Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Verhandeln gegen die Regeln

    12.07.2010, Till Schauen, Kirchheimbolanden
    die Diskussion zum Thema ist erfreulich, geht aber an der Wirklichkeit vorbei.
    Natürlich lassen sich die Grundpositionen anhand solch extremer Taten wie Mord oder Kindesmissbrauch verdeutlichen. Das Thema ist aber vor allem deswegen so bedeutend, weil es das Alltagsleben von uns allen berührt, und zwar täglich und ständig.
    Es steckt in vielen kleinen Entscheidungen, in alltäglicher Pragmatik. Das lässt sich wunderbar am Verhalten im Straßenverkehr illustrieren: Natürlich gibt es einen Regelkatalog, der den Verkehr organisiert – im normalen Erleben empfinde ich die StVO aber als völlig unangemessen, teilweise weltfern.
    Auf einer ganz normalen Fahrt zur Arbeit verhandle ich Dutzende Male mein Verhalten gegen meine Kenntnis der Regeln: Schere ich zum Überholen auf die linke Spur ein, obwohl ich damit den Mindestabstand grob verletze (oder versauere ich hinter dem Lkw)? Halte ich mich an das Tempolimit (und bin damit der einzige)? Halte ich es ein, obwohl die Baustelle längst vorbei ist und die Straßenbauer offensichtlich vergessen haben, das Freigabeschild aufzustellen? Überhole ich rechts, wenn links ein Schleicher hartnäckig die Spur blockiert? Stelle ich mich vor der Sparkasse ins Halteverbot oder platt auf die Fahrbahn (ich muss doch nur zwei Sekunden reinspringen an den Geldautomaten)? Und so weiter und so fort ...
    Das sind ständige Gesetzesbrüche, die dadurch nicht geringfügig werden, dass es sowieso alle so machen, dass die Strafen dafür kaum der Rede wert sind und eh keiner kontrolliert.
    Eine Vielzahl von subjektiven Modifikatoren kommt hinzu: Ich habe eine sechsstellige Summe für mein Auto bezahlt, dafür erwarte ich einen Gegenwert in Gestalt von freier schneller Fahrt – ich kann besser fahren als die anderen - ich habe einen dringenden Termin – ich bin zornig/in eine Diskussion verstrickt/wichtiger als die anderen …
    Ein Gefühl der Enge senkt die Schwelle: Bei dichtem Verkehr bin ich viel geneigter, Regeln zu brechen als auf einer dreispurigen Fahrbahn bei schönem Wetter und mit nur zwei weiteren Fahrzeugen in Sicht. Noch interessanter wird es, wenn ich die Gewaltenteilung durchbreche, wenn ich also einen anderen abstrafe für sein Verhalten. Auch das ist völlig gewöhnliches Verhalten.
    Im Alltag kollidiert die situative Pragmatik mit der Gesetzestreue, und genau hier finden die entscheidenden Verschiebungen statt, nicht etwa bei den Extremfällen. Hier bewertet jeder einzelne ständig die eigenen Wünsche gegen die Regeln und hat klar nachvollziehbar die Wahl. Eben auf Grund der geringen Schwellenhöhe zeigen sich die Wahlmöglichkeiten umso deutlicher. Die Programmierungen, Erfahrungen und Ängste, die im Hintergrund einer Entscheidung stehen, lassen sich natürlich genauso gut beobachten.
    Im Straßenverkehr zeigt sich das Maß der Verantwortlichkeit, das jeder einzelne zu jedem Zeitpunkt neu für sich ermittelt, und zwar in klarer, bewusster Abwägung der Situation. Natürlich fließen schwer kontrollierbare Faktoren ein, aber Entscheidungen im Alltagsverkehr treffe ich bewusst und in Kenntnis der Alternativen. Denselben Einfluss hat der Eindruck, die Spitzen der Gesellschaft brächen ebenfalls die Gesetze und auf umfassendere Weise.
    Bitte verzeihen Sie dieses Stück Privatempirie. Ich staune darüber, dass der Alltagsverkehr nicht intensiv erforscht wird, denn nirgendwo sonst lässt sich die kollektive Verfasstheit einer Gesellschaft deutlicher beobachten.
  • Theodor Boveris Chromosomentheorie der Vererbung

    12.07.2010, Dr. Hans von Besser, Würzburg
    In dem Artikel von Ralf Dahm hat der Autor in der recht hübschen Grafik, die DNA-Doppelhelix mit den historischen Stationen von 1865 bis 1995, einen entscheidenden Meilensteine zur Geschichte der Genetik/DNA leider nicht mit aufgenommen. Denn es war Theodor Boveri (1862-1915), seit 1893 Professor für Zoologie und vergleichende Anatomie in Würzburg, der mit seinen experimentellen Arbeiten und theoretischen Ableitungen aus dem Jahre 1902 neben W. S. Suttton als Vater der Chromosomentheorie der Vererbung gilt (siehe auch Ilse Jahn, Geschichte der Biologie, S. 542; 2004, Nikol-Verlag).

    Auf der Homepage des Theodor-Boveri-Institut für Biowissenschaften der Universität Würzburg (http://www.biozentrum2.uni-wuerzburg.de/infos/theodor_boveri_1862_1915/), fasst Peter Wolbert die wissenschaftlichen Leistungen von Boveri zusammen:

    “….und schließlich der Nachweis der Chromosomenindividualität durch Theodor Boveri (1887). Boveri legte damit den Grundstein für die Formulierung der Chromosomentheorie der Vererbung (1902/1904), in der er zytologische Befunde mit Gregor Mendels gerade wiederentdeckten Vererbungsregeln zu einer synthetischen Einheit zusammenfügte. …..

    Die Befunde an Ascaris wurden durch mikroskopische Beobachtung gewonnen. Während mehrerer Aufenthalte an der Zoologischen Station in Neapel arbeitete Boveri vorwiegend mit Seeigeln. Hier setzte er vor allem das Experiment zur Klärung seiner Fragestellungen ein. Es gelang ihm, kernlose Bruchstücke von Seeigeleiern zu besamen. Sie konnten sich daraufhin zu anscheinend normalen Larven entwickeln. Umgekehrt können auch aus Eiern, die nur den mütterlichen Chromosomensatz besitzen, Larven hervorgehen. Ei- und Spermakern, bzw. väterlicher und mütterlicher Chromosomenbestand sind also nicht nur morphologisch gleich. Sie enthalten jeweils alle Faktoren, die die Bildung eines ganzen Organismus steuern. Die Chromosomen müssen als Träger der Vererbung betrachtet werden. In weiteren Versuchen mit mehrfach besamten Seeigeleiern konnte Boveri die individuelle entwicklungsphysiologische Wertigkeit der einzelnen Chromosomen als Erbträger nachweisen.“

  • Ähnliche Funde aus Mitteleuropa

    12.07.2010, Weigand Gerald, Freising
    Auch aus Mitteleuropa liegen durch begünstigte geologische Umstände immer wieder Artefaktanhäufungen vor, welche eine mögliche, frühere Begehung des Raumes vor 500 000 Jahren bezeugen könnten. Rein typologisch deuten die Steinwerkzeuge diesen Rahmen an... Eine einheitliche Behandlung verschiedener Fundpunkte (leider meist ohne Stratigraphie) entlang der großen Flüsse (Donau, Neckar, Rhein) blieb bis dato aus. Auffallend ist die hohe Übereinstimmungsrate mit Geröllgeräte-Inventaren aus Afrika (Olduvai), zu denen der beste Angleich gelingt. Umstritten aber behandlungswürdig.
  • Auswirkungen des 2005 Bebens

    09.07.2010, Paul R. Woods
    Die Auswirkungen des Bebens 2005 werden nur unzureichend wiedergegeben. Die Insel Nias vor Sumatra wurde nämlich im Dezember 2004 nur leicht getroffen, jedoch im März 2005 völlig verwüstet mit unzähligen Toten.

    Die Kollegen im Büro des Indonesischen Roten Kreuzes sagten mir am Tag danach, dass die beiden Beben sich völlig anders angefühlt hätten. Inwieweit die Erdstöße und -bewegungen sich unterschieden, geht aus Ihrem Artikel nicht allzu deutlich hervor.

    Aber die Entspannung zwischen dem Sundaschelf und der Indischen Platte gingen danach noch weiter mit starken Beben in Java und West-Sumatra.
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Woods,



    Sie haben recht: Das Wort "glimpflich" ist angesichts von etwa 1500 Opfern auf der Insel Nias etwas unangebracht. Ich habe es deshalb aus dem Text entfernt.



    Wie im Text bereits beschrieben, kam es bei dem Beben 2005 nur zu relativ schwachen lokalen Tsunamis, weil die Sedimente über der Bruchstelle den Schlag gedämpft haben. Außerdem verhinderten sie, dass ein ähnlich großes Plattenstück wie 2004 unter die Burmaplatte rutschen konnte, was die Wucht ebenfalls etwas gemildert hat. Und drittens fand dieses Beben näher zur Küste statt, was womöglich die Entstehung sehr großer, weiträumiger Flutwellen verhindern konnte.



    Angesichts dieser Einflüsse ist es naheliegend, dass sich die Beben unterschiedlich angefühlt haben - zumal die Epizentren an unterschiedlichen Orten lagen. Von der grundsätzlichen Tektonik liefen sie jedoch sehr ähnlich: Die Spannungen bei der Subduktion lösten sich plötzlich durch die brechenden Platten, deren Bruch in etwa 30 bis 40 Kilometern Tiefe stattfand.



    Mit freundlichen Grüßen


    Daniel Lingenhöhl


    Redaktion spektrumdirekt
  • Aspekte "Verlauf - Vollendung"

    05.07.2010, Klaus Noack CH 4102 Binningen
    Bei den indogermanischen Sprachen bietet nicht nur das Englische für den Aspekt "Verlauf" eine besondere grammatikalische Form an. Im Russischen, das ja zweifellos zu den indogermanischen Sprachen zählt, spielt bei den Verben der Aspekt eine zentrale Rolle. Die meisten Verben drücken ein Geschehen entweder als ein nicht abgeschlossenes, zeitlich unbegrenztes (unvollendeter Aspekt) oder als ein zeitlich begrenztes, unteilbares, abgeschlossenes Ganzes aus (vollendeter Aspekt). Es gibt demnach im Russischen für eine Handlung immer ein Paar von zwei Verben, die sich oft durch eine Vorsilbe unterscheiden oder zwei verschiedene Verben vom gleichen Wortstamm sind. Die unvollendeten Verben haben ein Präsenz, ein Futur und ein Präteritum. Die vollendeten Verben nur ein Futur und ein Präteritum. Jeder russisch Lernende muss also immer für jede Handlung zwei Verben lernen.
  • Wie schnell sind Neutrinos?

    02.07.2010, Liane Mayer, Wien
    Schon lange plagt mich folgende Frage: Wenn Neutrinos nicht masselos sind, können sie ja auch nicht lichtschnell sein. Wie schnell sind sie aber wirklich? Kann die Differenz zwischen ihrer Geschwindigkeit und der des Lichtes nicht dazu führen, dass das Licht einer Supernova, obwohl erst später ausgesandt, auf dem Weg zur Erde die Neutrinos ein- oder sogar überholt? Und wie wahrscheinlich ist so etwas? Weiß man da etwas darüber?
  • Wie geht das?

    30.06.2010, Liane Mayer, Wien
    Sollte die Meeresoberfläche nicht prinzipiell eine Äquipotentialfläche sein? Sonst müsste sich der Höhenunterschied zwischen verschiedenen Gebieten doch ziemlich schnell ausgleichen! Wie kann also die Tatsache, dass der Ozean sich an einer Stelle "eindellt" oder "ausbeult", eine Information darüber liefern, wohin die Flüssigkeiten einer Pipeline fließen "wollen"?
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrte Frau Mayer,



    das eine hat prinzipiell erst einmal nichts mit dem anderen zu tun. Das große Bild ist eher eine "Spielerei", die zeigt, wo die Gravitation wie stark auf der Erde wirkt. Tandem-X erstellt aber natürlich auch detailliertere Karten einzelner Regionen, die dann von Ingenieuren genutzt werden können - natürlich immer unter Berücksichtigung der lokalen Topografie.



    Mit freundlichen Grüßen


    Daniel Lingenhöhl


    Redaktion spektrumdirekt
  • Man kann's abstellen.

    30.06.2010, Weiche, Garbsen
    Bei aller Skepsis gegenüber jedwedem Eingriff im globalem Maßstab hat das Einbringen von weiteren Mikrotröpfchen den großen Vorteil, man kann deren Produktion einfach abstellen. Und die Tröpfchen fällen doch relativ rasch aus der Atmosphäre.

    Global feuchter... Es mag sein, dass der eine oder andere Staat mehr Regen erträgt oder mit weniger Wasser auskommt. Aber man stelle sich einmal die Situation vor, es würde sich herausstellen, dass die Oder-Hochwasser alle durch die Verbreiterung des Panama-Kanals verursacht sind. Das Mindeste was passieren würde, wäre dass die Passage teurer würde.

    Frage ist also, wer zahlt für die lokalen Veränderungen und wer darf überhaupt beschließen, dass Zerstäuber stäuben.
  • Ponzi-System und exponentielles Wachstum von Geldansprüchen

    28.06.2010, Dr. Horst Käsmacher
    Die einzige Übereinstimmung zwischen einem Ponzi-System und der umlagefinanzierten Rentenversicherung besteht darin, dass aus den Einzahlungsbeträgen die Renten bezahlt werden und dass die Altersstruktur mehr oder weniger eine Pyramidenform besitzt. Das ist aber auch schon alles. Im Gegensatz zum kriminellen Ponzi-System enden die Ansprüche der Einzahler nämlich mit dem unvermeidlichen Tod, der sie später als Zahlungsempfänger ereilt, und sie beginnen im Durchschnitt erst nach einer Einzahlungsdauer, die in der Regel die Rentenbezugsdauer überschreitet. Darüber hinaus wachsen die Rentenansprüche nicht exponentiell an, weil nach der Umlage von den Einzahlern auf die Rentner nichts mehr für eine verzinste Anlage übrig bleibt. Selbst wenn die Anzahl der Zahlungsempfänger einmal schneller wächst als die Anzahl der neu hinzukommenden Einzahler, bricht das System nicht zusammen. Ein exponentielles Anwachsen der Bevölkerung ist keineswegs die Voraussetzung für das Funktionieren des Systems. Es müssen allenfalls eine Zeit lang die Beiträge erhöht und die Renten gesenkt und/oder das Rentenbezugsalter erhöht werden.

    Am Ende des Artikels vergleicht Jean-Paul Delahaye ausgehend von den kriminellen Machenschaften einiger schwarzer Schafe schließlich unser gesamtes Finanzsystem mit der Ponzi-Pyramide und und leitet daraus die Unrechtmäßigkeit der Unterstützung in Not geratener Banken durch das Gemeinwesen ab. Abgesehen von dem unzulässigen induktiven Schluss gewinnt man den Eindruck, dass Delahaye das Zinseszinssystem nicht verstanden hat, denn wenngleich das exponentielle Anwachsen der Geldguthaben nichts Ungewöhnliches ist, wie er zuvor schreibt, so ist es dennoch zum Zusammenbruch verurteilt, auch ohne dass dazu kriminelle Machenschaften erforderlich sind. Das Zinseszinssystem besteht in einer positiven Rückkopplung des Zinsertrages mit dem eingesetzten Kapital. Dass ein positiv rückgekoppeltes System nicht stabil sein kann, weiß jeder Regelungstechniker. Guthaben und Schulden entstehen immer paarweise, so dass dem gesamten Schuldenbetrag ein gleich hoher Betrag an Guthaben gegenübersteht. Das immer wieder vorgebrachte Gegenargument, die Zinserträge würden von der Inflation aufgezehrt, ist empirisch widerlegt, so dass Schulden und Guthaben auch real exponentiell wachsen. Das Problem besteht darin, dass die aus den langsamer anwachsenden Einkommen zu zahlenden Zinserträge ebenfalls exponentiell anwachsen müssen. Die für den Konsum bestimmten Mittel nehmen deshalb ab, wie man am Beispiel Griechenlands gut beobachten kann. Man kann die Sache auch plakativer ausdrücken: Je reicher ein Teil der Bevölkerung wird, umso ärmer muss dafür ein anderer Teil werden. Über die Tatsache, dass mit den Staatsschulden private Guthaben mit Zinsen bedient werden, redet bei allen öffentlichen Diskussionen über die Staatsverschuldung aber niemand.
  • Artikel naturgesetzlich vorherbestimmt?

    28.06.2010, Dr. Friedrich Gebhardt, Bonn
    Ich verstehe die Diskussion um den freien Willen nicht. Wenn es keinen freien Willen gibt, kann ich mich auch nicht entscheiden, ob ich andere Menschen moralisch oder ästhetisch beurteilen sollte, und der Aufsatz gibt nicht die Meinung von Edgar Dahl wider, sondern ist naturgesetzlich vorherbestimmt.

    Mir scheint, die Nichtexistenz des freien Willens ist in ähnlicher Weise weder beweisbar noch widerlegbar wie der Solipsismus: Nur ich existiere, alles andere ist Einbildung.
  • Willensfreiheit und Handlungsfreiheit

    28.06.2010, Norbert Hinterberger, Hamburg
    Ich habe festgestellt, dass meine logische Gleichsetzung von Willensfreiheit und Handlungsfreiheit (in meinem Leserbrief „Kanitscheider zwischen Positivismus und Realismus“) offenbar nicht detailliert genug erläutert war. In jedem Fall hat sie zu Missverständnissen geführt.
    Darum hier noch einmal genauer: Ich verstehe die Existenz von Handlungsfreiheit unter dem Vorbehalt, dass keine höhere Gewalt in Form eines Naturgesetzes, einer anthropoiden oder allgemeinen organismischen Verhinderung vorliegt. Es geht also zunächst nur um die theoretische Möglichkeit des freien Handelns (die praktisch natürlich durchaus eingeschränkt sein kann). Ich hatte das als trivial vorausgesetzt.
    Sieht man diese Einschränkungen, verschwinden die Unterschiede. Denn wozu sollte ich den Willen haben, wenn nicht zum Handeln, ob nun neuronal (in der ‚Umwelt meines Gehirns’) oder mit (in der Regel lediglich längenspezifisch) weiter reichenden Aktionen in der ‚Außenwelt’. Es gibt sicherlich wenig Dissens darüber, dass alles Handeln sich aus irgendeiner Form von biologischem Antrieb oder biologischer Motivation eines Organismus ableiten muss. Dissens gibt es eigentlich nur darüber, ob man das als Willensbildung auffassen sollte oder als eine determinierte Kausalfolge des Urknalls. Von neurologischer Seite gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass erregte Hirnareale bzw. -Potentiale (bezüglich ein und derselben dann ausgeführten Aktion) offenbar wesentlich früher neuronal handeln als unser Bewusstsein. Es gibt überdies Untersuchungen (sehr neue insbesondere im SPEKTRUM 06, 10), die zeigen, dass das Gehirn für bewusstes Handeln wesentlich weniger Energie aufwendet als für unbewusste Hirntätigkeit (Stichwort „Dunkle Energie des Gehirns“). Die Konjunktion beider Untersuchungen spricht für meinen Geschmack dafür, dass wir das Bewusstsein nur als die Spitze des neuronalen Eisbergs betrachten sollten bzw. unser Gehirn als ganzes (mitsamt Körper) ernster nehmen sollten als seine kleine mentale Teilmenge bzw. als den kleinen Ausschnitt Bewusstsein. Von vielen Psychologen wird das ‚Ich’ noch immer gern im Bewusstsein und das berühmte ‚Es’ im Rest des Hirns angesiedelt (ein Freud-Residuum). Ich denke, dass so eine Unterscheidung biologisch unplausibel ist, wie all diese Homunkulus-Vorstellungen. Wir sind unser ganzes Gehirn samt Körper, wer denn sonst? Diese kleine aber wichtige rhetorische Frage wurde kürzlich schon von einem Ihrer Autoren gestellt. Wir sollten also vielleicht dazu übergehen, das was wir täglich aus uns machen, indem wir unser Gehirn und unseren Körper an alle denkbaren Anforderungen der Natur anpassen bzw. weiterentwickeln, ‚Ich’ zu nennen. Indem wir eben einsehen, dass wir unser Gehirn plus Körper sind. Anders werden wir diesen Homunkulus ‚Ich’ in Form der Reduzierung auf Bewusstsein nicht los. Damit hätten wir auch eine natürliche Deutung der eben referierten vorbewussten aber offenbar nicht inkompetenten Entscheidungen unseres Gehirns. Nun könnte man von einem fatalistischen Determinismus aus natürlich noch immer sagen: Siehst du, das Bewusstsein wird vom Gehirn determiniert genauso wie das Gehirn bzw. der Mensch über allerlei Umwege durch den Urknall. Seit wir über die Quantenmechanik und die gut gestützte Theorie der Nichtlokalität verfügen, wissen wir allerdings, dass ein moderner Determinismus anders, nämlich mit sehr vielen Freiheitsgraden formuliert werden muss. In diesem Zusammenhang sollten wir also vor allem nicht Einfluss mit (insbesondere fatalistischer) Determination verwechseln. Ich habe in meinem ersten Brief schon diskutiert, warum anderenfalls die Begriffe der Anpassung und der Selbstorganisation sinnentleert erscheinen müssten – was sicherlich keiner von uns will.
    Um auf die logische Äquivalenz von Handlungsfreiheit und Willensfreiheit zurück zu kommen: Im Licht meiner oben und im ersten Brief gegebenen Argumente muss man Willensfreiheit als notwendige Bedingung von Handlungsfreiheit betrachten. Anders gesagt Handlungsfreiheit (die ja von Kanitscheider, Vollmer und anderen Gegnern der Willensfreiheitsthese eingeräumt wird) impliziert Willensfreiheit. Aber es gilt auch der Umkehrschluss, wenn man sich klar macht, dass der Wille selbst schon handelt, im und durch das Gehirn eben – und das, wie wir eben gesehen haben, auch ohne Bewusstsein, also biologisch hochschlüssig. Damit haben wir aber eine Äquivalenz von Willensfreiheit und Handlungsfreiheit.
    Ich halte das Gehirn übrigens, um in der Terminologie zu bleiben, für den komplexesten Willens-Apparat, den wir kennen.

  • Titel Ihres Leserbriefes

    27.06.2010, Antonietta Tumminello, 47167 Duisburg
    Durch Jahrzehnte lang andauernden Walfang wurden viele Wal- und Delfinarten an den Rand der Ausrottung gebracht. Auch heute sind diese faszinierenden Meeressäuger immer noch der Bejagung und zusätzlichen Belastungen ausgesetzt. Meeresverschmutzung, durch Boote und Unterwasserbohrungen verursachter Lärm, Verlust ihres Lebensraumes, Beifang in Fischnetzen und die globale Erwärmung, die unsere Meere verändert, sind einige der vom Menschen verursachten Bedrohungen.
  • Risiken und Nebenwirkungen

    25.06.2010, Peter Spang, Dillingen
    Sehr geehrter Herr Maugeri,

    wie sich die Ausbeutung "unkonventioneller" Lagerstätten gestaltet, ist derzeit ja live im Golf von Mexico zu bewundern. Den Abbau von Teersand, Öl- und Asphaltschiefer darf man dann wohl als terrestrisches Gegenstück zur Meereskatatstrophe sehen. Wir sollten uns alle schon mal gedanklich vom Öl verabschieden, nicht nur vom "easy oil".

    Solche Artikel wie der Ihre, sind wenig dazu angetan, hier einen Sinneswandel zu befördern, zumindest sollten sie nicht
    ohne "Beipackzettel", der über Risiken und Nebenwirkungen informiert, veröffentlich werden.

  • Nicht scharf genug unterschieden

    23.06.2010, Prof. Dr. B. Ohnesorge, Stuttgart
    In dem genannten Diskurs, insbesondere im Betrag von Michael Pauen, ist meines Erachtens nach nicht scharf genug zwischen objektiven und subjektiven Urteilen über Straftäter unterschieden worden. Unter objektiven Urteilen will ich hier als Beispiel die geltende Rechtsnorm - niedergelegt im Strafgesetzbuch - verstehen, die bestimmte rechtswidrige Handlungen mit bestimmten, mehr oder weniger genau festgelegten Sanktionen belegt. Als subjektives Urteil will ich hier mein persönliches inneres Werturteil über Handlungen, die mir als böse erscheinen, und über den Täter bezeichnen.

    Das Strafrecht kann man gewissermaßen als Notwehr der Gesellschaft gegen den Rechtsbrecher, den Täter von Verbrechen, verstehen. Es urteilt über Taten, nicht über Menschen. Gerechtfertigt wird es durch die Abwägung zwischen den zu vermeidenden Leiden der potentiellen Opfer und den Leiden, die man den potentiellen Tätern androht bzw. den straffällig gewordenen Tätern zufügt. Entsprechendes gilt auch für materielle Schäden, die den Einzelnen oder der ganzen Gesellschaft durch Rechtsbrecher zugefügt werden. Eine solche Rechtfertigung hat auch Bestand, wenn man einen totalen Determinismus menschlichen Handelns annimmt, also einen freien Willen leugnet.

    Nimmt man an, dass menschliches Verhalten vollkommen von Veranlagung und Außeneinflüssen bestimmt wird, so wird mit dem Strafrecht den Außeneinflüssen ein neues Element hinzugefügt, nämlich die Furcht vor Entdeckung und den daraus resultierenden Folgen, und somit die Wahrscheinlichkeit von Verbrechen gemindert. Entgegen der vielfach geäußerten Behauptung, die Furcht vor Strafe hätte noch kein Verbrechen verhindert, hat sich dieses utilaristische Prinzip als wirksam erwiesen, wie Ereignisse in der Vergangenheit gezeigt haben, wenn die Rechtsordnung vorübergehend außer Kraft war.

    Eines der übelsten Beispiele sind die widerwärtigen Vorgänge um die berüchtigte "Reichskristallnacht" vom 9. November 1938, als die Juden halboffiziell zu Freiwild erklärt worden waren und unzählige "brave" Bürger, die nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, sich ganz ohne Not der schlimmsten Verbrechen wie Brandstiftung, sinnlose Zerstörung, Raub, Plünderung, Körperverletzung bis hin zum Mord schuldig machten. Auch die von Michael Pauen geforderte und der Annahme eines Determinismus widersprechende Forderung nach Unterscheidung zwischen verantwortungsfähigen und verantwortungsunfähigen Tätern ist kein Einwand gegen die utilaristische Begründung des Strafrechts: Dort, wo Erziehungsmaßnahmen oder ärztliche Therapie bessere Erfolge versprechen, soll man sie anwenden.

    Anders sieht die Sache bei den subjektiven Urteilen, den Werturteilen über andere Menschen aus. Hier sollte grundsätzlich die biblische Regel "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet" gelten.

    Edgar Dahl lässt zwar auch subjektiv gefärbte, stark emotionale, von Zorn und Abscheu geprägte Urteile zu und kann sie damit begründen, dass sie manchen potentiellen Täter prägt und vor entsprechenden Taten abhält. Auch dürfte die Furchte vor Verachtung durch die Mitmenschen die Furcht vor Bestrafung ergänzen und vielleicht sogar übertreffen. Werturteile moralischer Art über andere Menschen bergen aber große Gefahren. Sie führen leicht zu Selbstgerechtigkeit und Selbstüberschätzung und machen blind für die Abgründe im eigenen Charakter. Dies gilt für einzelne Personen wie auch für ganze Völker. Die Deutschen hielten sich in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg für besonders gut. Wie oft habe ich als Kind und als Heranwachsender zu hören bekommen, wir seien nicht nur fleißiger und tüchtiger, sondern auch gerechter und humaner als andere Völker. Und dabei stand das deutsche Volk unmittelbar vor dem tiefsten moralischen Fall seiner Geschichte.

    Besonders übel wirken sich Werturteile aus, wenn sie zur Ausgrenzung und Verfolgung andersartiger Menschen führen. Die Beispiele sind so zahlreich und so bekannt, dass ich sie nicht besonders zu nennen brauche.
  • Polyzyklisch oder monozyklisch?

    21.06.2010, Manfred Polak, München
    David Biello schreibt: "... darunter als kritischste polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) wie Naphthalin, Benzol, Toluol oder Xylol ...".

    Gleich drei dieser vier Verbindungen besitzen nur einen Benzolring, sind also eben nicht POLYzyklisch.
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