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Eine Prise Chemie: Nicht ganz die Kraft der Natur

Potenzmittel in Schokolade, Appetitzügler in Abnehmtees: Manches vorgeblich rein pflanzliche Wundermittel ist illegal mit Medikamenten versetzt.
Ein Glas mit dunklem Tee steht auf einem Holztisch neben einem Stapel verschiedener Schokoladensorten, darunter weiße, Milch- und Zartbitterschokolade. Um das Glas und den Schokoladenstapel sind Haselnüsse verstreut. Das Bild ist in warmem Licht gehalten, das die Texturen der Schokolade und der Nüsse betont.
Schokolade wird seit Hunderten Jahren eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt. Bewiesen ist sie bis heute nicht.

Unser Essen steckt voller chemischer Details: Leckere, wohltuende und auch schädliche Inhaltsstoffe kommen zusammen und vollführen faszinierende Reaktionen. In der Kolumne »Eine Prise Chemie« klären wir, wie viele Bananen ein zuckerfreier Kuchen verträgt, warum abgestandener Kaffee so übel schmeckt oder wie man bäckt, ohne Acrylamid herzustellen.

Eine der Websites, die ich regelmäßig besuche, hat einen drögen Namen: lebensmittelwarnung.de. Dort tragen die Lebensmittelbehörden aus ganz Deutschland tagesaktuell Rückrufe, Warnungen und so weiter zusammen. Das klingt erst einmal nach einem sehr langweiligen Zeitvertreib, kann aber wirklich erhellend sein!

Zwar sind die meisten Einträge, die man dort findet, Einzelfälle – Salmonellen hier, Allergene dort, hie und da Rückstände von Pflanzenschutzmitteln oder Mineralöl. Hellhörig werde ich aber, wenn Produktfehler systematisch auftreten oder absurde Dinge auftauchen. Und ganz besonders wenn, wie in einem aktuellen Fall, beides zusammenkommt: Seit Mitte April warnen die Behörden gehäuft vor Schokolade mit dem Viagra-Wirkstoff Sildenafil.

Spiel mit dem Risiko

Ha ha, die meisten, denen ich das erzählt habe, fanden das zunächst witzig. Es gehört auch einiges dazu, sich nicht über Namen wie »Vigor King«, »Night Longer« oder »Hilti« lustig zu machen, ganz zu schweigen von der eindeutigen Aufmachung der Produkte (eine Auswahl ist hier zu sehen). Doch was in den Schokoriegeln drin ist, erfährt man nicht beim Kauf, denn wie man der Verpackung entnehmen kann, wirkt hier einfach die Kraft der Natur. Hinweise auf den tatsächlichen Wirkstoff gibt es aus naheliegenden Gründen nicht: Medikamente mit Sildenafil (oder dem zum gleichen Zweck verwendeten Tadalafil, das auch schon in Schokolade auftauchte) werden bei Erektionsstörungen verschrieben und sind nur auf Rezept erhältlich. Das ist auch sinnvoll, denn sie haben eine ganze Reihe potenziell gefährlicher Nebenwirkungen. In Lebensmitteln hat die Substanz also nichts zu suchen und ist dafür demnach auch nicht zugelassen – weil es eben riskant ist, so ein Medikament einfach einzuwerfen wie Schokolinsen. Vor allem, wenn man – wie in den aktuellen Fällen – mit einer empfohlenen Verzehrmenge Schoki so viel aufnimmt wie über verschreibungspflichtige Tabletten. (Wer es genau wissen will: Würde man die aufgefallenen Produkte in den empfohlenen Mengen essen, nähme man damit zwischen 39 und 107 Milligramm Sildenafil auf, erklärte mir das Verbraucherschutzministerium Nordrhein-Westfalen. Tabletten mit Sildenafil gibt es in Dosen von 25 bis 100 Milligramm.)

Glaubt man den Herstellern, ist die Wunderwirkung unter anderem der Ginsengwurzel zu verdanken. Wie viele weitere Lebensmittel (Granatäpfel, Austern, Knoblauch, Wassermelone, die Liste ist lang) steht es im Ruf, die Libido zu steigern. Aber der eindeutige wissenschaftliche Beleg fehlt bis heute. Damit man explizit behaupten kann, die Pflanze wirke aphrodisierend, müsste man dies erst einmal anhand von Studien einwandfrei beweisen und anschließend eine solche Aussage von der EFSA – der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit – genehmigen lassen.

Der Mythos der aphrodisierenden Schokolade

Auch Schokolade selbst gilt schon seit Jahrhunderten als lustfördernd. Alle möglichen Geschichten kursieren dazu, etwa um einen Aztekenkönig, der dank regelmäßigen Schokoladetrinkens angeblich zig Frauen beglückte. Aber Legenden sind kein wissenschaftlicher Beleg – und dieser blieb für die Wirkung der leckeren Süßigkeit bis heute aus.

Grundsätzlich enthält Kakao – und damit Schokolade – eine Vielzahl von Stoffen, die antioxidativ wirken und sich beispielsweise positiv auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit auswirken. Bereits das, sagen Forschende, sei eine gute Voraussetzung für ein erfülltes und funktionierendes Liebesleben. Das klingt natürlich nicht so spannend wie eine Wundersubstanz, die auf Knopfdruck wirkt.

Unerlaubte Zusätze | Die Potenzmittel Sildenafil (links) und Tadalafil (Mitte) sind Wirkstoffe für Viagra und verwandte Medikamente. Sibutramin wiederum (rechts) wirkt appetitzügelnd und wurde bis 2010 in einem Präparat gegen Adipositas eingesetzt. In Schokolade oder Teemischungen haben diese Stoffe nichts verloren.

Einzelne Stoffe in Schokolade könnten dabei durchaus theoretisch luststeigernde Effekte haben (die Betonung liegt auf »könnten«). Als vielversprechend werden hier manchmal 2-Phenylethylamin oder Anandamid genannt, zwei Moleküle, die als Neurotransmitter auf das Belohnungssystem wirken. Allerdings kommen beide in zu geringen Mengen in Schokolade vor und werden zu rasch im Körper abgebaut, als dass sie einen spürbaren Effekt entfalten.

Es liegt also nahe, dass sich der aphrodisierende Effekt der Schokolade nicht auf eine einzelne Substanz zurückführen lässt, sondern rein psychologisch ist. Schließlich ist das Schokoladeessen selbst ein Genuss – beste Voraussetzungen also.

Abnehmtees mit dem gewissen Etwas

Ein ähnlicher Betrug, wenn auch mit völlig anderer physiologischer Wirkung, erfolgt häufig bei Tees, Kaffees und Nahrungsergänzungsmitteln, die mit »natürlichen« Stoffen beim Abnehmen helfen sollen. Ende 2025 warnten auch hier die Behörden: Viele solcher Schlankheitsmittel, größtenteils aus Onlineshops, schöpften ihre Wirkung nicht aus der wunderbaren Apotheke der Pflanzenwelt, sondern aus einem längst ausrangierten Medikament. Sie enthielten den Appetitzügler Sibutramin. Der Stoff ist seit 2010 in Europa nicht mehr in Medikamenten zugelassen, weil er gefährliche Nebenwirkungen verursachen kann – unter anderem hohen Blutdruck oder Herzrasen bis hin zu Schlaganfall und Herzinfarkt. Laut der Verbraucherschutzzentrale kann die Einnahme von Schlankheitstees, die damit versetzt sind, gar lebensgefährlich sein, nicht zuletzt, weil die in den Tees gefundenen Mengen teils deutlich höher lagen als in dem bis 2010 zugelassenen Medikament Reductil.

Vielversprechende Inhaltsstoffe | Die Substanzen 2-Phenylethylamin oder Anandamid, die sich auch in Schokolade finden, wirken auf das Belohnungszentrum.

Diese Art von Betrug ist erschreckend verbreitet. Im Mai 2025 veröffentlichte eine Forschungsgruppe einen systematischen Überblicksartikel zu der Thematik. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werteten dazu mehr als 20 Studien aus, die zwischen 2012 und 2021 untersucht hatten, ob pflanzliche Abnehmprodukte Medikamentenwirkstoffe aufwiesen. Wie sich zeigte, war das weltweit bei rund einem Drittel der untersuchten Präparate der Fall, in Europa sogar bei mehr als der Hälfte. Am häufigsten fanden die Fachleute dabei Sibutramin, gefolgt von der krebserregenden Substanz Phenolphthalein (sie diente früher als Abführmittel, manch einer kennt es hingegen aus der Schule als Säure-Base-Indikator).

Das klingt ziemlich ernüchternd. Was bedeutet das aber? Vielleicht einfach das: Augen auf bei allem, was ganz ohne Zusätze eine rasche Wirkung verspricht. Viele Pflanzen enthalten gesundheitsförderliche Stoffe. Dazu gehören verschiedenste Vitamine, Mineralstoffe, Antioxidanzien und allerlei mehr. Sie wirken, wenn man sie regelmäßig isst und sich abwechslungsreich ernährt. Das ist natürlich ein bisschen anstrengend und klingt deutlich langweiliger als »Ginseng Coffee 48 Hours«. Aber wer darauf hofft, dass sich Wunder einstellen, sobald man von einer besonderen Schokolade abbeißt oder ab und zu einen speziellen Kräutertee trinkt, wird meist enttäuscht – oder getäuscht.

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