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Warkus’ Welt: Warum düstere Prognosen gerade boomen

Ob Jobverlust, Rentenkollaps oder Weltkrieg: Dunkle Vorhersagen haben aktuell Hochkonjunktur. Ist öffentlicher Pessimismus ein Mittel gegen Kontrollverlust, fragt sich unser Philosophie-Kolumnist.
Eine Gruppe von Menschen steht auf einem Hügel und blickt in die Ferne. Der Himmel ist von dunklen Wolken bedeckt, während der Horizont in der Dämmerung erleuchtet ist. Die Personen sind als Silhouetten vor dem Hintergrund des dramatischen Himmels zu sehen.
Menschen können sich für dunkle Wolken am Horizont begeistern – auch wenn sich diese dann wieder verziehen.
Haben Katzen das bessere Leben? Gibt es eine Pflicht, sich zu empören? Hat alles, was existiert, etwas gemeinsam? Matthias Warkus blickt in seiner Kolumne »Warkus’ Welt« mit den Augen des Philosophen auf Alltägliches und Außergewöhnliches.

Vorhersagen sind schwierig, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen. Dieses geflügelte Wort, das vermutlich vor circa 90 Jahren in Dänemark aufgekommen ist, wird in verschiedenen Versionen verschiedenen berühmten Menschen zugeschrieben. Es sagt etwas aus, was ebenso banal wie sprichwörtlich ist: Die Zukunft ist unsicher. Der Ball ist rund, sagen Fußballer. Vor der Hacke ist es duster, sagen Bergleute. Und »Sorgt nicht für den andern Morgen«, denn: »Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe«, sagt die Bibel.

Dennoch haben wir die Tendenz, uns – wenn wir über die Zukunft reden – mit Prognosen aus dem Fenster zu lehnen. Zu Deutschlands traurigstem Großprojekt Stuttgart 21, das neulich wieder um fünf Jahre verlängert und ein paar Milliarden Euro teurer wurde, habe ich schon öfter den Satz gelesen: »Niemals fährt da ein Zug!« Aber beim Berliner Großflughafen, der 2020 mit 13 Jahren Verspätung in Betrieb ging, war sich auch mancher sehr sicher, dass da nie ein planmäßiger Flug abheben würde.

Die völlig unmögliche, ganz normale Wirklichkeit

Die politische Gegenwart ist voll von Ereignissen, die jahrelang als völlig unmöglich diskutiert wurden: Letztes Jahr hat eine CDU-geführte Bundesregierung enorme schuldenfinanzierte Investitionen beschlossen. Gerade ist der vermeintlich unzerstörbare Jens Spahn als Fraktionsvorsitzender zurückgetreten. Als ich jung war, dachte man, ein Angriff der USA auf den Iran würde einen Dritten Weltkrieg auslösen – heute sind solche Angriffe, so bitter es ist, quasi alltägliche Schlagzeilen.

Warum mögen wir es dennoch so, uns auf Vorhersagen festzulegen? Ich glaube, dass hier ein Mechanismus greift, für den in den Geisteswissenschaften der Ausdruck »Kontingenzbewältigung« geprägt wurde. »Kontingenz« meint die oben skizzierte Eigenschaft bestimmter Systeme und Prozesse, überraschende und zumindest nicht ganz vorhersagbare Wendungen nehmen zu können. Dabei ist Kontingenz etwas anderes als Zufall: Während es zum Beispiel ganz sicher ist, dass alle Menschen sterben müssen, ist der Zeitpunkt, an dem sie es tun werden, nicht völlig zufällig, aber eben kontingent.

Denn es kann immer auch anders sein. Schwerkranke erholen sich unerwartet, scheinbar völlig Gesunde werden aus heiterem Himmel unheilbar krank, Unfälle und Katastrophen können jeden treffen, zwar mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit, aber tröstet es uns beim Verlust eines geliebten Menschen, dass sein Tod besonders unwahrscheinlich war? Daher ist Religion ein klassischer Weg der Kontingenzbewältigung: »Ein feste Burg ist unser Gott«, textete Martin Luther. Wenn schon alles wackelt und fällt, kann man sich wenigstens auf etwas Übernatürliches verlassen, und spätestens im Himmel sieht man sich wieder.

Mit Weizengras-Smoothies gegen die eigene Sterblichkeit

Religiöse Bewältigungsstrategien sind, wie Religion allgemein, etwas aus der Mode gekommen. Während man sich noch einreden kann, gegen die eigene natürliche Sterblichkeit mit Disziplin, Weizengras-Smoothies und »Longevity«-Schnickschnack vorzugehen, bleiben andere Phänomene unbewältigt. Greift Russland in zwei, fünf oder zehn Jahren die EU an? Bricht die Branche, in der ich arbeite, KI sei Dank, völlig zusammen, und ich kann mein Haus nicht mehr abzahlen? Was wird mit dem Klima? Bekomme ich jemals eine Rente? Übernehmen demnächst Faschisten das Ruder und sperren mich schlimmstenfalls ins Lager? Das sind alles Fragen, zu denen man versuchen kann, fachliche Einschätzungen zu bekommen, aber mit mathematischer Sicherheit lassen sie sich nicht beantworten.

Die Lücke, die die Religion gelassen hat, füllen manche mit esoterischen Konzepten. Vor 20 Jahren erschien etwa Rhonda Byrnes Schwurbel-Bestseller »The Secret«, dessen einzige Aussage bei Lichte besehen ist, dass alles in Erfüllung geht, was man sich nur dringend genug wünscht. Das glauben erschreckend viele, obwohl es ganz offensichtlich bodenloser Quatsch ist (und nebenbei sehr lieblos zusammengeschrieben).

Ich persönlich habe den Eindruck, dass eine zunehmend beliebte Bewältigungsstrategie paradoxerweise der Pessimismus ist. Wer stets mit dem Schlimmsten rechnet, kann bekanntlich nicht enttäuscht werden. Wir sind aber reflektiert genug, um zu verstehen, dass es etwas anderes ist, sich vorzumachen, man rechne stets mit dem Schlimmsten, als es wirklich zu tun. Denn absichtlich völlig ohne Hoffnung zu leben, ist anstrengend und belastend. Daher muss der Pessimismus ständig verfestigt werden, und das klappt gut, indem man die pessimistischen Gedanken in ihrer maximalen Ausprägung ausformuliert und fleißig gegenüber anderen äußert.

Freigiebig sein mit Pessimismus

Da konkrete Einzelpersonen sich vermutlich schön bedanken würden, wenn sie sich das alles immer anhören müssten, teilen Menschen ihren Pessimismus gerne mit einer vagen Öffentlichkeit. So erklären sich die vielen, vielen äußerst pessimistischen, aber mit größter Sicherheit getroffenen Prognosen in den sozialen Medien.

Das geht so weit, dass ich einmal den Satz lesen durfte, man werde noch feststellen, dass jemand »mit allen Vorhersagen recht gehabt haben wird«. Wer schreibt, dass demnächst in Deutschland die Diktatur ausbricht, dass Donald Trump seine Abwahl nie zulassen wird (das war in seiner ersten Amtszeit eine sehr beliebte Behauptung) oder dass im neuen Stuttgarter Hauptbahnhof nie ein Zug fahren wird, meint das vermutlich weniger als belastbare Prognose. Er versucht damit vor allem, irgendwie mit der grundlegenden Unsicherheit seiner (und unser aller) Existenz zurechtzukommen.

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