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Warkus’ Welt: Ein äußerst fruchtbarer Familienskandal

Eine düstere Prophezeiung, ein tragischer Totschlag und ihr erstaunliches Nachleben in Psychoanalyse und Popkultur. Sogar in der Philosophie entfachte das Ödipusmotiv eine enorme Kraft, wie unser Kolumnist erklärt.
Eine Person steht vor einer Steinmauer und hält eine Pfeife im Mund. Im Hintergrund ist ein Fahrrad zu sehen. Die Person trägt eine Brille und einen Anzug. An der Wand ist ein Kreis mit einem "A" darin gezeichnet.
Der französische Philosoph Jacques Lacan (1901–1981) schenkte dem Ödipusmythos eine völlig neue theoretische Perspektive.
Haben Katzen das bessere Leben? Gibt es eine Pflicht, sich zu empören? Hat alles, was existiert, etwas gemeinsam? Matthias Warkus blickt in seiner Kolumne »Warkus’ Welt« mit den Augen des Philosophen auf Alltägliches und Außergewöhnliches.

Ein Orakel prophezeit dem König, dass sein Sohn einst seinen Vater töten und seine Mutter heiraten werde. Um dies zu verhindern, lassen die Eltern das Kind aussetzen. Der Sohnemann wird jedoch gerettet und von einem anderen Königspaar adoptiert. Später erfährt er ebenfalls durch ein Orakel von der Prophezeiung, weiß aber nicht, dass er nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwächst. Auch er möchte das Verhängnis verhindern und verlässt daher seine vermeintliche Familie. In der Fremde tötet er im Streit einen alten Mann, dann gelangt er in eine Stadt, deren König soeben gestorben ist. Er befreit sie von einem grausigen Ungeheuer und erhält die Witwe des Königs zur Frau.

Der alte Mann war natürlich der leibliche Vater, und so erfüllt sich die Prophezeiung doch. Das ist in aller Kürze die gängigste Version der antiken griechischen Sage von König Ödipus, bekannt vor allem durch das gleichnamige Drama von Sophokles (ca. 497–406 v. Chr.).

Der Vatermord als philosophisches Problem

Die Geschichte wirft Fragen von philosophischer Tiefe auf. Ödipus gilt als Musterbeispiel einer tragischen Figur, die ihr Schicksal gerade dadurch besiegelt, indem sie sich ihm zu entziehen sucht. Man kann aber auch argumentieren, dass Ödipus dem Verhängnis hätte entgehen können, wenn er in der Situation, in der er seinen Vater tötete, anders gehandelt hätte. Der Vatermord wird in der Regel als Eskalation eines Streits um die Vorfahrt an einer Weggabelung beschrieben. Für Konflikte im Straßenverkehr gab es aber auch im alten Griechenland sicher unblutigere Lösungen.

In den Wortschatz des neuzeitlichen Nachdenkens über den Menschen gelangte Ödipus durch Sigmund Freud (1856–1939). Er ging davon aus, dass die Motive vieler Mythen und Erzählungen eine Basis in psychischen Phänomenen haben, so auch im Fall der Ödipussage. Gemäß seiner um 1900 entwickelten Theorie durchlaufen Söhne im Kleinkindalter ein Stadium, in dem sie sich durch ihre (bei Freud stets sexuell gefärbte) Zuneigung zu einem Elternteil, meist der Mutter, in Konkurrenz zu dem anderen Elternteil, meist dem Vater, erfahren. Den Vater zu töten und die Mutter zu heiraten, das sei gewissermaßen ein universeller kindlicher Wunsch – der auf dem Wege zum Erwachsensein freilich abgelegt werden müsse.

Zwar ist eine sexuell gefärbte Eifersucht von Söhnen auf ihre Väter empirisch kaum nachzuweisen, aber Theorien müssen nicht »wissenschaftlich wahr« sein, um gewaltige kulturelle Wirkung zu entfalten. Das Ödipusmotiv hat völlig unbeirrt seinen Weg in die Popkultur gefunden: Es spielt in so unterschiedlichen Filmen wie Alfred Hitchcocks »Psycho« (1960) und der Science-Fiction-Komödie »Zurück in die Zukunft« (1985) eine Rolle; für Loriots »Ödipussi« (1988) war es direkt namensgebend, ebenso wie für Christine Nöstlingers großartiges Jugendbuch »Olfi Obermeier und der Ödipus« von 1984.

Die freudsche Psychoanalyse übte im 20. Jahrhundert einen großen Einfluss auf die unterschiedlichsten philosophischen und kulturwissenschaftlichen Theorien aus, insbesondere in Verknüpfung mit marxistischen Gesellschaftstheorien. (Dabei war Freud selbst gar nicht sonderlich links gewesen.) Der französische Psychiater und Philosoph Jacques Lacan (1901–1981) brachte das psychoanalytische Denken mit der damals brandneuen strukturalistischen Zeichen- und Sprachtheorie zusammen. Seine These: Das Unbewusste habe die Struktur einer Sprache und lasse sich auch dementsprechend systematisch ergründen. Der bekannteste und sicherlich umstrittenste Lacan-Schüler ist der Slowene Slavoj Žižek (*1949), der sich hauptsächlich als Film- und Kulturtheoretiker einen Namen gemacht hat.

Vulgäres philosophisches Werk: »Anti-Ödipus«

Die Vorstellung, man könnte das Unterbewusstsein auf verhältnismäßig »ordentliche« Weise sortieren, sorgte in den 1970er-Jahren allerdings auch für Widerspruch. Der Philosoph Gilles Deleuze (1925–1995) und der Psychoanalytiker Félix Guattari (1930–1992) veröffentlichten 1972 ein Buch mit dem programmatischen Titel »Anti-Ödipus«, das berühmt dafür ist, eines der umstrittensten, sprachlich wildesten und vulgärsten philosophischen Werke überhaupt zu sein. Es stellt sich gegen das ganze Konzept der bürgerlichen Kleinfamilie, in dem sich Freuds ödipales Drama überhaupt abspielen kann, und fordert eine radikale, revolutionäre Freisetzung des Begehrens.

All das zeigt, welche Wirkung kulturelle Phänomene quer durch die Geschichte haben können, wenn die Menschheit sie in gewisser Weise »auf sich selbst anwendet«, sich selbst durch die Linse einer bestimmten Erzählung, eines bestimmten Motivs betrachtet – und sich damit natürlich selbst wieder beeinflusst. Dafür ist die Durchschlagskraft der Erzählung, die in Ödipus’ Fall ja besonders plakativ und grausig ist, wichtiger als ihr empirischer Gehalt. Ob uns das gefällt oder nicht.

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