Science not Fiction: Auf Kreuzfahrt im Sonnensystem

Würdest du mitfliegen? Klar, hatte ich noch daheim in Deutschland gesagt. An der Startrampe des Spaceshuttles in Florida war ich mir nicht mehr so sicher. Die »Endeavour« mit ihrem mächtigen Außentank und zwei Feststoffraketen an der Seite ragte Respekt einflößend in den Himmel. Als Journalist hat man einige Privilegien, man kann unter anderem Raketenstarts aus sicherer Distanz live verfolgen und die Fluggeräte bis wenige Stunden vor dem Abheben aus nächster Nähe erkunden.
In Natur sind sie wirklich groß, je nach Modell Dutzende Meter. Und nach dem Zünden füllen sie die Luft mit einem Leuchten und so viel hör- und fühlbarem Lärm, dass selbst in einigen Kilometern Entfernung ein Gefühl der Ehrfurcht aufkommt. Wie es den Menschen da oben in der Spitze dieses feuerfauchenden Ungetüms jetzt wohl gehen mag?
Eines ist sicher: Ihr Flug hat wenig mit den entspannten Weltraumreisen zu tun, wie sie etliche Sci-Fi-Filme zeigen – sofern nicht gerade geschossen wird oder eine andere Katastrophe heraufzieht. Ob »2001: Odyssee im Weltraum« oder »Das fünfte Element« – die Menschen reisen bequem durch Raum und Zeit, als wäre es das Normalste auf der Welt, besser gesagt: das Normalste im Weltraum.
Gewiss, sie haben dann den Start bereits hinter sich. Doch selbst nach dem Abtrennen der Raketenstufen ist der Flug für heutige Astronautinnen und Astronauten anstrengend. Bei manchen verursacht die Weltraumkrankheit starkes Unwohlsein, die Schwerelosigkeit lässt Muskeln verkümmern.
Bis wir so scheinbar banal durch das All reisen, wie es Zukunftsszenarien zeigen, muss noch viel passieren. Das beginnt schon mit den Distanzen, die da zurückgelegt werden: Linienverbindungen zwischen Planeten oder gar Sternensystemen sind heute schwerlich vorstellbar. Selbst bis zum Mond, der fast zum Greifen nahe ist, brauchen Raumschiffe Tage. Zu anderen Planeten – bislang nur mit Forschungssonden ohne Crew – dauert es Monate bis Jahre, das Sonnensystem zu verlassen, gar Jahrzehnte. Um schneller zu werden, müssen Antriebe besser werden, und es braucht sehr viel Energie. Solarpanels allein werden es nicht richten, denn je weiter entfernt man von der Sonne unterwegs ist, umso weniger Licht ist verfügbar.
Eine andere Option wäre Nachtanken. Forscher tüfteln bereits daran, wie sich Wassereis aus dem Mondboden zu Treibstoff in Form von Wasserstoff und Sauerstoff wandeln lässt. Beides würde dann – dank der geringen Mondanziehungskraft – in einen Orbit geschafft. Mit Kopplungsmanövern im All, die etliche Raumfahrtakteure bereits beherrschen, käme die begehrte Fracht zu den Kunden, die sich dann beispielsweise aufmachen in Richtung Mars.
Im Film sieht das beneidenswert aus: plaudern, Cocktails schlürfen, zum Fenster hinausschauen, bis der Rote Planet auftaucht. Wie eine vergnügliche Fährüberfahrt. Der reale Marstransfer indes wird anders sein. Das All ist ein lebensfeindlicher Ort. Um die Passagiere vor der Strahlung zu schützen, sind dicke Wände nötig. Das Raumschiff wird platzoptimiert sein, also kein Weltraumsalon, sondern eher ein fliegendes Gefängnis. Die Mitgefangenen, pardon: Crewmitglieder, gehen einem schon bald auf die Nerven, und lediglich der Wille, diesen Roten Planeten zu erreichen, hält sie einigermaßen beisammen. Auf dem Rückweg wird die Stimmung noch schlechter sein. Das zeigen psychologische Untersuchungen, die bei realen Raumflügen, Überwinterern in der Antarktis und bei Isolationsexperimenten gemacht wurden. Aus guten Gründen werden Crews heute sorgfältig ausgewählt und während ihrer Missionen psychologisch betreut. Dabei ganz zu schweigen von medizinischen Problemen. Wenn ein Blinddarm Ärger bereitet oder eine Geschwulst immer schneller wächst, ist es verdammt weit bis zum nächsten Krankenhaus.
Fazit für mich: Interplanetare Langzeitreisen, nein danke! Aber ein Ausflug in den erdnahen Raum oder eine Runde um den Mond: Warum nicht? Wenn nur die Landung nicht wäre, und das Risiko, dass sie schiefgeht. Die Chancen, so einen Weltraumflug zu machen, sind äußerst gering. Mir fehlt das nötige Kleingeld für ein Touristenticket, und bislang hat mich noch kein Kryptomillionär eingeladen, ihn zu begleiten. Andere haben mehr Glück oder Geld und konnten die Erde bereits für eine Weile verlassen, ihren Horizont buchstäblich erweitern. Es mangelt nicht an Kritik an derlei Ausflügen, bei denen »Superreiche sinnlos Ressourcen verschwenden für ihren Spaß«. Ähnliche Vorwürfe dürfte es zu Beginn der Luftfahrt auch gegeben haben. Welcher Grund für so eine Reise ist hinreichend, sie gut zu heißen? Wie viele Experimente im All muss man machen, damit ein Raumflug gerechtfertigt ist? Das muss jeder für sich beantworten.
Neugier und Entdeckerdrang lassen sich nicht aufhalten. Berufliche Raumflüge werden, Robotik hin oder her, immer häufiger werden. Auch der Weltraumtourismus wird in naher Zukunft erheblich zulegen. Noch sind es Kurztrips im erdnahen Raum, denkbar sind auch längere Aufenthalte in künftigen Raumstationen und Mondflüge. Selbst weite Reisen zu den Planeten in verträglicher Zeit sind keineswegs ausgeschlossen – wenn ergiebigere Energiequellen erschlossen werden, die mehr Tempo ermöglichen. Abermals lohnt ein Blick auf die Entwicklung der Luftfahrt: Es begann mit knatternden Propellermotoren, denen spätere Jettriebwerke weit überlegen sind. Jede Wette, dass die Weltraumfahrt ähnliche Sprünge machen wird.
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