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Tolle Tannen: Sechs erstaunliche Fakten über Weihnachtsbäume

Sie können zu Glas erstarren, beheimaten extrem seltene Spinnen und man kann sie sogar essen. Nadelbäume sind mehr als nur Wohnzimmerzierde.
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1. Weihnachtsbäume können zu Glas erstarren

Wenn Boreas, der winterliche Nordwind, durch die Taiga bläst, wird es klirrend kalt – und für den dort heimischen Nadelwald kann man das ruhig wörtlich nehmen, denn bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt erstarrt er gleichsam zu Glas. Das ist Teil einer erstaunlichen Überlebensstrategie, mit deren Hilfe Koniferen wie die sibirische Fichte Picea obovata, die schottische Waldkiefer Pinus sylvestris oder die Weißfichte Picea glauca in Alaska Kälte von regelmäßig unter minus 60 Grad Celsius trotzen. Wenn extreme Kälte droht, verlagern die Koniferen das Wasser aus dem Zellinneren nahezu restlos nach außen. Platz ist dort reichlich, denn die Nadeln bestehen normalerweise zum großen Teil aus gasgefüllten Räumen zwischen den Zellen. Mit dem Wasser verlagern sie auch die Eisbildung und verhindern damit, dass Eiskristalle ihre Zellen zum Platzen bringen. Dieser Prozess verstärkt sich selbst: Weil Eis ein geringeres Wasserpotenzial hat als flüssiges Wasser, wird immer mehr Wasser in die Zellzwischenräume nachgezogen und friert dort ein.

In der Zelle bleibt eine feste, gläserne Struktur aus Zucker, Proteinen und nur wenigen Wassermolekülen zurück. Derart verglast können sich die Moleküle im Zellinneren nicht mehr bewegen und folglich nicht mehr reagieren. Dadurch wird der Stoffwechsel auf ein Minimum zurückgefahren, bis die extreme Kälte unbeschadet überstanden ist. Woher die Bäume allerdings wissen, wann es an der Zeit ist, die Verglasung einzuleiten, ist bisher unklar. Vermutlich reagieren sie auf die Kombination von Tageslänge und Temperaturentwicklung.

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Schneewald in Sibirien

2. Weihnachtsbäume retten Taranteln

Weit südlich von Sibirien, in der Neuen Welt sorgen Weihnachtsbäume für das Überleben eines extrem seltenen Tierchens. Auf einer Felsnase der Appalachen, im Grenzgebiet zwischen den US-Bundesstaaten North Carolina und Tennessee, lebt die wohl letzte Population einer winzigen Tarantel-Art. Die Fichten-Tannen-Moos-Spinne Microhexura montivaga ist akut vom Aussterben bedroht. Die Lebenswelt des mit lediglich drei bis vier Millimetern winzigen Achtbeiners ist ein einzigartiges Biotop aus Moos und Felsgeröll am Fuß von Rotfichten und Frazertannen. Dort ernährt es sich von Springschwänzen und anderen Kleinstlebewesen. Im Schatten der Baumriesen bleibt das Klima in den Moosmatten kühl und feucht. Ein Dach aus dichtem Geäst schützt das Moos vor direkten Sonnenstrahlen und mildert die Wucht von Regentropfen, welche die Behausungen der Spinnen – feine Röhren aus Spinnfäden – aus den Ritzen zwischen Moosmatten und Gestein wegspülen könnten.

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Fichten-Tannen-Moos-Spinne

3. Nadelbäume können zu Giganten werden

Bevor die Säge angesetzt wird, bleiben der Weihnachtstanne etwa acht bis zehn Jahre, um heranzuwachsen. Danach reicht sie mit gut zwei Metern bis zur Decke der deutschen Durchschnittswohnung. Doch unter optimalen Bedingungen und mit genügend Zeit können Weihnachtsbäume zu wahren Giganten heranwachsen. Fernab der Zivilisation, im US-Bundesstaat Oregon, erhebt sich die mit gut 100 Metern höchste Tanne über dem Waldboden von Coos County.

Damit liegt sie nur eine gute Weihnachtsbaumlänge hinter dem Rekordhalter zurück. Der vermutlich höchste Baum der Welt ist ebenfalls ein Nadelgewächs. "Hyperion", benannt nach einem Titanen aus der griechischen Mythologie, misst mehr als 115 Meter. Der gewaltige Küstenmammutbaum wurde erst im Sommer 2006 in einem entlegenen Teil des Redwood-Nationalparks, Kalifornien, entdeckt und wird auf ein Alter von etwa 600 Jahren geschätzt.

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Mammutbaum im Redwood-Nationalpark

In Sachen Höhenwachstum haben Nadelbäume offenbar die Grenzen des biologisch Machbaren erreicht. Wegen der Schwerkraft kann das Gewebe oberhalb von 120 Metern nicht mehr ausreichend mit Wasser versorgt werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Pflanzenphysiologen aus dem Jahr 2004. Das zeigt sich auch in der Anatomie der Bäume: Bei den Riesen unter ihnen, sind die Nadeln in der Krone wesentlich kleiner als weiter unten. Grund dafür sei, dass die Größe der Pflanzenzellen stark vom Wasserdruck abhänge, und der ist an der Baumspitze sehr gering, berichten die Forscher.

4. Weihnachtsbäume können auf Frost nicht verzichten

Obwohl die Tannen ursprünglich aus den gemäßigten Zonen und Gebirgsregionen stammen, gedeihen sie auch in südlicheren Lagen – fernab ihrer ursprünglichen Heimat – prächtig. Trotzdem könnte ihnen der Klimawandel zum Verhängnis werden. Wenn die Winter milder werden, bringt das zumindest die als Weihnachtsbäume bei uns beliebten Arten aus dem Rhythmus. Denn erst wenn sie länger andauernden Frost überstanden haben, treiben die Bäume im Frühjahr wieder aus. Warten die Bäume vergebens auf das Kältesignal, beginnen sie die nächste Wachstumsperiode zu spät oder im Extremfall gar nicht.

Die Weihnachtsbaumplantagen North Carolinas könnte das schon bald in den Ruin treiben, erklärt der Pflanzenphysiologe Howard Neufeld von der Appalachian State University. Wenn mit dem Klimawandel die Durchschnittstemperaturen ansteigen, dürfte das auch den Stoffwechsel der Tannen beeinträchtigen. Wärme lässt die Nadeln schneller altern, und damit wird ihr Stoffwechsel ineffektiv. Je älter die Nadeln, desto schwächer ist die Fotosynthese, so Neufeld. Dauerhaft hohe Temperaturen schädigen Fichten und Tannen, weil ihre molekulare Ausstattung dafür nicht taugt. Bäume, die Hitze und Trockenheit ausgesetzt sind, verlieren nicht nur viel Wasser, sondern auch Kohlenstoffdioxid, und das steht dann für das Wachstum nicht mehr zur Verfügung.

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Weihnachtsbaumplantage

5. Echte Weihnachtsbäume können das Klima schonen

Etwa 25 Millionen Weihnachtsbäume werden jährlich in deutschen Wohnzimmern aufgestellt und nur ein paar Tage später von den Entsorgungsbetrieben wieder eingesammelt. Viele umweltbewusste Menschen bringt das ins Grübeln. Ist es angesichts des Klimawandels überhaupt zu verantworten, Millionen Nadelbäume der weihnachtlichen Besinnlichkeit zu opfern? Schließlich würden die Bäume, wenn man sie stehen ließe, doch in einigen Jahrzehnten zu einem stattlichen Wald heranwachsen, und der könne dann den gefürchteten Klimawandel bremsen. Vielleicht – wenn denn jemand tatsächlich jährlich 25 Millionen Bäume pflanzen und in Ruhe wachsen ließe. Aber das macht natürlich niemand. Die meisten Weihnachtsbäume werden in eigens für sie angelegten Plantagen gezogen. Mit der Frage, ob ein immergrüner Baum aus Kunststoff eine umweltfreundlichere Alternative zu dieser Plantagenwirtschaft sein könnte, hat sich der Pflanzenphysiologe Clint Springer von der Saint Joseph's University in Philadelphia beschäftigt. Die Ökobilanz eines echten Baums hänge entscheidend davon ab, wie lange er wachsen darf und wie schnell er nach dem Gebrauch entsorgt wird, stellt Springer fest.

Nach der Auswertung zahlreicher Studien, die natürliche Weihnachtsbäume mit künstlichen verglichen, kommt der Pflanzenphysiologe zu dem Ergebnis, dass der Kauf eines künstlichen Weihnachtsbaums alle zehn Jahre mehr ökologische Schäden anrichtet, als der alljährliche Kauf einer gleich großen echten Tanne von der ortsnahen Plantage. Künstliche Weihnachtsbäume würden aber durchschnittlich schon nach sechs Jahren ersetzt und vor allem aus China importiert, so dass allein schon ihr Transport um die halbe Welt große Mengen klimaschädliches Kohlenstoffdioxid freisetze.

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Fichteneis | Eis von Ingwer und Blaufichtennadeln

6. Weihnachtsbäume kann man essen

Statt Ihren Weihnachtsbaum nach dem Fest den städtischen Entsorgungsbetrieben zu überlassen, können Sie ihn auch zu kulinarischen Köstlichkeiten verarbeiten. Vorher sollten Sie allerdings unbedingt ein Bestimmungsbuch zur Hand nehmen, damit Ihnen nicht versehentlich eine Eibe unterkommt – die sind extrem giftig. Bei den Nadeln von Fichten, Tannen und Kiefern kann man getrost zugreifen, sie sind allesamt essbar und lassen sich zu höchst delikaten Spezialitäten verarbeiten. Das berichten die britischen Designerinnen Lauren Davies und Julia Georgallis auf der Website "Munchies" nach ausgiebigen Selbstversuchen.

Die beiden konzentrierten sich auf die auch in Deutschland sehr beliebte Nordmanntanne. Sie habe einen sehr kräftigen, zitrusartigen Geschmack. Fichten zeichneten eher subtile grüne, grasige Aromen aus. Dem Anfänger empfehlen die beiden, mit Chutneys, Likören und Eiscreme einzusteigen.

Fortgeschrittene können durchaus Rezepte wie Rote Bete mit in Fichtennadeln gebeiztem Lachs und mit Tannennadeln aromatisierte Käsespezialitäten ausprobieren. In Londoner "Supper Clubs" bieten Davies und Georgallis regelmäßig Weihnachtsbaum-Menüs an und ernten Begeisterung.

Neben der Lust, kulinarisches Neuland zu betreten, verfolgen die zwei Designerinnen ein weiteres Ziel: "Unsere Arbeit konzentriert sich auf ungewöhnliche Zutaten und Rezepte", erklärt Davies. "Wir beide suchen nach aufregenden Wegen, Nachhaltigkeit zu fördern und Müll zu vermeiden. Die Idee, mit Weihnachtsbäumen zu kochen, schien uns erfrischend und genau auf unserer ethischen Linie."

51/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 51/2015

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