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Warkus' Welt: Sollen wir hoffen?

Die Pandemie zermürbt derzeit viele. Sollten wir auf einen guten Ausgang hoffen oder lieber auf das Schlimmste gefasst sein? Unser Kolumnist Matthias Warkus wägt philosophisch ab.
Kurve mit InfektionszahlenLaden...

Fast ein Jahr ist vorbei, und noch immer ist kein Ende der Pandemie erkennbar – zumindest außerhalb der glücklichen Weltgegenden, die es geschafft haben, die erste Welle abzuwürgen. Dabei ist die Lage in Deutschland alles andere als durchsichtig: Während die Fallzahlen sinken und die Diskussionen darüber, wie die Einschränkungen des öffentlichen Lebens wieder aufgehoben werden sollen, Fahrt aufnehmen, steigt gleichzeitig der Anteil gefährlicherer Varianten des Virus. Ein Anstieg der Infektionszahlen, der alles bislang Dagewesene in den Schatten stellt, scheint in den nächsten Monaten möglich.

Eine Frage, die sich angesichts solcher Situationen stellt, ist: Soll man Hoffnung haben oder lieber mit dem Schlimmsten rechnen? Hoffnung ist nach gängiger philosophischer Definition die Kombination aus einem Wunsch, in Zukunft möge etwas Bestimmtes geschehen oder unterbleiben, und der Annahme, dass dieses Ereignis auch tatsächlich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten kann. Ereignisse, die mit Sicherheit eintreten werden, können nicht Gegenstand der Hoffnung sein. Es ist unsinnig, darauf zu hoffen, dass morgen die Sonne wieder aufgeht.

Aber was ist mit Ereignissen, die zwar logisch möglich, aber sonst quasi unmöglich sind? Darf ich hoffen, dass über Nacht ein pfundschwerer Meteorit aus gediegenem Gold auf meinem Balkon niedergeht? Technische Geräte oder übernatürliche Fähigkeiten, die dazu führen, dass gerade das extrem Unwahrscheinliche dennoch eintreten kann, tauchen in der Sciencefiction bei Douglas Adams und Larry Niven auf. Wir jedoch müssen vorerst ohne sie auskommen.

Hoffnung kann sich selbst auf das Unwahrscheinlichste richten

Hoffnung auf das extrem Unwahrscheinliche ist ein Merkmal bestimmter Ausprägungen von Religiosität, spielt aber bei Alltagshandlungen ebenso eine Rolle: Wer Lotto spielt, hofft darauf, dass ein Ereignis eintritt, dessen große Unwahrscheinlichkeit sehr gut beforscht und tausendfach praktisch bestätigt ist. Es scheint daher auch einen philosophischen Konsens zu geben, dass sich Hoffnung selbst auf das Unwahrscheinlichste richten kann.

Aber selbst wenn man kann: Soll man denn hoffen? Ich sympathisiere seit jeher mit dem philosophischen Pragmatismus, der die Bedeutung und Bewertung jedweden Phänomens an seinen Auswirkungen auf menschliches Handeln festmacht, aber mir scheint, dass das hier wenig bringt. Die Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang der aktuellen Situation kann mich dazu veranlassen, im Alltag besonders vorsichtig zu sein und zudem meinen Einfluss auf andere geltend zu machen, um diesen Ausgang tatsächlich herbeizuführen. Sie kann mich aber auch leichtsinnig machen.

Gibt es vernünftige Rassisten? Hat nicht nur der Ärger unseres Vorgesetzten eine Ursache, sondern auch alles andere auf der Welt? Und was ist eigentlich Veränderung? Der Philosoph Matthias Warkus stellt in seiner Kolumne »Warkus' Welt« philosophische Überlegungen zu alltäglichen Fragen an.

Vom Hoffen zum Handeln

Die Einstellung »Ich hoffe, wir bekommen es hin« ist hinsichtlich ihrer praktischen Auswirkungen möglicherweise näher an »Wir können nur noch das Schlimmste verhindern« als an »Es wird schon gut gehen«. Man kann möglicherweise aus der Hoffnung ebenso wie aus der Verzweiflung heraus das Richtige tun. Wer sicher ist, dass die dritte Corona-Welle noch viel schlimmer werden wird als die zweite oder gar, dass es keine Rückkehr zu einem Leben, wie es vor der Pandemie war, geben kann, muss deswegen nicht gleich alles in den Wind schlagen und im nächsten ungelüfteten Keller eine illegale Après-Ski-Party mit 60 Gästen aus Tirol abhalten.

Weniger im Zusammenhang mit Covid-19, aber umso öfter bei der Diskussion über die gegenwärtige Klimakatastrophe habe ich die Aufforderung gesehen, Hoffnung zu haben: Ohne Hoffnung auf einen guten Ausgang würden die Menschen sich nicht mehr anstrengen. Wie eben angedeutet, kann man jedoch auch aus der Verzweiflung heraus zielgerichtet handeln.

Man könnte nun einwenden, dass eine verzweifelte Existenz schwerer zu führen ist als eine hoffnungsvolle. Allein um gesund, munter und am Leben zu bleiben, sollte man doch vielleicht positiv denken? Diese Frage führt uns weg von der Philosophie und in die empirische Psychologie und Medizin, die leider bis heute kein ganz klares Bild davon hat, ob es wirklich Hoffnung ist, die uns gesund erhält. Oder ob es zum Beispiel eher Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Gebrauchtwerden sind, die sich mit einem verzweifelten Leben durchaus vereinbaren lassen.

So albern es sich anhören mag, scheint mir der sinnvollste Schluss also: Wenn es Ihnen dabei hilft, das Richtige zu tun, dann haben Sie Hoffnung. Wenn Ihnen das Hoffen nicht hilft, seien Sie ruhig verzweifelt. Bloß dass etwas rein deswegen passiert, weil Sie es sich wünschen – darauf dürfen Sie nicht hoffen. Aber das tun Sie vermutlich ohnehin nicht.

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