Direkt zum Inhalt

Tastaturgeschichte: Nietzsches Schreibkugel

Als sein Augenlicht nachließ, investierte Friedrich Nietzsche voller Hoffnung in eine mechanische Bürohilfe. Doch die Freude über seine neue Schreibmaschine, die heute im Nietzsche-Archiv der Klassik Stiftung Weimar steht, währte nur kurz.
Eine mechanische Schreibmaschine aus dem 19. Jahrhundert mit einem komplexen System aus Zahnrädern, Hebeln und Tasten. Die Maschine besteht aus glänzendem Messing und Metallteilen, die sorgfältig zusammengesetzt sind. Ihre Tasten sind in einem kreisförmigen Muster angeordnet, und die Zahnräder sind sichtbar, was die mechanische Funktionalität betont. Die Konstruktion zeigt die Ingenieurkunst vergangener Zeiten.
Die erste serienmäßig hergestellte Schreibmaschine der Welt war eine Art »Tasten-Igel« mit Unterbau. Bei dem circa 21 Zentimeter hohen Gerät spannte man das Papier in den gewölbten Rahmen ein, der unter der Tastatur liegt. Das Exemplar gehörte Friedrich Nietzsche.

»Hurra! Die Maschine ist eben in meine Wohnung eingezogen«, schrieb ein begeisterter Friedrich Nietzsche am 11. Februar 1882 an seine Schwester Elisabeth. Monatelang hatte er die Schreibmaschine herbeigesehnt – nun lieferte sie ihm ein Freund nach Genua, wo der Philosoph den Winter verbrachte. Eine Augenkrankheit hatte seine Handschrift zu »einer Barbarei« werden lassen, »die niemand mehr lesen kann«, nicht einmal der Autor selbst. Entsprechend groß waren die Hoffnungen des »Siebenachtel-Blinden« – wie er sich selbst nannte – auf die mechanische Schreibhilfe. Denn »ein solches Instrument, bei dem die Augen nach einer Woche Übung gar nicht mehr thätig zu sein brauchen, wäre unschätzbar« für ihn.

Bei der Maschine, die heute im Nietzsche-Archiv der Klassik Stiftung Weimar steht, handelt es sich um eine sogenannte Malling-Hansen-Skrivekugle. Sie gilt als die erste serienmäßig hergestellte Schreibmaschine der Welt. Rund 180 Stück wurden produziert, etwa 30 sind heute noch erhalten. Landet ein Exemplar auf dem Kunstmarkt, zahlen Sammler für das Stück gut und gerne mehr als 100 000 Euro. Entwickelt hatte sie der Däne Rasmus Malling-Hansen (1835–1890). Der Pfarrer, Lehrer und Erfinder leitete das Königliche Taubstummeninstitut in Kopenhagen und staunte, wie schnell Gehörlose dank des Fingeralphabets Wörter gebärden können. Er fragte sich deshalb: Geht das auch schriftlich?

Um 1865 begann er mit der Entwicklung seiner »Schreibkugel«. In langen Experimentreihen entwickelte er eine für die dänische und deutsche Sprache ideale Verteilung der Buchstaben, bei der er die Vokale auf der linken Seite der Tastatur und häufig verwendete Konsonanten rechts davon anordnete. Dadurch konnten alle zehn Finger zum Einsatz kommen, was den Schreibprozess erheblich beschleunigte. Bei der technischen Umsetzung unterstützte ihn eine Kopenhagener Feinmechanik-Werkstatt, sodass er 1870 ein erstes Patent in Kopenhagen anmelden konnte. Weitere folgten etwa in London und den USA.

Schreibmaschine mit Fingerabdruck

Anders als bei späteren Schreibmaschinen oder heutigen Computertastaturen sind die 54 Typenstangen mit Zahlen, Zeichen und Buchstaben nicht in Reihe angeordnet. Stattdessen stecken sie ähnlich einem Nadelkissen in einer Halbkugel aus Messing, laufen aber an einem Druckpunkt zusammen. Das Papier liegt eingespannt in einem gewölbten und quer zum Schreibenden angeordneten Rahmen, der sich mit jedem Tastendruck weiterbewegt. Aufgrund der besonderen Tastenanordnung mussten Kupferstecher die Buchstaben leicht verzerrt eingravieren. Das querformatige Papier verlangt zudem eine Drehung um 90 Grad.

Da solche von Hand hergestellten Geräte immer minimal voneinander abweichen, besitzt jedes Exemplar der »Skrivekugle« einen individuellen »Fingerabdruck«, wie der Feinmechaniker Dieter Eberwein in seinem Bericht über Nietzsches Schreibkugel erklärt. In früheren Versionen kam die Farbe von einem Kohlepapier, ab 1878 verwendete der Erfinder ein dreieinhalb Meter langes Farbband unter der Halbkugel, so wie bei Nietzsches Exemplar.

Friedrich Nietzsche (1844–1900) | Der Philosoph begann seine Karriere als Professor für Altphilologie in Basel – mit nur 24 Jahren. Aus gesundheitlichen Gründen gab er die Stelle 1879 auf. Seine Schriften hatten gesellschaftliche Sprengkraft.

Kenner loben noch heute die Präzision und Anmut der Schreibkugel, die bereits über viele Funktionen späterer Maschinen verfügte, etwa die Glocke, die das Ende einer Zeile signalisierte. Mit einem Gewicht von drei Kilogramm, einer Grundfläche etwas kleiner als ein A4-Blatt und einer Höhe von knapp 21 Zentimetern war Nietzsches Ausführung relativ handlich. Sein Exemplar kam zudem mit einem Koffer aus Mahagoniholz. Der Standardpreis lag bei 450 Mark. Nietzsche konnte Malling-Hansen, mit dem er in Briefkontakt stand und der ihm Schriftproben zugesandt hatte, auf 400 Mark herunterhandeln, was für ihn immer noch zwei Monatsgehälter bedeutete. Möglicherweise räumte der Geschäftsmann Rabatt für ein Vorführmodell ein.

Nietzsche erkundete die Maschine

Die Freude des Philosophen über das Gerät mit der Seriennummer 125 erhielt jedoch schnell einen Dämpfer: Die Maschine wurde kaputt geliefert. Durch eine fehlerhafte Fixierung hatte der Transport wichtige Teile verbogen. Ein ortsansässiger Mechaniker reparierte sie, beschädigte allerdings währenddessen andere Teile, sodass sie zwar funktionierte, aber weiterhin störanfällig blieb. 

Nietzsche tastete sich langsam an die Maschine heran. Zunächst beschränkte er sich auf Fingerübungen in einem Tempo von 15 Anschlägen pro Minute, wie Eberwein aus der gesteigerten Schreibleistung bei gleichbleibender Schreibzeit pro Tag rekonstruierte. Meist landeten nur wenige Wörter und Zeilen auf einem Blatt, die ausschließlich in Großbuchstaben erschienen, da die Maschine über keine Minuskeln verfügte. »DIE SCHREIBMASCHINE IST ZUNAECHST ANGREIFENDER ALS IRGENDWELCHES SCHREIBEN«, ließ er Mutter und Schwester nach anderthalb Wochen wissen, als er bereits Korrespondenzen tippte. Besonders sein schwacher Anschlag bereitete ihm Probleme: Das Papier bewegte sich dadurch nicht weiter, was für übereinandergedruckte Buchstaben sorgte. Zudem gab es kaum ein Blatt, das er nicht von Hand korrigieren musste.

Wie sehr den Dichter das neue Werkzeug dennoch faszinierte, zeigte sich am 16. Februar 1882, als Nietzsche ein Gedicht verfasste, in dem er sich mit der Maschine verglich: Sie sei zwar äußerlich durchaus robust, allerdings sehr sensibel im Umgang.

»SCHREIBKUGEL IST EIN DING GLEICH MIR: VON EISEN

UND DOCH LEICHT ZU VERDREHN ZUMAL AUF REISEN.

GEDULD UND TAKT MUSS REICHLICH MAN BESITZEN

UND FEINE FINGERCHEN, UNS ZU BENUETZEN.«

Aus Lust wurde Frust

Nach und nach verlor der Schreiber dennoch die Geduld. Am 6. März hatte das Farbband sein Ende erreicht und musste manuell umgestellt werden – ein routinemäßiger Eingriff, den Nietzsche mit seinen kranken Augen jedoch nicht vornehmen konnte. Der Mechaniker sprang erneut ein, beschädigte dabei aber wieder andere Teile der Schreibkugel. Wöchentlich wiederholte sich dieser Vorgang, wobei auch das Farbband einriss und genäht werden musste. Außerdem hatte sich der Amboss gelockert, also das harte Gegenstück, das während des Schreibens gegen die Typenstange drückt. Die Folge: Buchstaben waren auf dem Papier kaum noch sichtbar.

Anfangs nahm Nietzsche die Aussetzer noch mit Humor, etwa wenn er in einem Brief schreibt: »Diese Maschine ist delicat wie ein kleiner Hund und macht viel Noth – und einige Unterhaltung.« Doch am 24. März 1882, nach sechs Wochen, etwas mehr als 33 000 Anschlägen und einer Gesamteinsatzzeit von rund neun Stunden, gab er entnervt auf. Zwar hatte sich Nietzsche auf etwa 100 Anschläge pro Minute gesteigert; das Blindschreiben, das er sich aufgrund des Augenleidens erhofft hatte, gelang ihm jedoch nie.

In den Museen der Welt schlummern unzählige Ausstellungsstücke – und jedes davon hat eine Geschichte. Was diese »Glanzstücke« erzählen, steht alle zwei Monate in »Spektrum Geschichte« und auf »Spektrum.de«.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen

Eberwein, D., Nietzsches Schreibkugel, 2005

Günzel, S., Schmidt-Grépály, R. (Hg.), Nietzsche, F., Schreibmaschinentexte, 2002

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.