Warkus’ Welt: Produktiv ratlos

Wenn es um Bildung geht, beruft man sich gerne auf das Erbe der griechischen Antike. Dabei handelt es sich manchmal um recht wolkige Vorstellungen, aber es gibt auch ganz konkrete Bezüge. Einer davon ist, dass die Pädagogik an Schule und Hochschule es bis heute liebt, durch eine ganz bestimmte Dialogmethode zu lehren und zu lernen, die von Sokrates (469–399 v. Chr.) inspiriert sein soll.
Der legendäre athener Denker, der traditionell als Begründer der kritischen abendländischen Philosophie gilt, hat selbst keine schriftlichen Werke überliefert. Die »sokratischen Dialoge«, in denen er als Hauptfigur auftritt, stammen von seinem Schüler Platon. Einer dieser Dialoge, »Menon«, zeigt die sokratische Methode exemplarisch.
Sokrates lässt den wohlhabenden Thessalier Menon von Pharsalos einen Sklaven schicken, um an diesem seine Art, Wissen zu vermitteln, zu demonstrieren. Der Sklave soll die Aufgabe lösen, ein Quadrat mit der Seitenlänge 2 in der Fläche zu verdoppeln. Seine erste Vermutung ist, dass man dazu einfach die Seitenlänge verdoppelt, aber ein 4 × 4-Quadrat hat die Fläche 16, nicht 8. Es bleibt nur ein Mittelweg zwischen 2 und 4. Der Sklave vermutet, die Seitenlänge könnte 3 sein, dann wäre die Fläche aber 9. An dieser Stelle weiß er nicht weiter, kommt schließlich aber, durch Sokrates’ Fragen gelenkt, dazu, das verdoppelte Quadrat auf der Diagonale des ursprünglichen aufzubauen, statt einen ganzzahligen Wert zu suchen.
Wie funktioniert Lernen?
Im »Menon« geht es freilich um wesentlich größere Fragen, nämlich darum, ob rational erkennbar und lernbar ist, was Tugend ist – und wie Lernen überhaupt funktioniert. Das Beispiel aus der Geometrie ist vergleichsweise sehr handfest. Ich erinnere mich vage aus meiner Schulzeit, dass ähnliche Überlegungen wie die Quadratverdopplung im Unterricht auftauchten, als das Wurzelziehen eingeführt wurde. Das Beispiel ist auch deswegen raffiniert, weil es auf Größeres vorausweist: Die Seitenlänge des verdoppelten Quadrats ist das Doppelte der Quadratwurzel aus 2 und gehört damit zu den irrationalen Zahlen, die die griechische Mathematik noch nicht beherrschte. Daher muss das Problem geometrisch gelöst werden – worauf der Sklave nicht von sich aus kommt, sehr wohl aber durch Sokrates’ Fragen.
Das Konzept der sokratischen Methode besteht darin, dass die lehrende Person der lernenden nicht einfach einen Brocken Wissen hinwirft und erwartet, dass dieser angeeignet wird. Sondern dass sie zunächst dazu gebracht wird, ihre Ausgangsüberzeugungen zu artikulieren und die Probleme zu begreifen, die diese mit sich bringen. Das ist auch in der Schule ein bewährtes Rezept. Viele Lerninhalte beginnen damit, eine verbreitete Alltags- oder »Kindervorstellung« zu widerlegen: dass schwere Körper schneller fallen als leichte, dass Spinnen Insekten oder Wale Fische sind, dass Raketen nicht im luftleeren Raum funktionieren können und so weiter.
Dem Lernenden wird aber nicht einfach an den Kopf geworfen, dass seine Überzeugung falsch ist. Vielmehr wird er durch geschicktes Fragen und die Konfrontation mit Gegenbeispielen und -argumenten dahin geführt, sie durch eigene Erkenntnis als falsch einzusehen. Woraufhin sich Ratlosigkeit einstellt: Bei Platon heißt es, dass man dadurch gelähmt ist wie vom elektrischen Schlag eines Zitterrochens. Zur korrekten Erkenntnis gelangt der Lernende – mit der entsprechenden Anleitung – dennoch von selbst. Bei Sokrates gibt es den Ausdruck der »Hebammenkunst« (Maieutik): Man hilft der Erkenntnis wie einem Baby auf die Welt.
Sokratischer Dialog oder Ostereierpädagogik?
Es ist leicht ersichtlich, dass das keine einfache Sache ist und auch die Vorstellungen davon, was richtige »Geburtshilfe für Erkenntnis« ist, sehr weit auseinandergehen. Schon in den Dialogen bei Platon tritt Sokrates tendenziell nicht immer fair auf und stellt suggestive Fragen. Im Jargon der Erziehungswissenschaft gibt es das despektierliche Wort von der »Ostereierpädagogik«: Die Lehrkraft versteckt das Wissen, und die Klasse muss es suchen und finden. Da geht es nicht mehr darum, zu einer produktiven Ratlosigkeit zu kommen, aus der heraus man Neues lernt, sondern man stöbert und rät einfach planlos herum, weil man wissen will, worauf die Lehrkraft hinauswill, damit es endlich weitergeht. Daher gibt es in der modernen Pädagogik angepasste Formen des »sokratischen Gesprächs«, in denen sich die Lehrkraft ganz aufs Moderieren zurückziehen soll, um Manipulationen zu vermeiden. Das ist auch das Ideal der Seminardiskussion in geisteswissenschaftlichen Studiengängen, bei der, wenn alles gut läuft, die Seminarleitung gar nicht mehr viel sagen muss, weil die Inhalte im Gespräch der Studierenden untereinander verhandelt werden.
In der Auseinandersetzung mit Gesprächsmethoden, die sich mehr oder minder direkt an Sokrates anlehnen, lebt auf jeden Fall ein großes antikes Erbe weiter: nämlich die Idee, dass es nicht reicht, Wissen zu haben – man muss auch wissen, was man nicht weiß. Und wissen, wie man überhaupt zu diesem Wissen gelangen kann.
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