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Warkus' Welt: Besser Denken im Lockdown?

Was fördert eher das Philosophieren: die Einsamkeit oder die Geselligkeit? Für beides gibt es überraschend starke Argumente, findet unser Kolumnist Matthias Warkus.
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Jetzt sitzen »wir« also wieder »alle« zu Hause. Ich setze die Wörter in Anführungszeichen, weil unklar ist, was »wir« bezeichnen soll und weil es natürlich längst nicht so ist, dass niemand mehr zur Arbeit gehen muss. Aber was man sicher sagen kann, ist, dass alle, die ihre Brötchen mit Philosophie verdienen, zu Hause sitzen.

Aus Berichten, Beobachtungen von Kollegen und Kolleginnen sowie eigener Erfahrung als Redakteur und Lektor weiß ich, dass während der ersten Einschränkungsphase im Frühjahr außergewöhnlich viele philosophische Aufsätze geschrieben wurden und auch größere Buchprojekte gut vorankamen. Jetzt kann man sich fragen: Woran lag das?

Eine mögliche Erklärung: Die vom »Lockdown« betroffenen Philosophen und Philosophinnen verbrachten mehr Zeit als sonst allein. Und allein kann man besonders gut tief nachdenken und daher besonders gut philosophieren. Der Satz, dass »Denken ein einsames Geschäft« sei, findet sich zum Beispiel bei Hannah Arendt. Der Gedanke ist aber viel älter und scheint auch oberflächlich plausibel. Unter jemandem, der nachdenkt, stellt man sich ja niemanden vor, der sich gerade in geselliger Runde unterhält, sondern jemanden, der sich konzentriert.

Anders herum wird aber auch ein Schuh daraus: Vielleicht gab es gerade im coronabedingten Hausarrest besonders viel zu reden? Vielleicht hatten die produktiven Philosophen und Philosophinnen zwangsläufig mehr Gelegenheit als sonst, mit ihren Partnern und Kindern über ihre Arbeit zu sprechen, und dadurch ging diese umso besser voran? Denn Philosophie ist eine notwendig gesellige Tätigkeit – es geht immer um Gründe und Argumente, und wie soll man produktiv an so etwas feilen, wenn man niemanden hat, der Rückfragen stellt und einen auf neue Ideen bringt? Ist es ein Zufall, dass die Texte, in denen Sokrates, der Großvater der abendländischen Philosophie, auftaucht, fast durchweg Dialogform haben?

Gibt es vernünftige Rassisten? Hat nicht nur der Ärger unseres Vorgesetzten eine Ursache, sondern auch alles andere auf der Welt? Und was ist eigentlich Veränderung? Der Philosoph Matthias Warkus stellt in seiner Kolumne »Warkus' Welt« philosophische Überlegungen zu alltäglichen Fragen an.

Ich weiß keine Antwort darauf, was denn nun die Lockdown-Denkerinnen stärker beflügelt hat, Einsamkeit oder Austausch; ich kann nicht einmal sagen, ob sie wirklich mehr gedacht oder bloß mehr geschrieben haben. Was aber bemerkenswert ist: Es sind offenbar gegensätzliche Vorstellungen von philosophischer Tätigkeit im Umlauf – einsames Nachdenken und geselliges Diskutieren. Es gibt Versuche, diesen Widerspruch aufzulösen, indem man das eine zu einer Form des anderen erklärt. Arendt sah das einsame Nachdenken als einen inneren Dialog, bei dem man »sich selbst Gesellschaft leistet«. Auch gibt es, zum Beispiel im amerikanischen Pragmatismus bei C.S. Peirce, die Überlegung, dass die eigenen Gedanken zum allergrößten Teil eigentlich Gedanken anderer Leute sind, weil fast alles, was man denkt, aus dem vorherigen Austausch mit anderen kommt.

Der Konflikt darüber, wie man am besten zu guten philosophischen Gedanken gelangt, äußert sich noch in einer weiteren Hinsicht: Bis heute wird in der Philosophie daran gezweifelt, dass sich vernünftig im Team arbeiten lässt. Als die Deutsche Gesellschaft für Philosophie 2017 ihre über 2000 Mitglieder dazu aufrief, Texte zu Teamwork-Erfahrungen einzureichen, meldete sich niemand. Dabei ist es inzwischen weitgehend unbestritten, dass Philosophie als akademisches Fach so groß und differenziert geworden ist, dass niemand mehr über ein kleines Teilgebiet hinaus völlig souverän arbeiten kann. Zur Debatte steht vor allem, wie klar die Abgrenzungen der einzelnen Probleme voneinander sind und wie sich Lösungsvorschläge sinnvoller erarbeiten lassen – mit dem kristallklaren Blick der mönchischen Denkerin in der Stille? Oder doch lieber von einer größeren Anzahl miteinander kommunizierender Forscher, die sich gegenseitig Stichwörter geben?

In den meisten Wissenschaften stellen sich solche Fragen nicht, weil sie längst entschieden sind. In Arbeitsgruppen zum Beispiel in der Biologie beackern alle dasselbe Forschungsgebiet, diskutieren gemeinsam Aufsätze, spielen Babysitter für Zellkulturen, und reihum bringt immer jemand Kuchen mit.

In der Philosophie haben wir in der Regel keinen Kuchen. Aber nicht nur das: Ganz allgemein führt das Problem, ob es sich allein oder im Team besser philosophiert, auf die Frage danach, wie sich die Philosophie zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen verhält und ob sie sich an ihnen messen sollte.

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