Warkus’ Welt: Klare Regeln fürs Streiten

Eine philosophische Kolumne kann die große traurige Nachricht für unser Fach nicht übergehen: Jürgen Habermas, der sicherlich wichtigste deutsche Philosoph der letzten Jahrzehnte, ist am 14. März hochbetagt verstorben. Eine Übersicht darüber, was sein Werk und ihn als Person ausmachte, gibt mein Nachruf bei »Spektrum«; in dieser Kolumne möchte ich aber noch etwas näher auf ein Thema eingehen, das mit Habermas’ Namen untrennbar verbunden ist: Diskurstheorie und Diskursethik.
Kaum etwas hat Habermas so viel Widerspruch eingetragen und wurde so missverstanden – aber auch so sprichwörtlich – wie seine Überlegungen zum Diskurs. Das Problem beginnt schon damit, dass er hier eine Vokabel nutzte, die bereits andere herangezogen hatten. Die Franzosen Jean-François Lyotard (1924–1998) und Michel Foucault (1926–1984), beide nur wenige Jahre vor Habermas geboren, sind neben ihm die wohl bekanntesten Diskurstheoretiker, verfolgten jedoch deutlich andere Ziele und meinten mit »Diskurs« jeweils etwas anderes.
Habermas hat klar definiert, was er unter Diskurs verstand: den Austausch von Argumenten über umstrittene Geltungsansprüche, der stattfindet, wenn ein Konsens aufgebrochen ist.
Dazu ein Beispiel. Emma und Lisa fahren mit dem Auto über unübersichtliche Feld- und Waldwege durch eine fremde Gegend. Sie sind auf dem Weg zu einem abgelegenen Ferienhaus und verwenden eine leicht kryptische Wegbeschreibung, die ihnen der Vermieter per E-Mail geschickt hat. Unter den beiden herrscht jedoch völliger Konsens darüber, dass die Beschreibung korrekt ist und dass sie ihr bisher korrekt gefolgt sind.
Doch dann gelangen die beiden an eine geschlossene Schranke. Lisa zieht in Zweifel, dass die Wegbeschreibung stimmt, da Emma und sie ihrer Meinung nach bisher stets richtig gefahren sind. Emma hingegen vermutet, dass die Angaben des Vermieters sehr wohl korrekt sind, den beiden beim Navigieren nur irgendein Fehler unterlaufen sein muss. Relevant ist dies deswegen, weil vom Konsens der beiden das weitere Handeln abhängt.
Der Diskurs im Verständnis von Habermas besteht aus Argumenten. Lisa argumentiert, der Vermieter habe schlicht vergessen, die Schranke in seiner Beschreibung zu erwähnen. Emma hält dagegen, dass es wahrscheinlicher sei, dass sie sich verfahren hätten, als dass der Vermieter ein derart markantes Hindernis nicht erwähnt habe. Die beiden können anschließend jeweils die Argumente der anderen begründet angreifen oder ihnen zustimmen. Am Ende muss wieder ein Konsens stehen, wenn beide zusammen entscheiden sollen, ob sie die Schranke hochdrücken und weiterfahren – oder aber umkehren und versuchen, ihren möglichen Fehler zu finden und zu korrigieren.
Grundregeln für Diskurse
Nach Habermas lassen sich für solche Diskurse bestimmte Grundregeln etablieren: so etwa, dass Diskurse für alle offen sein müssen, dass alle Behauptungen hinterfragt werden dürfen und niemand gezwungen werden darf, seine »diskursiven Rechte« nicht auszuüben. Wenn etwa Emma Lisa einfach anschreien würde, sie solle gefälligst ihre Klappe halten und akzeptieren, dass sie als Fahrerin entscheide, wie es weitergeht, dann wäre dies ein Verstoß gegen diese Regeln.
Für Habermas sind die Diskursregeln grob gesagt dadurch prüfbar, dass es in irgendeiner Form ein performativer Widerspruch wäre, sich nicht an sie zu halten: So wäre es in unserem Fall einfach das Ende der Kommunikation zwischen den beiden Reisenden, wenn Emma Lisa zum Schweigen brächte. Ein Diskurs, in dem keine Argumente mehr ausgetauscht werden, ist aber kein Diskurs mehr, sondern bestenfalls ein Monolog.
Seine Diskurstheorie nutzt Habermas, um (in Anlehnung an Kants kategorischen Imperativ) ein Verallgemeinerungsprinzip zu formulieren, auf dem man eine ganze Ethik aufbauen kann: Normen sind nur dann gültig, wenn ihnen alle Betroffenen als Teilnehmende eines vernünftigen Diskurses zustimmen könnten. (Der Konjunktiv ist hier geboten, weil Habermas ausdrücklich fordert, auch diejenigen zu berücksichtigen, die betroffen sind, obwohl sie selbst nicht mitreden können.) Die Floskeln vom »herrschaftsfreien Diskurs« oder vom »zwanglosen Zwang des besseren Arguments«, die viele mit Habermas verbinden, haben genau hier ihren Ort.
Ein Ausgangspunkt für Missverständnisse
Es gibt eine Menge guter Einwände gegen den kühnen Ansatz, eine ethische Theorie auf sehr abstraktem Nachdenken über etwas sehr Konkretes (nämlich den begründeten sachlichen Streit) aufzubauen. Zudem nehmen diverse Missverständnisse just hier ihren Ausgang. So wurde Habermas immer wieder nachgesagt, er habe es für möglich gehalten, dass Diskurse in der wirklichen Welt herrschaftsfrei und völlig fair ablaufen könnten. Dabei ist recht klar, dass sein Diskurskonzept ein Ideal darstellt, das man höchstens näherungsweise erreichen kann.
Ebenfalls beliebt – obwohl völlig daneben – ist die Vorstellung, Diskursethik wäre eine Art Kodex von Normen für öffentliche Debatten, auf den Habermas’ Anhänger die Öffentlichkeit einschwören, um darüber die Meinungsfreiheit einzuschränken. Hier zum Beispiel knüpft die beliebte rechtsradikale Vorstellung an, die gesamte Frankfurter Schule inklusive Habermas sei ein hegemoniales (und letztlich im antisemitischen Sinne jüdisches) Projekt zur Umgestaltung der Gesellschaft von oben.
Im Gegensatz zu seiner Handlungs- und Bedeutungstheorie, die er in der monumentalen »Theorie des kommunikativen Handelns« von 1981 niederlegte, hat Jürgen Habermas nie eine einzelne verbindliche Monografie über Diskursethik geschrieben, sondern eine Reihe von Aufsätzen, die in den 1980ern und 1990ern erschienen sind. Sympathisch dabei ist, dass er nie versucht hat, die Komplexität schwieriger Alltagsfragen durch dogmatische Strenge zu durchbrechen. Immanuel Kant etwa fand es selbst dann unmoralisch zu lügen, wenn es das Leben eines Unschuldigen retten würde. Für Habermas hingegen ist durchaus diskutabel, dass es ethisch vertretbar sein könnte, einen kleinen Betrug an einem großen Versicherungskonzern zu begehen, weil man Geld für ein krankes Kind benötigt.
Wer sympathisch ist, muss deswegen aber noch nicht recht haben. Habermas’ Diskursethik ist nach wie vor ebenso wirkungsmächtig wie umstritten.
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