Vorsicht, Denkfalle!: Werden wir immer dümmer – oder nur anders klug?

»Use it or lose it!« – »Nutze es, oder du bist es los.« So lautet ein ehernes Gesetz der Neurowissenschaften. Mit »es« ist unsere neuronale Hardware gemeint, also Hirnzellen und synaptische Verbindungen, die abgebaut werden, wenn wir sie nicht gebrauchen.
Unser Hirn ist eine Effizienzmaschine, die keine Ressourcen vergeudet. Daher trifft die Vorstellung, wir nutzten es bloß zu zehn Prozent, nicht einmal auf jene Gehirne zu, die solchen Humbug glauben.
Warum erzähle ich das? Hirnzellen und Synapsen erleichtern das Problemlösen – und sie taten es bis vor Kurzem immer besser. Laut dem Flynn-Effekt stieg der mittlere IQ in den westlichen Industrienationen lange kontinuierlich an. Der Politologe James R. Flynn beschrieb dies 1984 erstmals systematisch. Demnach legte der Durchschnitts-IQ in den USA zwischen 1932 und 1978 um satte 13,8 Punkte zu.
Inzwischen mehren sich die Anzeichen für eine Trendwende: Ein Team um Intelligenzforscher Edward Dutton von der Asbiro University im polnischen Łódź berichtete 2016 von einem Schwinden um circa drei Punkte je Dekade seit den 1990er-Jahren – und zwar in Skandinavien, wo die umfangreichsten IQ-Bevölkerungsdaten vorliegen.
Gibt es einen Anti-Flynn-Effekt?
Manche sprechen bereits vom »Anti-Flynn«: Werden wir immer dümmer? Fakt ist, die wichtigsten Flynn-Faktoren – nämlich Bildung und Ernährung – haben in vielen Teilen der Welt noch Luft nach oben. In hiesigen Gefilden jedoch scheint ein Ende der Fahnenstange erreicht. Was sich nach einem Dutzend Schuljahren plus Ausbildung oder Studium nicht herauskitzeln ließ, kitzelt keiner mehr. Und zu viel Fett und Zucker in Kombination mit Bewegungsmangel schlagen auch mental ins Kontor.
- Der fundamentale Attributionsfehler
- Die Normalitätsverzerrung
- Der Rückschaufehler
- Die Wissensillusion
- Die Verlustaversion
- Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom
- Der action effect
Hinzu kommt, überspitzt gesagt, die digitale Verdummung. Für die gibt es zwar noch keine belastbaren Langzeitdaten, doch technische Helfer ersparen uns in wachsendem Maß die Mühe, selbstständig Probleme zu lösen. Informationen zu sichten, Sprachen zu lernen, uns zu orientieren, Argumente zu gliedern oder Texte von mehr als ein paar Zeilen Länge zu verstehen.
Ja, ich weiß, die Standardantwort darauf lautet: Wir gewinnen durch KI doch so viel Zeit, die wir in andere, kluge Dinge stecken können. Wer nicht überlegen muss, wo’s langgeht, weil das Auto von allein fährt, kann superintelligente Gespräche mit dem Beifahrer führen. Die Frage ist nur: Tun wir’s auch wirklich?
Meine auf reiner Selbstbeobachtung fußende Befürchtung lautet: Wir sind viel zu träge. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich jedenfalls strenge meinen Grips nur an, wenn ich muss. Und manchmal nicht einmal dann.
Mehr fluide, weniger kristalline Intelligenz
Vielleicht verschieben sich unsere Fähigkeiten ja auch nur: Auswendiglernen und Kopfrechnen kommen aus der Mode – dafür können wir 17 verschiedene Wissensquellen pro Minute anzapfen, ohne dabei verrückt zu werden. Sprich: Die kristalline Intelligenz sinkt, die fluide wächst.
Womöglich geht der IQ nicht auf breiter Front zurück, sondern nur dort, wo wir uns auf die faule KI-Haut legen. Zudem werden schlaue Leute durch kluge Automatisierung eventuell noch schlauer, während jene, die ihr Denken an die gottgleiche Weisheitsmaschine delegieren, eher in die Röhre gucken. Ob so ein Auseinanderdriften nach der Devise »Wer hat, dem wird gegeben« gesellschaftlich wünschenswert ist, möchte ich allerdings bezweifeln.
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