Warkus' Welt: Was Arbeit so verflixt schwierig macht

Stellen Sie sich einen Bauarbeiter vor, vielleicht einen Maurer oder einen Gipser. Er steigt den ganzen Tag auf dem Gerüst treppauf und treppab, hebt schwere Gegenstände, vollführt anstrengende Bewegungen mit seinen Armen. Und jetzt stellen wir uns vor, dass unser Bauarbeiter nebenbei Amateur-Kraftsportler ist: Daher geht er direkt nach der Arbeit ins Fitnessstudio, steigt dort vielleicht Treppen auf dem Stairmaster, hebt schwere Gegenstände, vollführt anstrengende Bewegungen mit seinen Armen. Zu Hause pflegt er seine schwer kranke Frau, läuft treppauf und treppab, hebt schwere Gegenstände (auch ein zierlicher Mensch ist immer noch ein schwerer Gegenstand) und vollführt anstrengende Bewegungen mit seinen Armen.
Stellen wir uns nun einen Menschen vor, der nicht beruflich Bauarbeiter ist, sondern von einer eher entspannten Bürotätigkeit im Homeoffice lebt, aber in Eigenleistung sein Haus ausbaut. (Ich komme vom Dorf, da ist das gar nicht so selten.) Bei seiner Erwerbstätigkeit bewegt er wenig außer der Maus und seinen Fingern. Aber nach Feierabend: treppauf und treppab, schwere Gegenstände und anstrengende Bewegungen. Sie kennen das inzwischen.
Beide könnten sie einem erklären, dass sie »nach der Arbeit« noch irgendetwas anderes machen, das demnach keine Arbeit ist, obwohl es auf den ersten Blick genau dasselbe ist. Ist das nicht irgendwie paradox?
Arbeit in allen Schattierungen
Umgangssprachlich haben wir, so scheint mir, tendenziell drei Kriterien dafür, wann wir etwas »Arbeit« nennen: erstens, ob wir damit etwas zum wirtschaftlichen Lebensunterhalt beitragen (das tut der Maurer auf dem Gerüst, nicht aber der Büroangestellte beim Häuslebau); zweitens, ob es anstrengend ist (das trifft auf alle Tätigkeiten außer der Bürotätigkeit zu); drittens, ob es unfreiwillig getan wird (das betrifft zum Beispiel das Training im Fitnessstudio nicht). Natürlich kann man den Ausdruck auch in unterschiedlichen Schattierungen verwenden; was ein Satz wie »so viel Arbeit habe ich normalerweise nicht mal bei der Arbeit« bedeuten soll, ist relativ klar.
»So viel Arbeit habe ich nicht mal auf der Arbeit!«
Eine historisch wichtige und auch in der Philosophie bedeutsame Unterscheidung lässt sich zudem zwischen Tätigkeiten treffen, die direkt der Erhaltung und Reproduktion von menschlichem Leben dienen, und solchen, die es nicht tun. Dazu gehören traditionell häusliche Tätigkeiten wie Kochen, Putzen, Versorgung und Erziehung von Kindern, Pflege von Kranken und anderen Bedürftigen und so fort.
Hierfür hat sich der Ausdruck »Care-Arbeit« nach dem englischen Wort »care« für »Sorge« eingebürgert; der deutsche Ausdruck »Sorgearbeit« ist ebenfalls verbreitet, aber etwas weniger etabliert. Care-Arbeit ist das, was getan werden muss, damit Menschen überhaupt irgendetwas anderes tun können – wir alle waren einmal hilflos und bedürftig, wir alle brauchen Nahrung, für praktisch alle Tätigkeiten brauchen wir eine Umgebung, die wenigstens minimal instand gehalten wird. Wir kennen zwar Bilder völlig zugemüllter Schreibtische und Büros, wo anscheinend wirklich überhaupt keine Sorge um irgendetwas mehr stattfindet. Aber spätestens, wenn die Ratten kommen, wird es sogar mit dem Schreiben oder Programmieren schwierig.
Was den Mann am Herd von der Frau am Herd unterscheidet
Geschichtlich hat das Thema Care-Arbeit in der Philosophie und angrenzenden Disziplinen viel mit weiblicher Erwerbstätigkeit und Emanzipation zu tun, weil Care-Arbeit traditionell als »Frauensache« gilt. Bestimmte sprachliche Üblichkeiten wirken dabei bei näherem Hinsehen fragwürdig, wenn etwa die Rede davon ist, ein Familienvater »ernähre« seine Familie. Dies lässt erkennen, dass »richtige« Arbeit in diesen althergebrachten Kategorien daran gemessen wird, ob sie sich in bestimmten ökonomischen Kategorien quantifizieren lässt.
So ist auch das Phänomen zu erklären, dass Tätigkeiten wie Kochen oder das Herstellen von Kleidung im häuslichen Rahmen als traditionelle »Frauenarbeit«, im beruflichen Kontext aber als »Männerberuf« gelten konnten.
Kommen wir noch einmal auf unseren Bauarbeiter zurück. Neben der Erwerbsarbeit und der Pflegearbeit (wo er als Mann ohnehin quasi ein Exot ist) geht er ja noch einem sehr anstrengenden Hobby nach, einer Arbeit an sich selbst, und zwar ganz direkt am eigenen Körper. Mit der zunehmenden Freizeit der Menschen in den Industriegesellschaften wird interessanterweise das Konzept eines freiwillig disziplinierten, körperlich anstrengenden Lebens völlig unabhängig von Erwerbs- und Care-Arbeit anscheinend immer attraktiver, wie die Followerzahlen von Fitness-Influencern und -Influencerinnen andeuten.
Tom Sawyer lässt bekanntlich seine Freunde dafür bezahlen, dass sie es übernehmen, für seine Tante den Zaun zu streichen. Sein Autor Mark Twain stellt in diesem Zusammenhang die Frage, »warum Stoffblumen zu machen oder eine Tretmühle zu drehen, Arbeit ist, aber Bowling oder eine Besteigung des Mont Blanc bloß Unterhaltung«. Am Thema Care-Arbeit genau wie beim Thema anstrengender Freizeit ist zu sehen: Ganz offensichtlich hängt unsere jeweilige Vorstellung davon, was Arbeit ist, nicht nur von unserer individuellen Situation ab. Sondern immer auch vom gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang – sowie von den Blickwinkeln auf uns selbst und unsere Mitmenschen, die uns unsere jeweilige Situation in dieser Gesellschaft überhaupt ermöglicht.
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