Warkus’ Welt: Kann Spaghettiessen Kunst sein?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Sinfoniekonzert, um sich ernste, hochkulturelle Stücke anzuhören, intellektuelle Gipfelleistungen der abendländischen Musiktradition. Vielleicht ein Orchesterarrangement der »Kunst der Fuge« von Johann Sebastian Bach; oder die 4. Sinfonie und das Doppelkonzert von Johannes Brahms. Musik, die man sich ganz sicher nicht anhört, weil sie so schmissig und ohrwurmtauglich ist oder weil man sie etwa aus der Fernsehwerbung kennt.
Man könnte diesen Abend so beschreiben: Sie setzen sich in einen verdunkelten Saal und verbringen dort weit über eine Stunde damit, sich ganz ausschließlich auf ein Kunstwerk zu konzentrieren. Je nachdem, wie gut oder schlecht Sie sich mit Musik im Allgemeinen und mit Bach oder Brahms im Speziellen auskennen, können Sie dabei kognitiv das eine oder andere mit dem anfangen, was Sie da hören. Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit der Musik anderer Komponisten, gut oder schlecht gespielte Passagen oder die allgemeinen Qualitäten der Interpretation im Vergleich mit anderen, die Sie zuvor schon live oder in Aufnahmen kennengelernt haben. Vielleicht bereitet es Ihnen einen ganz besonderen intellektuellen Genuss, so zu hören und zu denken. Vielleicht haben Sie sogar eine Erfahrung, als würde Sie etwas Übernatürliches anrühren. Dabei sitzen Sie einfach nur im Konzertsaal und Ihr Geist beschäftigt sich mit Musik.
Kunst mit allen Sinnen spüren
Man könnte den Abend aber auch ganz anders beschreiben: Sie betreten, möglicherweise ein bisschen feiner angezogen als im Alltag, eine Folge von Räumen (Vorräume, Treppenhäuser, Foyers, den Saal selbst), die an sich schon beeindruckend sind – in ihrer Größe, ihrer Gestaltung, ihrer Beleuchtung. Sie bewegen sich zwischen vielen anderen Menschen, die interessant aussehen, gut gekleidet sind, vielleicht sogar spannendes Parfum aufgelegt haben. Im Konzertsaal sitzen Sie in einem Sitzmöbel, das sich ganz anders anfühlt als die Stühle, die Sie sonst so benutzen, weil die Sitzfläche klappbar ist und dazu recht schmal. Das Orchester stimmt seine Instrumente mit fremdartigem Lärm, danach hören Sie die Musik. Auch wenn Sie sich gut auskennen und intellektuell alles verstehen, was da harmonisch, melodisch und rhythmisch passiert: Wie sich die vielen Musikerinnen und Musiker vor Ihnen synchron bewegen, ihre ganz unterschiedlichen, glänzenden und schimmernden Instrumente, ihre Gesichtsausdrücke, ihre Anzüge und Abendkleider, lässt Sie die Aufführung atemlos verfolgen wie einen Spielfilm.
Die Umgebung im Konzertsaal, die Architektur, die Dekoration und die anderen Zuhörenden, ziehen immer wieder Ihren Blick an, ohne dass Sie dabei das Zuhören vernachlässigen würden. In der Pause trinken Sie an einem Tresen aus kühlem Stein einen besonders guten Sekt und essen eine außergewöhnlich schlechte Brezel. Sie unterhalten sich vielleicht hier und da mit jemand Fremdem, ja, flirten sogar ein wenig. Ihr Herz pocht, Sie sind euphorisch. Es bereitet Ihnen möglicherweise besonderen sinnlichen Genuss, all dies wahrzunehmen und zu empfinden; vielleicht haben Sie sogar eine Erfahrung, als würde Sie etwas Übernatürliches anrühren. Dabei sind Sie einfach nur im Konzert und alle Ihre Sinne sind aktiv.
Die beiden Beschreibungen stellen zwei unterschiedliche Arten und Weisen gegenüber, auf ästhetische Erfahrung, auf das Erleben von Kunst zu blicken. In der langjährigen Tradition der europäischen Philosophie ist ästhetische Erfahrung tendenziell etwas, was auf Distanz stattfindet, in Konzentration und Versenkung, in der Regel über die beiden »Fernsinne« Sehen und Hören. Man kann Kunsterfahrung aber auch ganz anders sehen: als ein fesselndes Zusammenspiel aller Sinne, als einen kraftvollen Prozess, in dem sich etwas ausdrückt und eventuell sogar das Leben verändert – für einen Moment, vielleicht für immer. Mit diesem Konzept ist der Name des amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey (1859–1952) verbunden, der 1934 sein Buch »Kunst als Erfahrung« veröffentlichte.
Ist jede Erfahrung potenziell ästhetisch?
Was bedeutet es, wenn wir annehmen, dass Kunst damit zu tun hat, bestimmte Arten von Erfahrungen zu machen, und (wie Dewey) explizit sagen, dass der Übergang zwischen Alltags- und Kunsterfahrung fließend und nicht sprunghaft ist? Es bedeutet eine radikale Emanzipation: Jede Erfahrung kann potenziell ästhetisch sein. Man kann die Erfahrung von »lebensverändernden Spaghetti Carbonara« irgendwo in einem Hinterhofrestaurant in Rom genauso machen wie die Erfahrung einer lebensverändernden Bach-Orgelpartita in der Leipziger Thomaskirche. Es gibt zwischen beidem keinen kategorialen Unterschied, denn ebenso wie ein schnelles Mittagessen unterwegs kann umgekehrt auch ein Musikstück banaler, schnell vergessener Alltagshintergrund sein.
Doch ist das wirklich so? Die kanadischen Philosophen Glenn Parsons (* 1971) und Allen Carlson (1943–2025) diskutieren in ihrem Buch »Functional Beauty« von 2008, dass dann gegebenenfalls sogar »bloße körperliche Genüsse« wie ein heißes Bad oder sexuelle Betätigung ästhetische Erfahrungen sein könnten – was sie ablehnen, weil es nicht nur der philosophischen Tradition widerspreche, sondern vor allem unserer langjährig etablierten Alltagsrede davon, was Kunst ist und was nicht. Ich bin mir da nicht so sicher. Den einen oder anderen Gedanken ist die Überlegung sicher wert.
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