Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Fragen der Begrifflichkeiten

    04.04.2011, Walter Pfohl, München
    Das Konzept von „Freiheit“, das Prof. Pauen propagiert, halte ich für alles andere als wissenschaftlich überzeugend. Die Frage bei der „Selbstbestimmung“ ist doch die, wodurch das „Selbst“ wiederum bestimmt ist – und da das Selbst nicht aus sich selbst heraus entstanden ist, führen die Ketten der Ursächlichkeiten letztlich auch alle aus dem Selbst heraus zu äußeren Ursachen für dessen resultierenden Zustand von Bereitschaften, Motivationen oder als solchen empfundenen inneren Zwängen.

    Bei den vorgetragenen pragmatischen Überlegungen zu Sanktionierung und Belohnung geht es ja nun auch offensichtlich nicht um eigentliche Freiheit, sondern um Manipulation der individuellen Entscheidungen durch Schaffen von Bedingungen im Hinblick auf die zu erwartenden sozialen Konsequenzen, was eine Veränderung der Entscheidungssituation bedeutet. Was ist daran „frei“, wenn einer unter anderen Bedingungen zu anderen Entscheidungen findet? Ist denn einer, der sich durch solche Motivationsmittel zu sozial erwünschtem Verhalten manipulieren lässt, in irgendeinem Sinn selbstbestimmter als einer, der dagegen resistent ist?

    Und wie sollte man wissenschaftlich sauber ein Grenze ziehen zwischen dominierenden Motivationen oder Zwängen? Wie weit können wir unsere (situationsabhängigen) Motivationen und deren Kraft denn selber frei bestimmen? Warum ist denn wohl nicht jeder zu kurz Gekommene in der Lage, mit seinem Los völlig zufrieden sein, einfach, indem er eben frei beschließt, ja gar nichts anderes zu wollen?

    Insofern halte ich die komplette Terminologie von „Autonomie“, „Urheberschaft“, „Verantwortlichkeit“ etc. für vorwissenschaftlichen Pragmatismus, der weit davon entfernt ist, einen wissenschaftlichen Begriff von „selbstbestimmter Freiheit“ zu begründen und zu tragen. Den Freiheitsbegriff auf soziale Manipulierbarkeit zu gründen, hat für mich schon eher was von orwellscher Begriffsverdrehung: Freiheit ist die Fähigkeit, den sozialen Zwängen zu gehorchen, und Selbstbestimmung ist Empfänglichkeit für Fremdbestimmung!

    (Liebe Philosophen, verdreht uns die gewachsenen Sprachbegrifflichkeiten bitte nicht so, dass sie für Euch irgendwann das Gegenteil von dem bedeuten, was Fachfremde darunter verstehen, sondern lasst Euch wenigstens signifikant andere Vokabeln dafür einfallen!)

    Ich glaube somit nicht, dass Konzepte von selbstbestimmter Freiheit überzeugend zu verwissenschaftlichen sein werden, und halte diese für kulturelle Konstrukte, die als Realitätsmodell ebenso illusionären Charakters sind wie andere metaphysische Dogmen. Unfrei oder gezwungen fühlen wir uns im Wesentlichen dann, wenn wir keine Wahl bzw. keine andere als die zwischen verschiedenen Übeln sehen, die wir allesamt nicht wirklich wollen. Solange wir Möglichkeiten sehen, die ohne ernstliche Konflikte mit unseren (letztlich durch äußere Ursachen bedingten) Grundvorstellungen vereinbar wären, empfinden wir unsere diesbezüglichen Entscheidungen nicht als zwangsbestimmt, sondern als vernünftige und freie Wahl der (subjektiv) wünschenswertesten der Optionen. Aber deswegen kommen diese auch nicht freier oder selbstbestimmter zu Stande als die aus fühlbaren Zwängen resultierenden, nämlich durch die naturgesetzlichen Prinzipien von Ursache und Wirkung.
  • Warum so pessimistisch ..... hier zählen die Fakten

    03.04.2011, Stephanos Thiodaherile
    Hallo liebe Vorredner ....

    weshalb so pessimistisch? Denken Sie doch mal an den Hover- Damm oder den 3-Schluchten-Damm in China. Alles Projekte, die im Vergleich mit einem mickrigen 500-Meter-Gesteinskolben wohl eher unmöglich erscheinen und doch von Menschenhand realisiert wurden. Wenn man es schafft den Gotthard-Basistunnels mit 57 Kilometer Länge durch die Alpen zu bohren, sollten zwei lächerliche 500-Meter-Kreistunnel keine große bergmännische Herausforderung sein.

    Auch die Steinsägearbeiten sind Stand der Technik! Dichtungen und Wasserkraftwerkstechnik für 200 bar Druck sind heutzutage Standard und werden vielfach eingesetzt. Die Kolbenaußenwand wird mit Dichtungsplatten abgedichtet. Der Kolben selbst kann während des Ausfahrens abgedichtet und bearbeitet werden. Keine Öko-Fantasien.... nur einfache Ingenieursarbeit! Man setzt Dinge, die es schon gibt in einer Art zusammen, dass sie einen Zweck erfüllen!

    Man sollte so einen Speicher bauen, zeigen dass es geht und ihn dann exportieren. Und was sind schon 400 Millionen Euro im Vergleich zu dem Geld, das bisher in die Atomforschung gesteckt wurde und noch zur Endlagererforschung gesteckt wird!

    Stephanos Thiodaherile

  • Münzenverschieben geht einfacher

    31.03.2011, Peter Robert, Hamburg
    Die Lösung mit dem Münzdreieck, das zu einer Reihe gelegt werden soll, fand ich sehr umständlich. Anliegend meine Version, die für mich als Laien viel einfacher ist und ebenfalls mit 7 Schritten zum Ziel kommt.

  • Sprachschlampereien

    31.03.2011, Fritz Kronberg, Rondeshagen
    Dieser Artikel ist im Wesentlichen recht informativ, allerdings muss man ihn zu lesen wissen. Zum Beispiel ist das Wort "verstrahlt" nicht übermäßig sinnvoll, denn es wird von der Journaille sowohl im Sinne von "durch Strahlungsexposition geschädigt", wie auch im Sinne von "durch Radioisotope kontaminiert" verwendet. Das sind zwei völlig unterschiedliche Sachverhalte, die ebenso unterschiedliche Verhaltensweisen erfordern.

    Genau so ärgerlich ist der Begriff "Verseucht". Seuchen sind sich schnell ausbreitende ansteckende Krankheiten. In einem verseuchten Gebiet läuft man also Gefahr, sich eine ansteckende Krankheit zu holen, die man dann nach Verlassen dieses Gebiets an seine Umgebung weiter reicht und diese somit ebenfalls verseucht. Für den Normalmenschen wird dadurch Radioaktivität, die ja lediglich eine Materialeigenschaft ist zu einer ansteckenden Krankheit. Diese sprachlichen Schlampereien, die möglicherweise von interessierten Kreisen durchaus beabsichtigt sind, tragen zu der ohnehin in Deutschland grassierenden irrationalen Panik gegenüber der Kernenergie bei und sollten deshalb zumindest in seriösen Publikationen vermieden werden.
  • Zur Frage der Selbstbestimmung

    31.03.2011, Karl-Heinz Schack, 32427 Minden
    Die philosophische und gesellschaftspolitische Seite des „Freien Willen“ wird von H. Pauen in seinem Artikel sehr schön dargestellt. Hinsichtlich der wissenschaftlichen Sichtweise finde ich den Artikel, ähnlich wie H. Gorisch etwas unbefriedigend.

    Sicherlich werden die biochemischen Prozesse auf molekularer Ebene im menschlichen Gehirn ohne „naturgesetzliche Kausallücken“ ablaufen. Da es aber genug Beispiele gibt, in denen das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, ist der Rückschluss, dass wir deshalb keinen freien Willen haben können, nicht zwingend notwendig.

    Auch bevor die Regeln der Ärodynamik bekannt waren, wird kaum ein Wissenschaftler behauptet haben, dass Dinge die schwerer als Luft sind grundsätzlich nicht fliegen können. Die praktische Erfahrung (Vogelflug) sprach einfach dagegen. Ähnlich ist es heute mit dem freien Willen. Man weiß zwar nicht wie er funktioniert, die praktische Erfahrung zeigt aber, dass es ihn gibt.

    Die Feststellung, dass elektrische Aktivitäten im menschlichen Gehirn feststellbar sind, bevor eine Entscheidung bewusst wird, ist grundsätzlich auch kein Argument gegen einen freien Willen. Wie das Bewusstsein funktioniert ist z.Z. kaum mehr erforscht als der freie Wille. Wie Bewusstsein und freier Wille zusammenhängen und ob Bewusstsein überhaupt eine Grundvoraussetzung des freien Willens ist, steht daher noch gar nicht fest. Möglicherweise gibt es Lebewesen, die über einen freien Willen verfügen, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Deshalb kann bislang aus zeitlicher Abfolge irgendwelcher Nervenimpulse und bewusster Wahrnehmung keinerlei Aussage über die Nichtexistenz des freien Willen abgeleitet werden.

    Ähnlich ist es mit weiteren menschlichen Fähigkeiten wie das Verständnis von Kausalitäten und der Handlungsweisen anderer Menschen, Planung zukünftiger Handlungen, Mitgefühl, etc. Wir sind gewohnt diese als zusammenhörig zu sehen. Welche davon jedoch z.B. Grundvoraussetzung für einen freien Willen sind und welche nicht unbedingt notwendig sind ist weitestgehend unklar. Auf der anderen Seite besteht durchaus die Möglichkeit, dass z. B. ein freier Wille ohne Mitgefühl durchaus möglich, aber nicht unbedingt wünschenswert ist.

    Die grundsätzliche Verleugnung des freien Willens steht auf jedem Fall im Widerspruch zur Möglichkeit ein etwas tieferes Verständnis für den freien Willen zu bekommen. Wie funktioniert er, was sind die Grundvoraussetzungen, was ist zusätzlich notwendig bzw. sinnvoll, haben auch andere Lebewesen einen freien Willen etc.?
  • Die Radioaktivität wird automatisch abgebaut

    27.03.2011, Joachim Datko, Regensburg
    Zur Überschrift: "Die Menge der Radionuklide sinkt nur durch Zerfall"

    Man kann dies auch positiv formulieren. Die Radioaktivität wird automatisch abgebaut. Wichtig bleibt, dass man der dabei entstehenden Strahlung nicht ausgesetzt ist.

    Joachim Datko, Physiker, Philosoph
  • Was wird hier ausgesagt?

    26.03.2011, Dr, Klaus Moll
    Die Studie hat einen anspruchsvollen Titel, der im Text aber keine entsprechende Antwort findet. Zunächst wird in der Studie von einem von der Marketingtheorie oft gebrauchten Nutzendenken ausgegangen, was auf Religion angewendet eine Vereinfachung darstellt. Mit Recht weisen die Autoren deshalb auf Vereinfachungen in ihrer Studie hin.

    So scheinen sie ein Phänomen zu übersehen, das bereits vor mindestens fünfzig Jahren als Weg in den Irrtum erkannt wurde, nämlich die beschränkte Aussagekraft von Trendprojektionen. Als ich 1957 in Chicago im Hauptquartier von A.C. Nielsen bei der Vorbereitung einer Dissertation über die Werbewirkung den Chef der Statistischen Abteilung danach fragte, ob sie irgendeine Formel hätten, nach der man mathematisch angenäherte Voraussagen über die zukünftigen Verkäufe von Markenartikeln machen könne, antwortete dieser mir, dass man zwar einmal vor 1940 Anstrengungen unternommen habe ein solches Vorhersagemodell (inklusive des Werbeaufwandes) zu entwickeln und es dabei auf eine Korrelation von über 0,99 gebracht habe, aber dann bei Ausbruch des Krieges festgestellt habe, dass das Modell jetzt unbrauchbar war. Danach habe es solche Bemühungen nicht mehr gegeben, wohl weil man sie als l'art pour l'art empfunden hat.

    Man muss sich bei Trendprojektionen also fragen, wie man mit unvorhersagbaren Ereignissen umgeht, die sich selbst ja oft aus qualitativen Verschiebungen ergeben, bei denen völlig neue Situationen entstehen. Ein gutes Beispiel sind die Krisen, die bei Blasenbildungen aller Art auftauchen, zum Beispiel die Immobilienblase oder die Inflationsblasen. Hier entstehen gravierende Verschiebungen, die zu Konflikten führen, welche oft plötzlich auftreten. Historisches Wissen hilft so etwas vorauszusehen, beziehungsweise zu erahnen. Das Wort Katastrophe heißt (plötzliche) Wendung nach unten und stammt schon aus dem Altgriechischen. Vorausschau ist bei weitem nicht nur Trendprojektion und der Begriff Religion fällt außerdem nicht allein unter die Nutzentheorie, sondern geht darüber hinaus.
  • Kellerasseln

    26.03.2011, Peter Kohler Bayreuth
    Bei Kellerasseln habe ich auch schon beobachtet, dass sie sich bei Gefahr zu Rädern krümmen und vom Wind wegrollen lassen.
  • Irreführende Überschrift

    25.03.2011, Bernd Meier, Erlangen
    Die Überschrift vermittelt den Eindruck, man könnte nichts anderes tun als auf den Zerfall zu warten.
    Tatsächlich deutet Herr Frank an, dass man radiaoaktive Stoffe genauso behandeln kann wie z. B. chemische Gifte. Anders als bei diesen kommt der radioaktive Zerfall noch hinzu. Bei Stoffen mit kurzer Halbwertszeit genügt es abzuwarten, bis diese Stoffe als Folge des Zerfalls verschwunden sind. Das ist bei chemischen oder biologischen Giften nicht möglich.

    Auf die Frage nach kontaminierten Bauteilen gibt Herr Frank eine Antwort, die für aktivierte Bauteile zutrifft. Kontaminierte Bauteile werden mit geeigneten Reinigungsmitteln abgewaschen. Die Waschflüssigkeit wird danach so behandelt, dass schließlich die radioaktiven Stoffe in konzentrierter Form vorliegen und endgelagert werden können. Das erfolgt in jedem Kraftwerk einmal im Jahr. Zur Stilllegung wird es dann besonders gründlich gemacht.
  • Wessen Interessen dienen solche Bohrungen?

    24.03.2011, Herbert A. Eberth, Welschneudorf
    Spätestens nachdem die Verflechtung der Tiefseeforschung mit den Interessen jener Energiekonzerne bekannt geworden ist, welche die in der Tiefsee vorhandenen Ölreserven ausbeuten wollen, muss man sich auch hier fragen: Wessen Interessen dient ein solches Projekt? Welche Interessen hatte in den 1960er Jahren der US-Kongress daran?

    Und da Wissenschaft und das Gros der Wissenschaftler längst ihre Unschuld verloren haben, frage ich mich auch: Welche weitergehenden Erkenntnisse hoffen die Wissenschaftler zu gewinnen und was wären die möglichen Folgerungen daraus?
  • Neusprech?

    24.03.2011, Michael Szameit, Erkner
    Sehr geehrter Herr Könneker,

    die aktuelle Tendenz, bei vornehmlich dem Griechischen entlehnten Fachbegriffen das Plural-"n" zu eliminieren (z.B. "Neurone" statt "Neuronen", "Transposone" statt "Transposonen" usw.usf.), trägt - wenngleich formal betrachtet nicht grundsätzlich falsch - meines Erachtens
    erheblich zur weiteren Verunstaltung unserer Sprache und zur Verunsicherung der Rezipienten bei. Ein wissenschaftliches Magazin vom Kaliber "SdW" muss nicht jedem Zeit(un)geist huldigen und mit weniger anspruchsvollen Medien um den Titel des einfallsreichsten Sprachpanschers streiten. Gönnen Sie sich und Ihren Mitarbeitern diesbezüglich ruhig ein wenig konservative Zurückhaltung.

    Bei dieser Gelegenheit bitte ich Sie ebenso dringend, Ihren Redakteuren und Mitarbeitern den Gebrauch solcher Wort- und Floskel-Scheußlichkeiten wie "zeitnah", "ein Stück weit", "zielführend", "Sinn machen", "verorten", "kleinteilig", "von daher", "jemandem etwas kommunizieren" und Vergleichbaren kategorisch zu verbieten. Die Vorliebe von Politikern für Vokabeln, die ein Höchstmaß an Ungenauigkeit auszeichnet, ist nachvollziehbar - in einem der weltweit wichtigsten Wissenschaftsmagazine, in dem Nobelpreisträger und andere Hochkaräter regelmäßig publizieren, hat diese Dummschwätzer-Sprache nichts zu suchen.

    Von daher bitte ich Sie, zeitnah ein Stück weit dazu beizutragen, die klandestine Verortung unserer Sprache in einer ergebnisoffenen Gemengelage möglichst schon an Ostern abzurufen und dies Ihren Mitarbeitern zielführend zu kommunizieren - das würde doch Sinn machen, ne?

    Finden Sie nicht? Richtig - das war auch kompletter Blödsinn. Im Bundestag wäre das aber niemandem aufgefallen... ;-)

    Freundliche Grüße
  • Wo bleibt das Niveau?

    23.03.2011, Walter Weiss, Kassel
    Vorab: Es müßte sprachlich korrekt 'Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier' oder 'Das Verhältnis Mensch zu Tier' heißen - auch darauf sollte geachtet werden.

    In der Sache: Spätestens seit Darwin ist das aufgeworfene Problem ein Scheinproblem. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist nur graduell, nicht essentiell, und das gilt für alle Lebewesen: Auch der Unterschied zwischen Elefant und allen anderen Lebenwesen ist nur gradueller Natur, auch zwischen Fliegenpilz und anderen Lebewesen, auch zwischen Amöbe und anderen Lebewesen usw.

    Das weiß heute jeder Grundschüler - nur völlig verbohrte religiöse Exzentriker sind noch anderer Meinung. Diese haben in Spektrum der Wissenschaft sicher nichts verloren.

    Dabei fasse ich das von Ihrer Zeitschrift gewählte Programm 'Die größten Rätsel der Philosophie' so auf, dass der heutige Stand der Dinge gemeint ist, also nicht (oder nicht nur) etwa eine jeweils sektoriell gestaltete Philosophiegeschichte.

    Ich bin auch mit diesem Glied in der Reihe 'Die größten Rätsel der Philosophie' durchaus nicht einverstanden. Meiner Meinung nach verlässt die Redaktion hier das hohe Niveau ihrer sonstigen Beiträge (aus Naturwissenschaft, Mathematik, Geschichte und Technik). Die bisherigen Beiträge der Reihe könnten in jeder Schülerzeitung stehen.
  • Gegenseitige Befruchtung statt Widerspruch

    23.03.2011, Dr. Dieter Spies, Egmating
    Bei den beiden Artikeln des ersten Teils des Philosophiethemas habe ich den Eindruck, dass beide ängstlich darauf bedacht sind, die Erkenntnisse der Neurowissenschaften einzubeziehen bzw. ihnen ja nicht zu widersprechen. Wenn aber Philospohie und Neurowissenschaften je ihrem Wesen treu bleiben, kann es gar keinen Widerspruch geben: Die Philosophie versucht die Bedingungen der Möglichkeit von Erkennen überhaupt und des naturwissenschaftlichen Denkens im Besonderen zu begreifen und zu beschreiben, die Naturwissenschaften gewinnen ihre Erkenntnisse innerhalb ihres Bedingungs- und Methodenrahmens.

    So kann z.B der Versuch, im zweiten Artikel Freiheit so zu definieren, dass der Neurowissenschaftler als solcher zustimmen muss, nur scheitern: Wenn der Autor des zweiten Artikels als Voraussetzung der Freiheit die Abwesenheit von inneren und äußeren Zwängen bezeichnet, so ist dies ein philosophisch durchaus diskussionswürdiger Ansatz, aber ein Neurowissenschaftler wird nur zwingend kausal-determinierte Abhängigkeiten, also Zwänge beim menschlichen Handeln finden, weil es eine Denkkategorie "Freiheit" in den Naturwissenschaften gar nicht gibt und was von vornherein im naturwissenschaftlichen Denkrahmen als Möglichkeit ausgeschlossen ist, kann auch nicht gefunden werden. Sollte nun ein Neurowissenschaftler folgern, dass es freie Akte nicht gebe, so hat er seine Wissenschaft verlassen und befindet sich auf spekulativem gegebenenfalls philosophischem Gebiet, denn, was es als Denkmöglichkeit naturwissenschaftlich nicht gibt, kann nanturwissenschaftlich auch nicht geleugnet werden. Die Philosophie muss also gegebenenfalls den Neurowissenschaftler auf seine naturwissenschaftlichen Denk- und Methodenkategorien hin- und zurückweisen. Sie selbst kann aber zusätzliche Denkkategorien postulieren, um das "ganze" Leben erklären zu können und um damit z.B. zur kantischen Aussage der "Kausalität durch Freiheit" zu kommen.

    Widerspruch kann es also eigentlich nicht geben, aber gegenseitige Befruchtung sehr wohl. Zwei Beispiele: Wenn die Physik sich in der Quantentheorie genötigt sieht, indeterministische Phänomene anzumehmen und somit ihren eigenen Denkrahmen zu sprengen, dann muss dies das Interesse der Philosophie wecken. Oder wenn Neurowissenschaftler von im Gehirn ankommenden elektrochemischen neuronalen Impulsen unvermittelt - und völlig unwissenschaftlich - aussagen über die Entstehung und das Wesen von Bewusstsein machen, dann muss das die Philosophie auf den Plan rufen.
  • Erdbeben als Auslöser

    23.03.2011, Ditmar Friedli, Witterswil, Schweiz
    Im Alpenraum, wo sich seit der letzten Vergletscherung ebenfalls dramatische Bergstürze ereignet haben, gilt der Rückzug der Gletscher als häufige Ursache: Hänge wurden nicht mehr vom Eis gestützt und glitten zu Tal. Diese Ursache könnte durchaus auch für das in der Kaltzeit von Gletschern durchflossene Industal zutreffen. Weiterhin ist dort vorstellbar, dass Talflanken durch die Tiefenerosion der Gebirgsflüsse zu steil werden und nach einem Erdbeben oder Starkniederschlag abrutschen. Schließlich darf man auch nicht das Auftauen des Permafrosts infolge der Klimaerwärmung vergessen. Der im Artikel erwähnte Bergsturz von Randa ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass das Eis in den Klüften des Talhangs das Felsgestein nicht mehr zusammenhielt.

    Für mich kommen Beben eher als Auslöser und nicht so sehr als primäre Ursache für die Bergstürze in Betracht.
    Antwort der Redaktion:
    Sie haben Recht, dass auch die von Ihnen aufgelisteten Phänomene das Grundgestein Hunderte von Metern tief destabilisieren und somit Bergstürze und Muren auslösen können – doch manche erst im Lauf von Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden. Beispielsweise ging jener Felslawine im Gebiet des Bualtar-Gletschers im August 1986, die mein Interesse an dem Thema weckte, kein Erdbeben voraus. Wahrscheinlich war das Gestein durch den schwindenden Gletscher, vielleicht auch durch auftauenden Permafrost allmählich brüchig geworden. Als unmittelbarer Auslöser kommen extreme Schmelzwasser nach einem außergewöhnlich schneereichen Winter und Frühling sowie heftige Niederschläge im Sommer mit in Frage. Damals rutschten gut 20 Millionen Kubikmeter zu Tal.

    Megabergstürze, deren Volumen um mindestens einen Faktor 100 größer ist, erfordern aber tiefer gehende Störungen des Grundgesteins und vor allen Dingen weit mächtigere »Trigger«. Erdbeben sind ein guter Kandidat dafür, insbesondere Megaerdbeben der Stärke 8 und mehr auf der Richterskala. In diesen könnten sich tektonische Spannungen auf einmal entladen, die sich über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende aufgebaut haben. Das könnte auch nicht erklären, warum Megabergstürze in der Vergangenheit des Karakorum Cluster bildeten, also zur gleichen Zeit und im ganzen Gebiet räumlich verteilt auftraten. Wohl gemerkt ist das derzeit ein Modell, doch es passt gut zu den bisherigen Daten und Beobachtungen.



    Kenneth Hewitt, Wilfried Laurier University, Waterloo, Kanada

  • Die Unentscheidbarkeit der Willensfrage

    22.03.2011, Fabian Hauser, Gauting-Stockdorf
    Die Frage der Willensfreiheit ist meiner Meinung prinzipiell unentscheidbar. Mir scheint, dass diese Vermutung bei Diskussionen über das Für und Wider der Freiheit des Willens nicht ausreichend berücksichtigt wird. Folgende Argumente sprechen meiner Ansicht nach für die Unentscheidbarkeit der Willensfrage:

    1. Unser Wissen ist immer nur Vermutungswissen. Wir können zwar Experimente oder Theorien pro oder kontra auf die Willensfreiheit hin interpretieren, aber wir dürfen sie nie als endgültige Wahrheiten auffassen, da wir die Zukunft nicht kennen und damit immer nur vorläufiges, vermutetes Wissen besitzen. Damit können wir aber auch zu keinem abschließenden Urteil in der Willensfrage kommen. Zukünftige Erkenntnisse könnten frühere falsifizieren.
    2. Wir können nicht unendlich genau messen. Selbst wenn Experimente überwältigend für oder gegen die Willensfreiheit sprächen, blieben auf Grund der eingeschränkten Messgenauigkeit Restzweifel.
    3. Der wichtigste Aspekt, warum die Willensfrage unentscheidbar ist, ist aber ein logischer: Unsere Diskussionen und Handlungen würden in einer Welt mit freiem Willen genau so ausfallen und aussehen, wie in einer Welt ohne freien Willen, da in einer solchen Welt, konsequent gedacht, nichts einen freien Willen hätte. Es gäbe daher keinerlei Möglichkeit zu entscheiden, ob unser Wille frei ist oder nicht, da auch sämtliche Diskussion darüber und Schlussfolgerungen für einen freien Willen unfrei sein könnten, ohne dass wir dies je merken würden. Wir könnten die unfreie Illusion eines freien Willens haben.

    Auf der Enge des Raums kann ich meine Vermutungen, dass die Willensfrage prinzipiell unentscheidbar ist, natürlich nur grob skizzieren. Man könnte sie in einer ausführlicheren Arbeit sicherlich überzeugender darstellen.

    Abschließend sei bemerkt, dass ich solche „grundsätzlichen“, „ernsten“ Diskussionen über die Willensfrage aus den oben genannten Gründen für das reale Leben als sinnlos empfinde, da man nicht zu einem abschließenden Ergebnis kommen kann und daher auch keine Probleme lösen oder erklären kann (z. B. ethische). Im Gegenteil, sie können sogar unnötig verwirrend und verkomplizierend sein (siehe z. B. die Diskussion in SdW 6/2010). In punkto Ethik ist die „Strategie der Vernunft“, die Hans-Joachim Niemann, an Karl Popper und Hans Albert anknüpfend, im Rahmen des Kritischen Rationalismus entwickelt hat, in meinen Augen immer noch das überzeugendste Programm. Es kommt ohne überflüssige, tief gehende Diskussionen über die Willensfrage aus und besticht durch seine realitätsnahe Anwendbarkeit.