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Warkus’ Welt: Warum wirken die Leute so gereizt?

Der Ton wird rauer, die Ungeduld nimmt zu, so meinen viele. Doch spiegelt das die Wirklichkeit – oder nur unsere Wahrnehmung? Das fragt sich unser Philosophie-Kolumnist.
Ein älterer Mann in einem weißen T-Shirt blickt mit einem schiefen Gesichtsausdruck in die Kamera. Der Hintergrund ist neutral grau.
Argwohn, Ärger, Ungeduld: Gereiztheit hat viele Gesichter.
Haben Katzen das bessere Leben? Gibt es eine Pflicht, sich zu empören? Hat alles, was existiert, etwas gemeinsam? Matthias Warkus blickt in seiner Kolumne »Warkus’ Welt« mit den Augen des Philosophen auf Alltägliches und Außergewöhnliches.

Vor zwei Wochen habe ich mich an dieser Stelle damit beschäftigt, warum plötzlich »alle« so müde sind und was an den gängigen Diskussionen über Müdigkeit als gesellschaftliches Thema dran sein könnte. Es ist praktisch unvermeidlich, dass ich heute den gleichen Blick auf eine andere Befindlichkeit richte, die uns »allen« unterstellt wird, nämlich die Gereiztheit. Dass sie allenthalben zunehme, scheint eine Binsenweisheit zu sein. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Universität Tübingen hat 2018 ein Buch namens »Die große Gereiztheit« veröffentlicht, in dem er für unsere Epoche einen Zustand »kollektiver Erregung« diagnostiziert, aus dem man einen Weg heraus finden müsse. Nur ist es seitdem nicht besser geworden, oder?

Der Titel von Pörksens Buch bezieht sich auf ein berühmtes Kapitel in Thomas Manns »Zauberberg«. Dort macht sich »Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge« breit, der sich niemand entziehen kann und an der alle Figuren, auch die, die nur zuschauen, geradezu lustvoll teilnehmen.

Die »große Gereiztheit« im Gebirgssanatorium

Die »große Gereiztheit« von Manns Figuren, Bewohnern eines Schweizer Gebirgssanatoriums kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, lässt sich im Rahmen des Romans unschwer als Vorahnung der großen europäischen Katastrophe deuten. Genau das macht auch Gereiztheitsdiagnosen in unserer Epoche so interessant und so erschreckend plausibel. Leben wir nicht schließlich ebenfalls in einer Zeit sich zuspitzender Krisen, zunehmender Kriege, politischer Extreme und so fort? Allerdings können wir einen so großen und abstrakten Gegenstand wie »die Stimmung in der Bevölkerung« nur medial vermittelt wahrnehmen. Wir sortieren und bewerten unsere anekdotischen Alltagserfahrungen tendenziell danach, was wir aus den Medien hören. Daher bringt es wenig, aus diesem Zusammenhang heraus beurteilen zu wollen, ob »wir alle« wirklich so viel gereizter geworden sind.

Allgemein sind wir als Gesellschaft sehr schlecht darin, Trends in unerwünschtem Verhalten zu beurteilen. So ist es geradezu eine Grundkonstante entwickelter liberaler Demokratien, dass die Kriminalität historisch niedrig ist, aber als ungeheuer hoch und rapide steigend empfunden wird. Bei etwas so Vagem wie Gereiztheit dürfte die Wahrnehmung nicht objektiver sein. Es gibt jedoch tatsächlich Versuche, hier empirische Belege zu gewinnen. Unter anderem kann man auf Daten der Versicherungswirtschaft zurückgreifen, die regelmäßig das »Verkehrsklima in Deutschland« untersuchen lässt.

Hier gibt es wirklich schlagende Befunde dazu, dass aggressive Verhaltensweisen wie Drängeln und insbesondere dichtes Auffahren auf der Überholspur in den letzten Jahren durch die Befragten deutlich öfter bei anderen beobachtet, aber auch selbst eingestanden werden. Allerdings hat zugleich die Dichte des Straßenverkehrs zugenommen, und ich habe persönlich den Eindruck, dass die inzwischen viel häufigere Nutzung eines Tempomats einfach den Konflikt zwischen Richtgeschwindigkeitsfahrern und Rasern vertieft hat.

Die Autobahn muss nicht unbedingt ein Spiegel der Gesellschaft sein. Umgekehrt könnte es gesamtgesellschaftlich auch so aussehen, dass sozusagen mehr Menschen im Alltag »mit Tempomat fahren«, sprich versuchen, sich an bestimmte Höflichkeitsregeln zu halten – was dann wiederum diejenigen aufreizt, die damit ein prinzipielles Problem haben und gerne auch mal ruppig sind. Dass etwa das Personal in Zügen, Postfilialen oder Behörden in den letzten Jahrzehnten nach meiner Erfahrung deutlich freundlicher im Umgang geworden ist, könnte also zum Eindruck der zunehmenden Gereiztheit sogar beitragen!

»Zunehmende Penetranz der negativen Reste«

Der Gießener Philosoph Odo Marquard (1928–2015) hat Anfang der 1980er den Ausdruck von der »zunehmenden Penetranz der negativen Reste« geprägt: Je besser etwas funktioniert, je angenehmer etwas ist, desto auffälliger und anstrengender ist es, wenn dieser Zustand durchbrochen wird. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist der Passwortmanager, der auf meinem Computer und meinem Handy mit fast hundertprozentiger Zuverlässigkeit sämtliche Logindaten heraussucht, wenn ich sie brauche, und sogar Bestätigungscodes aus SMS und Mails herausfiltert. Da es nun nicht mehr wie früher ein längerer Prozess ist, sich in irgendeinen Onlinedienst einzuloggen, sondern eine Sache von Sekunden, regt es mich freilich umso mehr auf, wenn es ausnahmsweise einmal eine Minute dauert oder ich sogar etwas manuell heraussuchen muss.

Ich fasse zusammen: Es ist schwierig, zu beurteilen, ob die allgemeine Gereiztheit im Alltag zunimmt, vor allem, weil wir – und unsere Medien – eine Schwäche dafür haben, diesen Befund zu unterstellen. Er passt auf jeden Fall schön zur Zeitgeschichte, aber es gibt auch echte Indizien für eine Zunahme. Womöglich haben die allerdings damit zu tun, dass bestimmte aggressive Verhaltensweisen vor einer Folie zunehmender Gelassenheit stärker auffallen beziehungsweise sich die Schere zwischen den Gelassenen und den Gereizten weiter öffnet.

Es ist nicht originell, aber ich empfehle zum Umgang mit Gereiztheit ganz allgemein Humor. Wenn Sie, wie ich neulich, zehn Minuten in der Bäckerei anstehen, weil die automatische Bargeldkasse mit Zwei-Euro-Stücken gefüttert werden muss, bevor es weitergehen kann – beschäftigen Sie sich nicht damit, wie sehr Sie das nervt oder ob es Ihre Leidensgenossen in der Schlange nervt. Denken Sie stattdessen darüber nach, wie Sie die Situation hinterher am Frühstückstisch oder in einem Gruppenchat Ihres Vertrauens am lustigsten beschreiben. Mir zumindest hat das geholfen.

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