlichtweg entstehen, weil die Tiere die gut schmeckenden Früchte nicht teilen wollten. Außerdem fressen Elefanten auch die Rinde des Baums. Dort leben die Larven eines giftigen Holzkäfers. In der Vergangenheit tunkten Jäger ihre Pfeilspitzen in diese potente Substanz. Womöglich sind die Elefanten also gar nicht betrunken, sondern high nach einem Käfergift.
52/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 52/2017

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