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Warkus’ Welt: Was ist digitale Gewalt?

Deepfakes, Identitätsdiebstahl, Onlinestalking: Neue Formen von Übergriffen bedrohen Menschen. Unser Philosophie-Kolumnist seziert, was sich hinter dem Schlagwort »digitale Gewalt« verbirgt. Eine Begriffsklärung.
Eine große Menschenmenge versammelt sich bei einer Demonstration im Freien. Im Vordergrund hält jemand ein handgemaltes Schild aus Pappe mit der Aufschrift „DANKE COLLIEN“. Die Menschen wirken aufmerksam und engagiert. Im Hintergrund sind moderne Gebäude zu sehen. Die Szene vermittelt eine Atmosphäre von Gemeinschaft und Engagement.
Am 22. März 2026 demonstrierten am Brandenburger Tor in Berlin Tausende Menschen »Gegen sexualisierte digitale Gewalt« und für »Solidarität mit allen Opfern« – so das doppelte Motto der Kundgebung.
Haben Katzen das bessere Leben? Gibt es eine Pflicht, sich zu empören? Hat alles, was existiert, etwas gemeinsam? Matthias Warkus blickt in seiner Kolumne »Warkus’ Welt« mit den Augen des Philosophen auf Alltägliches und Außergewöhnliches.

Durch die Berichterstattung über die Leidensgeschichte der Schauspielerin Collien Fernandes ist ein neuer Ausdruck in aller Munde: digitale Gewalt. Darunter werden verschiedene Formen von in der Regel kriminellem Handeln mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnik verstanden. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zählt darunter etwa Onlinestalking, unerlaubtes Verfolgen von Aufenthaltsorten, Identitätsdiebstahl und -missbrauch sowie bildbasierte Gewalt. Der Beitrag zum Thema auf der Website des BSI beginnt allerdings schon mit dem Satz: »Der Begriff Digitale Gewalt ist nicht eindeutig definiert und wird sehr unterschiedlich genutzt.«

Wenn Begriffe nicht eindeutig definiert sind, wittern wir in der Philosophie oft eine Aufgabe. Man kann Philosophie insgesamt als eine Art Dienstleistungsbranche für das Klären von Begriffen anderer Leute verstehen, wenn man möchte. Was also ist digitale Gewalt, ganz grundsätzlich gesehen?

Gehen wir einmal davon aus, dass der Ausdruck »digitale Gewalt« dem sogenannten Kompositionalitätsprinzip unterliegt, seine Bedeutung sich also aus der Bedeutung seiner Teile herleitet. (Das ist keine Selbstverständlichkeit – die Bedeutung des Ausdrucks »Strammer Max« etwa hat mit der Bedeutung seiner beiden Teile rein gar nichts zu tun.) Dann müssten wir erst einmal klären, was Gewalt ist, und im Weiteren, was es heißen könnte, dass sie digital stattfindet.

Gewalt – ein kniffliger Begriff

Gewalt ist an sich schon ein schwieriger Begriff. Es ist offensichtlich, dass es Gewalt ist, jemandem mit einem Knüppel auf den Kopf zu schlagen oder tonnenweise Brandbomben auf eine Stadt abzuwerfen. Man kann aber noch ganz anderes menschliches Verhalten finden, das als Gewalt bezeichnet wird. So etwa Menschen verbal abzuwerten, zum Beispiel durch rassistische oder sexistische Sprache; oder jemandes Identität offen zu verleugnen, beispielsweise indem man ihn konsequent nicht bei dem Namen nennt, mit dem er angesprochen werden möchte. Dies geschieht nicht nur Transpersonen häufig, sondern zum Beispiel auch Menschen, die ihren Namen aufgrund der Konversion zu einem anderen Glauben geändert haben. Und sucht man in sozialen Medien nach dem Wort »gewaltvoll«, findet man unterschiedlichste Gewaltunterstellungen an Handlungen, die mit physischer Aggression nichts zu tun haben.

Darüber hinaus gibt es den ebenso einflussreichen wie umstrittenen Begriff der strukturellen Gewalt. Die Bezeichnung verdanken wir dem norwegischen Soziologen und Politologen Johan Galtung (1930–2024), der vielen als Vater der Friedens- und Konfliktforschung gilt. Die Idee ist allerdings deutlich älter. Darunter kann man nach gängigen Definitionen eigentlich alle gesellschaftlichen Verhältnisse verstehen, die Menschen in ihrer Entwicklung hemmen, ungleich stellen oder Spannungen zwischen Gruppen fördern. Das heißt dann allerdings, dass jede Gesellschaft, die nicht vollkommen egalitär und friedlich ist, als gewaltvoll betrachtet werden kann, was dem Alltagsverständnis von Gewalt eher zuwiderläuft.

Und zu allem Überfluss gibt es noch die gängige Rede von der »Gewalt gegen Sachen«. Sogar immateriellen Kunstwerken und sogar Gedanken kann man zumindest metaphorisch »Gewalt antun«, etwa wenn man ein Musikstück in einem propagandistischen Zusammenhang verwendet oder einen wissenschaftlichen Text sinnentstellend zitiert.

Die Integrität eines Lebewesens schädigen

Der Philosoph Dietrich Schotte von der Universität Regensburg hat in seinem Buch »Was ist Gewalt?« (2020) versucht, einen Gewaltbegriff zu finden, der nicht völlig beliebig ist, aber auch berücksichtigt, dass man Menschen schaden kann, ohne ihnen physisch etwas anzutun. Er definiert Gewalt als »absichtliche schwere Verletzung der Integrität eines Lebewesens gegen dessen Willen«. Das Schlüsselwort hier ist »Integrität«. Damit meint Schotte nicht nur die Ganzheit und den Zusammenhalt des Körpers, sondern »die Fähigkeit, sich auf die Welt zu beziehen und mit ihr zu interagieren«. Dieses Konzept liefert ein erstaunlich gutes Kriterium für Gewalt – insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass unsere Integrität ganz oder teilweise, kurzzeitig oder lang anhaltend, reversibel oder unumkehrbar geschädigt werden kann.

Ein heftiger Schlag auf den Kopf, der einen benommen zurücklässt, durchbricht die Fähigkeit, sich auf die Welt zu beziehen und mit ihr zu interagieren, vielleicht nur für einige Sekunden. Jemanden an Gliedmaßen oder Sinnesorganen zu verstümmeln, verletzt seine Integrität offensichtlich massiv. Eine schwere Misshandlung, auch wenn sie vielleicht gar keine körperlichen Spuren hinterlässt, kann einen Menschen dauerhaft traumatisieren und seinen Weltbezug durch Konzentrationsstörungen, Dissoziation, Depression oder Angst für immer schwer beeinträchtigen.

Mit Dietrich Schottes Gewaltbegriff können wir nun versuchen, digitale Gewalt zu definieren: als Gewalt im genannten Sinne, bei der informationstechnische Mittel zum Einsatz kommen. Vielleicht sollte man noch ergänzen: zum Einsatz kommen in einer Weise, in der sie nicht durch andere Mittel ersetzt werden können. Denn es ist noch keine digitale Gewalt, wenn man einen Gefangenen einer Lärmfolter mit Musik eines Internet-Streamingdienstes unterzieht – ein analoger Plattenspieler würde es genauso tun. Die Formen von Onlinebelästigung und -misshandlung, die in jüngster Zeit verhandelt wurden, sind aber an das digitale Mittel untrennbar gebunden: Ein globales Verbreiten gefälschter Videos ist ohne das Internet nicht möglich; sich beim Onlinedating als eine fremde Person auszugeben, erfordert eben die entsprechenden Plattformen und geschieht im Rahmen der online etablierten und üblichen Kommunikationswege und Konventionen.

In solchen Fällen kann man meiner Meinung nach, sofern das Opfer tatsächlich in seiner Integrität verletzt wurde (wovon man, wenn etwa eine Psychotherapie nötig wurde, ausgehen kann), von echter digitaler Gewalt reden.

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