Warkus’ Welt: Wer denkt meine Gedanken?

Haben Sie Lust auf ein kleines philosophisches Gedankenexperiment? Dann denken Sie einmal an eine Wand – egal, an was für eine. Suchen Sie sich irgendeine aus und nehmen Sie sich ruhig ein paar Sekunden Zeit.
Haben Sie an Ihre Wand gedacht? Gut! Und nun denken Sie denjenigen, der die Wand gedacht hat.
Fertig? Wie war das für Sie?
Die beschriebene Aufgabe stellte, so ist es überliefert, der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) im Jahr 1798 seinen Studenten an der Universität Jena. Es war der Auftakt zu seiner Vorlesung zur Wissenschaftslehre. Nur was aber soll man dabei lernen? Was bringt es, wenn wir uns denken, wie wir die Wand gedacht haben?
Was eine Wand ausmacht
Beim Denken der Wand haben Sie vermutlich über ihre konkrete Beschaffenheit nachgedacht: die Farbe, das Material, vielleicht an eine Tapete, das ärgerliche Dübelloch vom Vormieter, an bröselige Backsteine … Vielleicht auch an ihre statische Funktion, an ihre Geschichte, an Fenster oder Türen.
Aber was haben Sie gedacht, als Sie sich selbst als den, der die Wand gedacht hat, dachten?
Haben Sie an Ihren Körper, Ihr Gehirn, Ihre Nerven und Sinnesorgane gedacht? Ihren Namen, Ihre »juristische Identität« mit Geburtsdatum und -ort, Staatsbürgerschaft, Geschlecht und was sonst noch so im Ausweis steht? Oder haben Sie sich damit beschäftigt, wie Sie die Wand gedacht haben, in dem Moment, als Sie dies taten? Und wenn ja, was heißt das?
In einer Mitschrift zu Fichtes Vorlesungen heißt es:
Man könnte sagen: Was Sie getan haben, ist eine Art Minimalform von Denken über das Denken. Und das ist eine ganz brauchbare Definition von Philosophie! Vor allem zu Fichtes Zeiten: Damals waren die moderne Psychologie und Kognitionswissenschaft noch nicht etabliert, und die Philosophie war noch circa ein Jahrhundert davon entfernt, sich verstärkt Fragen der Sprache zuzuwenden.
Das Denken als »Tathandlung«
Für Fichte bringt uns die Frage danach, wie man überhaupt darüber denken kann, wie man an etwas denkt, auf die Spur zur Grundlage seines gesamten Theoriesystems: Unser Denken ist eine Tätigkeit, ein Handeln (Fichte spricht von »Tathandlung«), bei dem am Ende immer irgendwo Subjekt und Objekt zusammenfallen müssen. In den Worten der Mitschrift:
Fichtes Lösung dieses Problems:
Wie andere berühmte Lehrsätze aus der Periode der klassischen deutschen Philosophie (auch Deutscher Idealismus genannt) scheint dies gleichzeitig völlig offensichtlich und zutiefst rätselhaft. Fichtes Konzept ist daher auch auf erhebliche Kritik gestoßen, etwa bei Vertretern der Phänomenologie, die den Ursprung von Erkenntnis in den unmittelbar gegebenen Erscheinungen, den »Phänomenen«, verorten. Sie würden gegen Fichte einwenden, dass es – kurz gesagt – so etwas wie dieses reine Denken als Tathandlung, in dem Subjekt und Objekt zusammenfallen, gar nicht gibt, weil Denken immer ein Gedachtes hat, das sich vom Denken selbst unterscheidet.
Die Struktur von Fichtes Gedankenexperiment findet sich auch anderswo, und außerdem kann sie nicht nur auf das reine Denken angewendet werden. Fast gleichzeitig mit Fichtes Vorlesung schreibt Friedrich Schiller (1759–1805), ebenfalls in Jena, den berühmten Zweizeiler:
Dass Wahrnehmung, Bewusstsein, Empfinden, Erkenntnis, ja alle geistigen Regungen in dem Moment, in dem sie irgendwie thematisiert werden, schon wieder in der Vergangenheit, der Mittelbarkeit versacken, ist nicht nur ein Problem der Philosophie oder der Kognitionswissenschaften, sondern eine Konstante des menschlichen Lebens.
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