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Warkus' Welt: Von Fehlschlüssen und Fehlschlussfehlschlüssen

In unserem Denken gehen wir oft Fehlschlüssen auf den Leim. Doch sie zu durchschauen, ist mitunter selbst für einen geübten Logiker schwer, erklärt unser Kolumnist Matthias Warkus.
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In der Philosophie geht es immer irgendwie um Argumente, und deswegen hat sie mit Logik zu tun. Das wiederum ist der Oberbegriff für Teildisziplinen, die sich mit allgemeinen Eigenschaften von Argumenten und verwandten Phänomenen auseinandersetzen. Am bekanntesten ist die formale Logik, die sich damit beschäftigt, wann von einer Behauptung auf eine andere geschlossen werden kann, und das ohne Rücksicht darauf, ob die behandelten Aussagen überhaupt wahr sind.

Möglich und notwendig ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Logik, weil Menschen beim Nachdenken und Diskutieren Fehler machen oder sogar absichtlich in einer Weise handeln können, die »der Logik zuwiderläuft«. Wenn es nicht so wäre, wir also in allem Denken und Reden stets nur korrekte Schlüsse zögen, müsste man sich nicht mit Logik beschäftigen.

Über Logik zu reden bedeutet deshalb auch, über Fehlschlüsse zu reden – bestimmte Typen von Fehlern oder Täuschungsmanövern, die man beim Schlussfolgern und Argumentieren machen kann. Hat man welche entdeckt, kann man dies als Werkzeug der Kritik nutzen. Vor allem in der englischsprachigen Welt, in der es eine bedeutende Kultur förmlichen Streitens gibt (zum Beispiel in Debattierklubs), ist das Benennen von »fallacies« ein populärer argumentativer Schachzug. Man kann im Internet Listen mit unzähligen Fehlschlüssen finden, etwa die seit 2006 gepflegte »Master List of Logical Fallacies« von Owen M. Williamson.

Gibt es vernünftige Rassisten? Hat nicht nur der Ärger unseres Vorgesetzten eine Ursache, sondern auch alles andere auf der Welt? Und was ist eigentlich Veränderung? Der Philosoph Matthias Warkus stellt in seiner Kolumne »Warkus' Welt« philosophische Überlegungen zu alltäglichen Fragen an.

Der Grund dafür, dass es überhaupt möglich ist, über Fehlschlüsse zu reden, macht das Unterfangen aber an sich schon wieder schwierig und diskutabel. Denn die logisch-abstrakte Struktur, die die falsche Schlussfolgerung ausmacht, muss man erst einmal im umgangssprachlichen Reden auffinden. Und nicht immer ist es völlig selbstverständlich, dass ein Fehlschluss vorliegt.

Es gibt klare Fälle. Der Satz »Matthias Warkus lehrt an einem guten Philosophieinstitut und ist also ein guter Dozent« ist falsch, denn an einem guten Institut kann ebenso jemand lehren, der selbst nicht besonders gut ist. Dieser Fehlschluss ist ein klassischer Lehrbuchfall, nämlich der Schluss vom Ganzen auf die Teile, auch Divisionsfehlschluss genannt.

Fehlschlüsse durchschauen ist komplex

Aber wie ist es denn mit folgendem Satz: »Eugene Drucker spielt in einem hervorragenden Streichquartett und ist also ein hervorragender Musiker«? In einem Spitzen-Streichquartett müssen alle vier Mitspielenden auch musikalisch außergewöhnlich gut sein. Es gibt eine enge, notwendige Beziehung zwischen der Leistung des Ganzen und der Leistung seiner Teile, die es bei einem Hochschulinstitut so nicht gibt. Der Schluss ist strukturell derselbe wie oben, aber hier ist er anscheinend korrekt. Dabei soll doch ein Fehlschluss eigentlich eine Sache der Logik sein – also von den Inhalten der besprochenen Behauptungen unabhängig und rein von der Form abhängig.

Williamsons Liste mit 146 Fehlschlüssen enthält eine ganze Reihe von Mustern, die wesentlich komplexer sind und deren Anwendung noch viel schwieriger ist als die des gezeigten Divisionsfehlschlusses. Darunter ist beispielsweise der berühmte Ad-hominem-Fehlschluss, der in seiner bekanntesten Form darauf abzielt, eine Aussage oder Handlungsweise dadurch zu diskreditieren, dass man auf bestimmte unangenehme Eigenschaften einer Person oder Gruppe, die sie propagiert oder früher einmal propagiert hat, hinweist.

Die kürzlich verstorbene Psychologin Eva Sternheim-Peters, die durch ihre Memoiren über ihre Jugend in der NS-Zeit bekannt wurde, erinnerte sich, dass das Erste, was sich nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in ihrer Heimatstadt Paderborn änderte, die Bepflanzung der Innenstadt war: Plötzlich seien überall Blumen gewesen. Zu sagen, man solle keine Innenstädte bunt bepflanzen, weil die Nazis dies getan hätten, wäre nun klarerweise ein Fehlschluss.

Es ist schon in weniger extremen Fällen notorisch schwierig, die Trennung zwischen »Persönlichem« und »Sachlichem« sauber durchzuführen. Das weiß zum Beispiel jeder, der einmal mit der Frage zu tun hatte, ob jemand für ein Amt aufgestellt werden sollte, der zwar kompetent ist, aber ein Hygieneproblem hat. In einer Hinsicht ist es völlig irrelevant, ob ein Bundestagskandidat übel riecht – in einer anderen Hinsicht gibt es jedoch kaum etwas Wichtigeres, denn so ein Kandidat muss ja nicht nur Kompetenzen haben, er muss sie auch irgendwie vertreten können. Ist der Satz »Stimmt gegen Max Maier auf Listenplatz 1, denn er riecht wie ein Iltis« nun ein Fehlschluss ad hominem oder nicht? Und was hat die Klärung dieser Frage überhaupt noch mit Logik zu tun?

In einer erhitzten Internetdiskussion habe ich irgendwann sogar einmal den Ausdruck »fallacy fallacy« aufgeschnappt. Diesen »Fehlschlussfehlschluss« begeht man, wenn man versucht, ein Argument rein dadurch zu widerlegen, dass man einen wahrgenommenen Fehlschluss benennt. In aller Regel ist es schon eine Herausforderung, sich überhaupt darauf zu einigen, was das Argument besagt und woran sich die Fehlschlüssigkeit festmachen lässt – aber eine, die sich anzunehmen lohnt; genau das ist es schließlich, was Logik in der Praxis ausmacht.

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