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Rote Khmer: Kein Geld in Kambodscha

Als das Terrorregime der Roten Khmer in den 1970er-Jahren über Kambodscha herrschte, schaffte es kurzerhand das Geld ab. Man eiferte einer Idee nach, die Jahrhunderte alt war.
Vorder- und Rückseite einer goldenen Münze mit antiker Prägung. Die Vorderseite links zeigt komplexe Schriftzeichen und ein sitzende Göttin. Die Rückseite rechts zeigt einen Stier und weitere Schriftzeichen darunter. Die Oberfläche ist abgenutzt, was auf ihr Alter hinweist.
Isanavarman I. ließ diese Goldmünze im 7. Jahrhundert prägen. Mit einem Gewicht von 5,9 Gramm und einem Durchmesser von 24 Millimetern ist sie in etwa so groß und schwer wie eine 20-Eurocent-Münze. Abgebildet sind Vorder- und Rückseite.

Das runde Stück Metall leuchtet im Schein der gebündelten Lichtstrahlen. Unter einer Glashaube steckt es in einem kleinen Ständer, sodass die Besucherinnen und Besucher es von allen Seiten bestaunen können. Und das tun sie: Im ersten großen Raum des Sosoro Museums in Phnom Penh tummeln sich die Menschen um eine Münze aus Gold. Konzentriert lesen sie auf den Tafeln, was über das Objekt bekannt ist. Das ist nicht viel, was aber auch einer lückenhaften Überlieferung geschuldet ist.

Auf der Goldmünze ist unter einer Inschrift in Sanskrit das Bild der Göttin Lakshmi zu sehen; die hinduistische Gottheit des Glücks und des Wohlstands sitzt auf ihrem typischen Attribut, einer Lotusblüte. Die Buchstabenzeile nennt den Namen eines Herrschers: Isanavarman I. Er regierte vermutlich von 611 bis 635 über das Königreich Chenla, das wohl mehrere Fürstentümer umfasste und zu großen Teilen im heutigen Kambodscha lag. Die Einflüsse aus Indien sind unübersehbar, und so waren auch die Herrscher von Chenla selbst Hindus. Die andere Münzseite ziert ein liegender Stier – es ist Nandi, das Reittier des Gottes Schiwa in der hinduistischen Mythologie. Unter dem Tier prangt ein weiterer Schriftzug: Genannt ist Isanapura, die einstige Hauptstadt von Chenla im Zentrum Kambodschas.

Die Münze ist nur gut daumennagelgroß und wirkt auf den ersten Blick eher unscheinbar. Warum interessieren sich trotzdem so viele Menschen ausgerechnet für dieses Goldstück?

Eine Antwort liefern die Texte auf den Ausstellungstafeln. Das Metallobjekt aus dem 7. Jahrhundert, so heißt es da, sei die älteste bekannte Münze, die aus einem Vorläuferstaat Kambodschas stammt. Ein Archäologe hatte sie 2012 zufällig auf einem Markt in Phnom Penh entdeckt und das Stück gekauft. Sieben Jahre später eröffnete in einem alten Kolonialbau mitten in Phnom Penh das Sosoro Museum. Seither wird hier anhand von Münzen und Geldscheinen die Geschichte des 17-Millionen-Landes geschildert. Es ist ein außergewöhnlicher Ansatz, der sonst wo kaum so passend ist wie in Kambodscha. Zwar spielt Geld in jedem Land eine zentrale Rolle, in der Geschichte Kambodschas aber auf einzigartige Weise.

Das Khmer-Reich kam ohne Geld aus

Obgleich die Goldmünze aus dem Chenla-Reich vielleicht nicht als Zahlungsmittel, sondern als Ehrenauszeichnung diente, bezeugen noch ältere Münzen aus Nachbarstaaten, dass man in der Region schon lange mit Geld wirtschaftete. Das ist insofern erwähnenswert, als die Erben des Reichs von Chenla dann ganz auf eine eigene Währung verzichteten. Die Herrscher des hinduistisch-buddhistischen Khmer-Reichs, die vom 9. bis 15. Jahrhundert regierten, unter anderem die weltberühmte Tempelanlage Angkor Wat errichten ließen und damit Kambodschas nationale Identität bis heute entscheidend prägten, hatten offenbar nie Münzen ausgegeben, wie der britische Archäologe und Kambodscha-Experte Charles Higham in seinen wissenschaftlichen Schriften erklärt. Das Khmer-Reich vertraute vor allem auf Tauschwirtschaft mit Tieren, Textilien oder versklavten Menschen.

»Geisterwährung« |

Die Roten Khmer ließen in den 1970er Jahren Banknoten drucken, brachten sie aber nicht in Umlauf. Auf den Scheinen waren kommunistische Ideale abgebildet – Arbeiten und Kämpfen –, aber auch Monumente des alten Khmer-Reichs wie Angkor Wat.

Der Verzicht auf eine Währung war aber kein Zeichen der Rückständigkeit, sondern wohl eine bewusste politische Entscheidung – was vermutlich nur wenige Touristen wissen, die das südostasiatische Land besuchen. Die meisten bestaunen einzig das Weltkulturerbe Angkor Wat, das rund 320 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt liegt. Nach Phnom Penh – geschweige denn ins Sosoro Museum – schafft es nur ein kleiner Teil der Reisenden.

Doch wer dieses Museum nicht gesehen hat, verpasst etwas. Zum Beispiel das Wissen, dass nach der Eroberung Angkors durch das siamesische Königreich Ayutthaya und dem Untergang des Khmer-Reichs im 15. Jahrhundert auch das Geld zurückkam. »Dass es keine Währung gab, mag einen Anteil am Niedergang und Fall des Reichs gehabt haben«, heißt es auf einer Tafel im Museum. Doch wie sich einige Räume weiter in der Ausstellung zeigt, sollten nicht alle daraus lernen.

Fremdherrschaft und Bürgerkrieg

Im Jahr 1863 übernahm Frankreich das Land zunächst als Protektorat, später machte es aus Kambodscha de facto eine Kolonie. Als Zahlungsmittel führten die Kolonialherren eine an den Franc gekoppelte und von Frankreich aus kontrollierte Währung ein, den Kambodschanischen Franc. Kurz vor der Gründung Französisch-Indochinas im Jahr 1887, das in der Folgezeit Laos, Vietnam und Kambodscha umfasste, wurde dann der Piaster ausgegeben. Nach der Unabhängigkeit Kambodschas 1953 erhielt das Land einmal mehr eine neue Währung, die ebenfalls im Sosoro Museum ausgestellt ist.

Kambodscha wurde damals wieder ein unabhängiges Königreich, und der Riel 1955 die neue Währung. Als 1970 – während des Vietnamkriegs, der sich längst auf Kambodscha ausgeweitet hatte – sich das Militär an die Macht putschte und die Republik Khmer ausrief, sackte der Riel ab. Auch weil das Land in einen Bürgerkrieg taumelte.

»Hunderttausende Flüchtlinge strömten in die Hauptstadt, wo die Preise in die Höhe schossen«, erklärt Jean-Daniel Gardère, Wirtschaftsexperte und Berater der kambodschanischen Zentralbank. »Der Riel verlor deutlich an Wert, sodass Banknoten in immer höheren Stückelungen ausgegeben werden mussten.« Als Motive für die neuen Geldscheine wählte man Bilder, die Fortschritt symbolisieren sollten, beispielsweise Kinder, die in moderne Schulen gehen. »Dieser Khmer-Nationalismus passte aber nicht mehr in die Zeit«, so Gardère.

Die Roten Khmer ergriffen die Macht

Ab dem Jahr 1975 eskalierte die Lage ohnehin. Die Roten Khmer, die sich selbst als Kommunisten verstanden, hatten die Macht ergriffen. Ihr totalitäres Regime zielte darauf ab, schnellstmöglich eine klassenlose Gesellschaft zu errichten. Sie ließen die Städte räumen und zwangen die Menschen Kambodschas, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Unter ihrem radikalen Anführer Pol Pot (1925–1998) ermordeten die Roten Khmer Millionen Menschen.

»Geisterwährung« |

Auch dieser Geldschein der Roten Khmer kam nicht in Umlauf. Die Bilder verherrlichen kommunistische Ideale in Verbindung mit einem Monument des alten Khmer-Reichs.

Das Terrorregime sah sich auch in der Tradition der alten Khmer von Angkor – und schaffte das Geld ab. Doch was damals kaum jemand wusste, ist heute im Sosoro Museum dokumentiert: Anfänglich hatten die Roten Khmer in China Geldscheine drucken lassen. Weil Pol Pot Geld und freien Handel jedoch für große Übel hielt, ließ er die Banknoten nicht in Umlauf bringen.

Als Motive hatten die Roten Khmer Bilder von Soldaten, Arbeitern und Bauern gewählt, Männern wie Frauen, die hart zum Wohl und im Sinn des Kommunismus arbeiten. Ebenfalls dabei: die Tempelanlage Angkor Wat. Im Sommer 1978, inmitten grassierender Mangelwirtschaft, wollten die Roten Khmer die »Geisterwährung«, wie sie das Sosoro Museum nennt, doch noch einführen. Allerdings verlor das Regime wenige Monate später die Macht. 1980 kam erneut der Riel in Umlauf und blieb bis heute die offizielle Währung Kambodschas.

Wer das Sosoro Museum besucht, dem fällt vielleicht eine Sache auf: Während die ausländischen Touristen lange die »Geisterwährung« der Roten Khmer betrachten, interessieren sich die kambodschanischen Museumsgäste mehr für die alte Goldmünze. »Die jüngere Vergangenheit ist noch zu schmerzhaft«, erklärt eine ältere Besucherin. »Und die alte Münze zeigt, dass man schon so früh schlauer war als die Roten Khmer.«

In den Museen der Welt schlummern unzählige Ausstellungsstücke – und jedes davon hat eine Geschichte. Was diese »Glanzstücke« erzählen, steht alle zwei Monate in »Spektrum Geschichte« und auf »Spektrum.de«.

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  • Quellen
  • Higham, C., The Civilization of Angkor, 2001
  • Higham, C., Encyclopedia of Ancient Asian Civilizations, 2014
  • Pribble, S., The Barter Economy of the Khmer Rouge Labor Camps, 2024
  • Vecchia, S., Die Khmer: Geschichte und Schätze einer alten Zivilisation, 2013

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