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Warkus' Welt: Was den Frühling zum Frühling macht

Wenn man wissen will, ob Frühling ist, muss man sich entscheiden. Denn der Frühling ist auf verschiedene Weisen definiert. Das macht ihn auch philosophisch interessant - weil viele Dinge eben nicht auf diese Weise bestimmbar sind.
Blühende Apfelbäume. Laden...

Es ist April, und zwar ein ziemlich kalter, daher kann man sich schon einmal fragen: Welche Jahreszeit haben wir eigentlich? Klar, im Kalender steht »Frühling«, aber vor ein paar Tagen hat es hier noch geschneit; andererseits war es dann und wann so warm, dass ich schon den Satz aufschnappen konnte: »So langsam wird es Sommer.«

Das Schöne an einem Satz wie »Es ist Frühling« ist, dass man ihn praktisch überprüfen kann. Dafür muss man sich jedoch erst einmal für eine Frühlingsdefinition entscheiden. Astronomischer Frühling ist zwischen der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche und der Sommersonnenwende – aktuell 20. März bis 21. Juni –, meteorologischer Frühling ist vom 1. März bis zum 31. Mai, und der so genannte phänologische Frühling beginnt in seiner Hauptphase mit der Blüte der frühen Apfelsorten und endet mit der beginnenden Blüte des Schwarzen Holunders.

Die Antwort ist zudem vom Standort abhängig, denn auf der Südhalbkugel finden der astronomische und der meteorologische Frühling natürlich in anderen Kalendermonaten statt, und in Gegenden mit einer ganz anderen Flora als in deutschen Flachland- und Mittelgebirgslagen kann man sich auch nicht unbedingt an Apfel und Holunder orientieren.

Gibt es vernünftige Rassisten? Hat nicht nur der Ärger unseres Vorgesetzten eine Ursache, sondern auch alles andere auf der Welt? Und was ist eigentlich Veränderung? Der Philosoph Matthias Warkus stellt in seiner Kolumne »Warkus' Welt« philosophische Überlegungen zu alltäglichen Fragen an.

Wenn man aber weiß, auf welcher Erdhalbkugel man sich befindet, lassen sich für alle drei Definitionen genaue Handlungsanweisungen angeben, nach deren Ausgang man beurteilen kann, ob nun wirklich Frühling ist. In philosophisch-wissenschaftstheoretischer Fachsprache sagt man: Die Definitionen sind operationalisierbar. Für den astronomischen und den meteorologischen Frühling ist das trivial, weil man nur das aktuelle Datum herausfinden muss. Das liefert uns die Physikalisch-Technische Bundesanstalt, dafür sorgt der deutsche Steuerzahler.

Der phänologische (Voll-)Frühling ist ein größeres Ding, weil man zur Bestimmung seines Beginns einen gesunden frühblühenden Apfelbaum haben muss, der auf einer größeren offenen Fläche – nicht in einem Frostloch – steht und ein bekannt verlässlicher Blüher ist. Seine Blüte, und damit der Vollfrühlingsbeginn, ist an dem Tag zu notieren, an dem die ersten Blüten vollständig geöffnet sind. Das steht ganz exakt im entsprechenden Handbuch des Deutschen Wetterdienstes.

Welcher Frühling darf's denn sein?

Wenn man nun weiß, ob es nach der gewählten Definition Frühling ist, kann man trotzdem diskutieren, wie viel oder wenig man davon hat, das zu wissen. Der meteorologische und der astronomische Frühling haben zum Beispiel mit dem Wetter überhaupt nichts zu tun – es ist auch Frühling, wenn es im Mai noch zehn Zentimeter schneit. Beim phänologischen Frühling ist es auf Grund der »Versuchsanordnung« fraglich, wie groß die Aussagekraft über den Meldestandort hinaus ist. Hier in Jena ist es zum Beispiel immer eine ganze Ecke wärmer als in meinem alten Zuhause in Marburg, entsprechend blüht auch der Apfel früher. Aber man kann sich wiederum fragen, ob es sinnvoll ist, davon zu sprechen, dass beide Orte ihre eigenen Jahreszeiten haben.

Was hat das nun mit Philosophie zu tun? Man sieht daran Folgendes:

Wenn man wissen will, ob eine Behauptung wahr ist, muss man wissen, wie sie zu operationalisieren ist. Falls es da verschiedene Möglichkeiten gibt, muss man eine wählen. Dabei kann es entscheidend sein, Informationen über den eigenen Standpunkt hineinzunehmen, sofern das Untersuchte irgendwie kontextabhängig ist. Und selbstverständlich sind die praktischen Details der Operationalisierung diskutabel – warum Apfel und nicht Birne?

Die Aussagekraft des Ergebnisses ist erst einmal unabhängig davon, auf welchem Weg man dazu gekommen ist – erst wenn Argumente formuliert werden, in denen das Prüfverfahren auftaucht, wird es relevant. Zum Beispiel: »In der Landwirtschaft sollten wir uns nach dem phänologischen Frühling richten, weil es ja bei uns auch um Pflanzen geht und nicht um Himmelskörper.«

Völlig unabhängig von alledem besteht natürlich die dezidierte Möglichkeit, dass bestimmte Aussagen gar nicht operationalisiert prüfbar sind – so etwas wie »Wir befinden uns in einer Epoche kulturellen Stillstands«. Was genau daraus folgen soll, dass sich für so einen Satz kein sinnvolles Prüfverfahren angeben lässt, das ist eine schwierige philosophische Frage. Und wenn Sie jetzt gerade ernsthaft darüber nachdenken, dann reflektieren Sie die wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Kulturphilosophie. Herzlichen Glückwunsch und willkommen in unserer Welt!

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