Gute Frage: Schicken Frauen mehr Emojis?

Der »typische« Mann reagiert im Chat oft nur mit einem »Daumen hoch«, scherzhaft auch »Dad-Emoji« genannt – so heißt es. Und Frauen? Die schmücken ihre Nachrichten großzügig mit Blumen, Tieren, vor Lachen weinenden Gesichtern und Herzen in allen Farben aus. So zumindest das Klischee.
Emojis transportieren in der digitalen Kommunikation Gefühle. Muss man etwa eine Verabredung absagen, signalisiert ein Bildchen von einem weinenden Gesicht, dass man darüber traurig ist. Zugleich veranschaulichen Emojis, was gemeint ist, zum Beispiel, wenn man die Info über den geplanten Restaurantbesuch mit einem Pizza-Symbol versieht.
Darüber hinaus wirken Emojis auf der Beziehungsebene: Sie zeigen, wie eine Nachricht gemeint ist. Ein »Na toll« mit einem Zwinkern wirkt beschwichtigend, ein »Na toll« mit einem Augenrollen genervt. Im direkten Gespräch übermitteln Mimik und Gestik solche Zwischentöne. Im digitalen Austausch mit Freunden und Familie sind Emojis nicht wegzudenken. In formellen Kontexten kommen sie weniger zum Einsatz, etwa bei der Arbeit.
Die verbreitete Idee, Frauen nutzten mehr Emojis, knüpft an das Klischee an, sie seien grundsätzlich »gefühlsorientierter«. Tatsächlich bestätigten verschiedene Befragungen – darunter auch eine von unserem Kollegen Patrick G. Grosz und uns – die Annahme, dass Frauen häufiger Emojis schicken als Männer. Woran das liegt, ist allerdings schwer zu sagen. Es könnte sein, dass von Frauen eher erwartet wird, sich um die Beziehungsgestaltung zu kümmern und in der Kommunikation nahbar zu wirken.
Eine große Analyse von Zhenpeng Chen von der Tsinghua University in Beijing kam ebenfalls zum Schluss, dass Frauen mehr Emojis verwenden – allerdings fielen die Unterschiede hier deutlich geringer aus als in unserer Befragung. Das Team setzte nicht auf Befragungen, sondern wertete mehr als 400 Millionen Kurznachrichten von mehr als 134 000 Nutzerinnen und Nutzern aus 183 Ländern aus. Bei Frauen lag der Anteil an Nachrichten mit mindestens einem Emoji bei 7,96 Prozent, bei Männern bei 7,02 Prozent. Im echten Alltag dürfte der Unterschied demnach kaum ins Gewicht fallen.
Männer versenden mehr Herzen, Frauen Gesichter
Interessanter waren die Unterschiede in den Vorlieben. Männer, denen nachgesagt wird, sie zeigten Gefühle weniger offen, nutzten überraschenderweise häufiger Herz-Emojis als Frauen. Frauen wiederum verwendeten mehr Gesichts-Emojis. Den Autoren zufolge passt das zu der Annahme, dass Frauen ausdrucksstärker kommunizieren und mit Emojis eine größere Bandbreite an Gefühlen abbilden – Glück, Niedergeschlagenheit, Wut. Auch bei anderen Symbolen gab es Vorlieben: Fußbälle, Zigaretten oder das Zeichen fürs männliche Geschlecht deuteten auf männliche Nutzer hin; Kuchen, Konfetti oder Frauen, die Händchen halten, auf weibliche.
Entscheidend ist jedoch der Kontext: Eine Studie der Linguisten Marcel Fladrich und Wolfgang Imo zeigt, dass die Emoji-Nutzung davon abhängt, mit wem wir kommunizieren. Frauen verwendeten im Austausch untereinander die meisten Emojis, Männer untereinander die wenigsten. Schrieben Männer jedoch mit Frauen, stieg ihre Emoji-Nutzung sogar leicht über das Niveau von Frauen, die Männern schrieben.
Eine weitere Studie eines Teams um die italienische Psychologin Linda Dalle Nogare ergab: Männer erkannten Emotionen in Emoji-Gesichtern besser als Frauen, während Frauen die Mimik echter Gesichter präziser deuteten. Emojis sind weniger mehrdeutig und einfacher strukturiert als reale Gesichtsausdrücke. Möglicherweise sind die klaren Symbole für Männer besonders leicht zu entschlüsseln, mutmaßen die Autoren.
Können wir also das eingangs skizzierte Klischee bestätigen? Nicht ganz. Auch für den »Daumen hoch« als vermeintlich männliches Standard-Emoji gibt es keine belastbaren Belege. Die Daten zeigen vielmehr: Nicht nur das Geschlecht entscheidet darüber, wie viele Emojis wir verwenden, sondern auch, wem wir schreiben.
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