Warkus’ Welt: Der skandalöseste Philosoph seiner Zeit

Mitten in Amsterdam, um die Ecke von der Staatsoper und unweit der Portugiesischen Synagoge, steht ein kurioses Denkmal. Es zeigt einen hochgeschossenen Mann mit Lockenfrisur in einer stilisierten langen Robe, die mit Vögeln und Rosen dekoriert ist, sowie einen Ikosaeder – einen regelmäßigen (platonischen) Körper mit 20 Seitenflächen – aus geschliffenem Granit. Beide teilen sich einen kniehohen Sockel mit elliptischer Form, die eine astronomische Umlaufbahn andeuten soll. An seiner Front umlaufend prangt die Inschrift: HET DOEL VAN DE STAAT IS DE VRIJHEID – »Der Zweck des Staates ist die Freiheit«.
Der Gelehrte, den der niederländische Bildhauer Nicolas Dings 2008 derart in Szene gesetzt hat, heißt Baruch de Spinoza (1632–1677). Er ist einer der wirkungsmächtigsten Philosophen seiner Zeit – und ganz sicher der skandalöseste. Er betritt die philosophische Bühne sozusagen schon mit einem Skandal, auch wenn wir bis heute nicht wissen, was genau diesen ausgelöst hat. Der Sohn sephardisch-jüdischer Einwanderer aus Portugal (»espinhosa« heißt »stachelig« auf Portugiesisch, daher die Rosen auf der Robe) wurde 1656 aus seiner jüdischen Gemeinde ausgestoßen und aufs Übelste verflucht. Zwar weiß man nicht mit absoluter Sicherheit, wie es dazu kam, doch seine späteren Werke lassen recht eindeutige Vermutungen zu.
Spinoza ist berühmt für zwei Hauptwerke: Seine »Ethik, nach geometrischer Methode bewiesen« (1677 posthum veröffentlicht) versucht, die für die Mathematik und die Wissenschaft seiner Zeit vorbildliche Methode der euklidischen Geometrie auf die gesamte theoretische und praktische Philosophie anzuwenden. Es geht ihm letztlich um den Nachweis, dass und wie ein gutes Leben als ein vernünftiges Leben geführt werden soll. Dazu beschäftigt sich Spinoza mit der Natur Gottes, des Universums und des Menschen – auf eine Weise, die für die damalige Zeit und noch für Jahrhunderte als ungemein anstößig galt.
Gott ist in allem, in allem ist Gott
Gott ist für Spinoza keine Person, sondern die eine und einzige Substanz des Universums. Alles ist »in Gott«, was auch immer das genau heißen soll (hier gibt es verschiedene Interpretationsansätze). Jedenfalls ist dieser Gott nicht der Gott der jüdischen Bibel, geschweige denn der dreieinige Gott des Christentums. Spinoza galt als Pantheist, ja als Atheist. Heute ist das nichts Außergewöhnliches, und selbst bei denen, die an Gott glauben, ist die Vorstellung sehr beliebt, dass Gott »irgendwie alles« ist oder eine Art alles durchwirkende Energie oder Gesetzmäßigkeit. Im 17. und 18. Jahrhundert hingegen war diese Art des Denkens subversiv und im amtskirchlich-christlichen Europa geradezu staatsfeindlich.
Spinozas anderes Hauptwerk, der »Tractatus Theologico-Politicus«, bereits 1670 anonym veröffentlicht, barg noch mehr Sprengstoff. Der französische Philosoph Bruno Karsenti, der am Institut für politische Studien Paris (Sciences Po) tätig ist, hat vom »Skalpell der Säkularisierung« gesprochen, das Spinoza darin ansetze: Spinoza behauptet, dass der wahre Wert von heiligen Schriften wie der Bibel in ihren moralischen Botschaften liege, nicht in irgendeiner privilegierten Form von Wissen. Somit hat auch niemand, der einer bestimmten Religionsgemeinschaft angehört, allein deswegen eine bessere Erkenntnis der Welt. Philosophie (die im Sprachgebrauch des 17. Jahrhunderts auch die Naturwissenschaften einschloss) sei unabhängig von Religion; und Menschen hätten das Recht, religiöse Texte zu ihrem privaten Gebrauch, für ihr eigenes Denken und ihre eigene Lebensführung frei zu interpretieren wie alle anderen Texte auch. Spinoza argumentiert zudem, dass eine demokratische Staatsform die »natürlichste« und die am wenigsten missbrauchsanfällige sei. Diese Ansicht ist für seine Zeit, in der die wenigen europäischen Republiken eher als dysfunktionale Kuriositäten gelten, durchaus ungewöhnlich. Sie konnte so vermutlich nur in der damals statthalterlosen, toleranten Republik der Vereinigten Niederlande geäußert werden.
Längst nicht mehr skandalös, aber immer noch aktuell
Spinoza war beeinflusst vom rationalistischen, mathematischen Denken René Descartes’ (1596–1650) und dem englischen Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588–1679). Er lebte zudem in einer Epoche, in der die mathematisierten Naturwissenschaften enorme Erfolge verzeichneten. Der Sockel seines Denkmals und der Ikosaeder verweisen auf Geometrie und Himmelsmechanik. Wie bei vielen revolutionären philosophischen Beiträgen ist es auch bei Spinoza nicht immer ganz einfach nachzuvollziehen, warum er zu seiner Zeit so aufsehenerregend war, weil so vieles davon längst selbstverständlich erscheint. Dabei erfahren wir heute fast täglich aus den Nachrichten, dass es nach wie vor keine Selbstverständlichkeit ist, das menschliche Zusammenleben auf Prinzipien der Freiheit, Toleranz und Vernunft aufzubauen und die Politik von religiösen Geboten freizuhalten.
Nicolas Dings hat auf Spinozas Robe neben den Rosen auch Halsbandsittiche und Spatzen dargestellt. Die ursprünglich nicht in Europa heimischen Sittiche, die in Amsterdam seit einigen Jahrzehnten eine stabile Population bilden, und die Sperlinge, ursprünglich der Inbegriff des Allerweltsvogels, heute vielerorts im Rückgang, sollen die Wechselhaftigkeit, aber auch Anfälligkeit von Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens symbolisieren. Spinozas freiheitliche Niederlande gingen, als er seinen »Tractatus« publizierte, bereits ihrem Ende zu. Zwei Jahre später, im »Katastrophenjahr« 1672, wurden der liberale Regierungschef Johan de Witt und sein Bruder Cornelis von einem Mob gelyncht und geschändet; einzelne Körperteile sollen sogar gegessen worden sein.
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