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Warkus’ Welt: Der Mann, der die Wissenschaft neu aufstellen wollte

Wer prägte den Ausdruck »Wissen ist Macht«? Der berühmte Satz hat eine verschlungene Geschichte, wie unser Philosophie-Kolumnist berichtet.
Ein historisches Porträt eines Mannes in aufwendiger Kleidung, einschließlich eines hohen Hutes und eines Rüschenkragens. Im Hintergrund ist ein Wappen mit einer Krone und geometrischen Mustern zu sehen. Der Mann sitzt auf einem Stuhl neben einem Tisch mit Büchern und einem Tintenfass. Die Szene vermittelt einen Eindruck von Adel und Gelehrsamkeit.
Vor 400 Jahren verstarb Francis Bacon, dessen Verständnis von Wissen als Werkzeug bis heute nachwirkt.
Haben Katzen das bessere Leben? Gibt es eine Pflicht, sich zu empören? Hat alles, was existiert, etwas gemeinsam? Matthias Warkus blickt in seiner Kolumne »Warkus’ Welt« mit den Augen des Philosophen auf Alltägliches und Außergewöhnliches.

»Wissen ist Macht« – das ist ein geflügeltes Wort, das uns heute leicht über die Lippen geht. Schaut man sich an, wo es überall verwendet wird, zeigt sich, dass damit ganz Unterschiedliches umschrieben wird. Wissen ist zum Beispiel dann Macht, wenn gastronomische Betriebe Karteien über die Vorlieben ihrer Stammgäste führen, um sie besser betreuen zu können; Wissen ist auch Macht, wenn der altgediente Kollege, der als einziger weiß, wie alles funktioniert, dadurch unentbehrlich wird und sich allerlei Freiheiten herausnehmen kann; und Wissen ist Macht, wenn Geheimdienste gigantische Datenmengen sammeln und analysieren, weil exklusive Informationen über die Schwachstellen anderer Akteure als Grundlage staatlichen Einflusses gelten.

Im anglophonen Raum ist der Satz »Knowledge is power« heute untrennbar mit dem Namen des englischen Philosophen Francis Bacon (1561–1626) verknüpft. So sehr, dass eine 15 Jahre alte Anekdote darüber, dass jemand als Kind immer »Knowledge is power, France is bacon« (»Wissen ist Macht, Frankreich ist Speck«) verstand, im Internet virale Bekanntheit erlangt hat. Zur allgemeinen Verwirrung trägt allerdings bei, dass Francis Bacon häufig mit dem mehrere Hundert Jahre früher wirkenden mittelalterlichen englischen Philosophen Roger Bacon (ca. 1220–1292) verwechselt wird, der ebenfalls als ein Pionier naturwissenschaftlichen Denkens gilt.

Ein Mann mit vielen Talenten

Wer aber war Francis Bacon? Ein Mann mit vielen Talenten: Jurist, Parlamentarier, Historiker, Essayist, Berater von Königin Elisabeth I., Generalstaatsanwalt und Minister unter ihrem Nachfolger Jakob I.; postum erschien ein utopischer Roman (»Nova Atlantis«). Berühmt wurde Bacon aber vor allem durch eine Reihe von naturphilosophischen und wissenschaftstheoretischen Werken. Sein Hauptwerk »Instauratio magna« (»Große Einsetzung«) führt schon im Titel den Anspruch, dass durch dieses Buch die Wissenschaft sozusagen erst richtig anfangen sollte. Bacon kritisierte die Philosophie – und damit die Wissenschaft – seiner Zeit und der vorausgehenden Jahrhunderte dafür, dass sie unproduktiv gewesen sei und die empirische Forschung vernachlässigt habe.

Wie so viele griffige philosophische Zitate ist »Wissen ist Macht« bei seinem angeblichen Urheber nicht wörtlich belegt. Eine erste Formulierung, »denn Wissen selbst ist Macht« (»nam et ipsa scientia potestas est«), ist ein Einschub in einem langen und verwickelten Satz über Häresien in einer theologischen Abhandlung von 1597. Wirklich populär wurde der Satz erst, als er ein Menschenalter später bei Thomas Hobbes (1588–1679) auftaucht. Doch schaut man sich Bacons Zielsetzung für die »Instauratio magna« an, sieht man schnell, dass der Satz etwas trifft. Der neue Weg der Wissenschaft, den er beschreiten möchte, soll nicht mehr nur Argumente hervorbringen, sondern Künste oder Techniken – sicheres Wissen, mit dem sich die Natur handelnd bezwingen lässt.

Experimente als Schlüssel

Zur Erlangung dieses Wissens sollten vor allem Experimente dienen. Mit korrekt angelegten Experimenten sollte die Wissenschaft Täuschungen vermeiden, die von den Schwächen der menschlichen Sinne, der Alltagssprache sowie der traditionellen Schulen des philosophischen Denkens herrühren, und zugleich die Eigentümlichkeiten individueller Vorstellungswelten ausklammern. Allerdings dürfen wir nicht glauben, dass Bacons Weltbild dem heutiger Naturwissenschaftler so nahestand, wie es oft dargestellt wird: Er ging noch wie selbstverständlich davon aus, dass man mit seiner Methode nicht nur mechanisch-technisches Wissen zur Beherrschung der physischen Welt, sondern auch magisches Wissen zur Beherrschung der übernatürlichen Welt erlangen könne.

Bacons Todestag jährt sich dieses Jahr zum 400. Mal. In den englischsprachigen Ländern galt er traditionell als »Erfinder der wissenschaftlichen Methode« – was so nicht ganz stimmt. Im Deutschen ist es ungebräuchlich, im Singular von der wissenschaftlichen Methode zu sprechen, und auch Bacons Ruhm ist hierzulande geringer. Dennoch ist es keineswegs untertrieben, Francis Bacon als einen der bedeutendsten Vordenker der Neuzeit zu bezeichnen. Dass wir heute, ob wir wollen oder nicht, eigentlich kein Wissen betrachten können, ohne uns zu fragen, ob es der Menschheit in ihrem Vorankommen hilft, zeigt, dass wir in gewissem Sinne noch immer in Bacons Welt leben.

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