Warkus’ Welt: Kann man Gedanken ausstellen?

Vor einigen Wochen gab Kulturstaatsminister Wolfram Weimer dem »Spiegel« ein Interview, in dem er Folgendes sagte: »Ihr wollt ›Dark Enlightenment‹? Ich will Kant. Deshalb habe ich jetzt in Lüneburg ein Kant-Museum eröffnet. Mit großer Lust und Freude und Hunderten Besuchern, die begeistert waren. Das war implizit eine Aktion gegen die AfD.« Wie auch immer man zu seinem politischen Gehalt steht: Der Satz sorgte in sozialen Medien für Heiterkeit, weil Lüneburg auf den ersten Blick keine Hochburg der philosophischen Aufklärung ist und auch keine Verbindung zu Immanuel Kant zu haben scheint. Der große Philosoph (1724–1804) verbrachte bekanntlich sein ganzes Leben in und um Königsberg.
Genau das ist aber der Grund für das Kant-Museum in der beschaulichen norddeutschen Kurstadt: In Lüneburg befindet sich, letztlich wegen der Ansiedlung zahlreicher ostpreußischer Flüchtlinge nach 1945, das Ostpreußische Landesmuseum (das zu einer ganzen Reihe von Kulturinstitutionen für ehemals deutsche Gebiete gehört). Dieses hatte die Bestände eines 2016 geschlossenen Duisburger Museums zur Königsberger Stadtgeschichte samt der weltweit größten Kant-Sammlung übernommen. Für Letztere wurde ab 2021 ein eigener Neubau errichtet. Der Standort Lüneburg ist also keiner Laune irgendeines Ministers zu verdanken.
Des Philosophen Suppentasse
Was stellt man nun aus, wenn man ein Museum für einen Philosophen baut, der vor allem für komplexe Überlegungen zur Begründung von Erkenntnistheorie und Ethik berühmt ist? Man kann in Lüneburg ein Sektglas, einen Spazierstock und eine Suppentasse Kants bewundern, außerdem Erstausgaben seiner Werke, aber den Kern trifft das irgendwie nicht.
Man könnte auch ganz grundsätzlich fragen: Wie lässt sich Philosophie ausstellen? Einen Gedanken kann man ja nicht in eine Vitrine packen. Was soll überhaupt ein Philosophiemuseum sein? Dieses Problem war vielleicht ein weiterer Anlass für den Spott, den Weimers Aussage nach sich zog.
Es gibt überraschenderweise tatsächlich einige Projekte, die sich der Inszenierung von Philosophie im Medium des Museums widmen. Seit 2002 gibt es auf dem Gut Pommritz in der Oberlausitz eine Ausstellung künstlerisch-didaktischer Objekte, die sich allerdings nicht nur mit Philosophie beschäftigen. Seit 2008 baut der Verein DenkWelten, an dessen Gründung ich beteiligt war, eine Philosophieausstellung auf, die aktuell noch bis zum 16.8. im Jenaer Rathaus zu sehen ist. Ein ambitioniertes Philosophiemuseum wurde ab 2018 an der Universität Mailand eingerichtet, es hat jedoch auch noch keinen dauerhaften Standort gefunden. Das Kant-Museum in Lüneburg dürfte daher tatsächlich das profilierteste Projekt seiner Art sein.
Infotafel oder Modell?
Wenn man sich die Inhalte anschaut, fällt auf, dass es prinzipiell zwei Arten gibt, philosophische Ideen auszustellen: einerseits über Informationstafeln mit Text und Illustrationen, die hier und da dreidimensionale Objekte, interaktive Elemente, Bildschirme und so weiter integrieren. Andererseits durch Modelle, die versuchen, einen philosophischen Text mehr oder minder frei zu visualisieren. So gibt es mehrere Ansätze, die Tafel mit den zwölf Kategorien der Erkenntnis aus Kants »Kritik der reinen Vernunft« darzustellen.
In Lüneburg bilden große Hängevitrinen zu den vier Titeln der Kategorientafel das Zentrum des Museums; sie zeigen etwa zu »Quantität« drei Anordnungen von schwarzen Kugeln, die Einheit, Vielheit und Allheit darstellen sollen. Es gibt aber auch freier gestaltete Exponate, die eher Stimmungen, Atmosphären, Denkstile andeuten sollen. Die Mailänder Ausstellung 2019 zeigte zum Beispiel prominent ein Gewirr aus Wasserrohren, das sich auf den Aufsatz »Philosophical Plumbing« der britischen Philosophin Mary Midgley (1919–2018) bezieht. Darin argumentiert sie, dass Philosophie dem Installateurhandwerk ähnlicher ist, als man meinen könnte.
Diese Vermittlungsstrategien sind, gesteigert um Räumlichkeit und Interaktivität, gar nicht so entfernt von denen, die auch illustrierte Lehrbücher nutzen. Der 1991 erstmals erschienene, von Axel Weiß illustrierte »dtv-Atlas Philosophie« ist hier für unser Fach sicherlich das bekannteste Beispiel. Er zeigt aber auch, wie kontrovers das Thema der Visualisierung von Philosophie ist oder es zumindest einmal war: Das Buch hat inzwischen 20 Auflagen erlebt und ist in mindestens zwei Dutzend Sprachen übersetzt, wurde aber auch massiv verrissen (»Didaktik als Barbarei«, schrieb die »FAZ«). Die Frage, wie sich, zumal in einem Museum, etwas zeigen lässt, was man nicht einfach hinstellen kann wie ein Fossil oder eine Dampfmaschine, ist letztlich selbst eine philosophische. Und daher notwendigerweise umstritten.
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