Warkus’ Welt: Die älteste Theorie von allem

Den Beginn der antiken griechischen Philosophie und damit der gesamten abendländischen Philosophie markiert nach traditioneller Vorstellung Thales von Milet (ca. 624–546 v. Chr.). Wie ein anderer berühmter Denker dieser Zeit, Pythagoras, hat er keine Texte hinterlassen, und wie Pythagoras kennt man seinen Namen vor allem aus dem Geometrieunterricht. Dort wird er allerdings mit etwas verbunden, was er gar nicht entdeckt hat. Der sogenannte Satz des Thales (alle in einen Halbkreis eingeschriebenen Dreiecke sind rechtwinklig) war zu seiner Zeit schon bekannt, wurde aber recht sicher erst deutlich nach ihm bewiesen. Auch seine Methode, mit der er die Höhe der Cheops-Pyramide durch Schattenwurf bestimmte, war vermutlich seinerzeit längst nichts Neues mehr.
Philosophisch interessant ist vor allem Thales’ bekanntester Gedanke: dass Wasser der Ursprung von allem sei. Häufig wird dies so wiedergegeben, als habe er unterstellt, dass alles aus Wasser bestehe. Dazu muss man zweierlei anmerken.
Erstens gab es zur Zeit von Thales noch kein Konzept von Metaphysik und erst recht keine Unterscheidung zwischen Philosophie, Theologie und Naturwissenschaft. Ob die Wasserthese eine metaphysische oder sogar eine naturwissenschaftliche »Theorie von allem« etablieren sollte, ist daher eigentlich eine anachronistische Frage. Dass man ihn so häufig als eine Art allerersten Metaphysiker sieht, liegt maßgeblich an Aristoteles, der Thales in den Begriffen seiner eigenen Ursachenlehre referiert.
Zweitens ist das altgriechische Wort für Ursprung oder Anfang, »archê«, eine der vielen griechischen Vokabeln, die einen großen Raum zwischen sehr konkreten und weit übertragenen Bedeutungen aufspannen. So kann »archê« das Ende eines Seils oder die Ecke eines Bettlakens sein – aber auch die Gründung eines Reichs, der Ursprung des Universums, die Herrschaft eines Gottes oder Königs oder das Amt eines Priesters.
Wasser, das wandelbare Element
Es ist also keineswegs klar, dass Thales buchstäblich geglaubt habe, dass alle Dinge aus Wasser bestehen. Liest man Aristoteles’ Wiedergabe von Thales’ Ansichten genau, ist durchaus möglich, dass er lediglich der Meinung war, alles sei aus Wasser hervorgegangen und behalte auch beim Übergang in andere Arten von Materie immer irgendwelche Eigenschaften des Wassers bei. Dazu gehört insbesondere die Fähigkeit zur Bewegung und Verwandlung.
Thales soll nach Aristoteles auch der Meinung gewesen sein, dass Magnete oder ein Bernstein, der sich bei Reibung elektrisch auflädt, eine Art Seele hätten und überhaupt alles »voller Götter« sei. Es liegt nahe, zu vermuten, dass Thales eher eine Art Energie oder Grundprinzip unterstellte – und eben einen gemeinsamen Ursprung von allem. Damit wäre er von der modernen Naturwissenschaft in den großen Zügen gar nicht so weit weg. Aber das alles wird zu einem gewissen Grad immer Spekulation bleiben, weil wir Thales’ Lehre notgedrungen durch Überlieferungen Dritter und vor allem durch die Brille der aristotelischen Philosophie mit ihren Vorstellungen von bleibender Substanz und wechselnden Eigenschaften betrachten.
Der große Bruch mit den vorausgehenden, vorphilosophischen Welterklärungen ist jedenfalls, dass Thales’ Wassertheorie die natürliche Welt als ein System beschreibt, das aus sich selbst heraus entstand und funktioniert: also ohne Intervention personifizierter, willkürlich handelnder Gottheiten. Sein mutmaßlicher Schüler Anaximander (ca. 610–547 v. Chr.) lehnt seine eigene Theorie des Kosmos an Thales an, nur wird er abstrakter: Bei ihm ist nicht Wasser das Prinzip, sondern das »Apeiron«, das Grenzenlose, Unbestimmte. Doch auch hier gibt es keine allgemein akzeptierte Deutung dessen, was damit eigentlich gemeint ist.
Die vier Klassiker: Feuer, Wasser, Erde, Luft
Die Vorstellung bestimmter materieller und/oder metaphysischer Grundlagen für alles Seiende – zusammen mit der Notwendigkeit, zu erklären, warum es dynamischen Wandel in der Welt gibt – führt später zur bekannten Lehre von den vier klassischen Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft. Sie wird erstmals bei Empedokles (ca. 495–435 v. Chr.) formuliert. Danach hält sie sich mehr oder minder bis zum Aufkommen der neuzeitlichen Chemie im 17. Jahrhundert, also eine sehr lange Zeit. Und trotz allen naturwissenschaftlichen Fortschritts der Jahrhunderte seither – der Philosophie ist die mit Thales aufgeworfene große Frage geblieben: Was heißt es eigentlich, dass etwas aus etwas besteht oder dass etwas zu etwas anderem wird?
Schreiben Sie uns!
Beitrag schreiben