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Warkus' Welt: Wer hat die Macht?

Auch ohne Chef, der uns strafen könnte, setzen wir uns morgens pünktlich an die Arbeit. Unpersönliche Machtverhältnisse haben uns im Griff, erklärt unser Kolumnist Matthias Warkus.
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Ich bin Freiberufler ohne feste Bürozeiten und tendenziell Langschläfer. Eigentlich will ich morgens mein warmes Bett nicht verlassen. Trotzdem stehe ich auf und setze mich (an guten Tagen) schon vor acht an den Schreibtisch. Es gibt Tage, an denen ich munter und fröhlich aus dem Bett hüpfe, statt mich hinauszuquälen, und es gibt solche, an denen ich länger liegen bleibe. Doch rein statistisch ist es so, dass ich meistens aufstehe, obwohl ich im Grunde meines Herzens lieber ausschlafen würde. (Gerüchtehalber geht das vielen anderen Menschen genauso.) Etwas hat anscheinend die Macht, mich dazu zu zwingen.

Eine klassische Definition von Macht kommt von einem der Gründerväter der wissenschaftlichen Soziologie, Max Weber (1864–1920): »Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.« Die entscheidenden Wörter hier sind »auch gegen Widerstreben«. Macht hat etwas damit zu tun, dass man Menschen dazu bewegen kann, etwas zu tun, obwohl sie es eigentlich nicht wollen. Der Soldat, der zur Strafe 100 Liegestütze machen muss, würde das lieber bleiben lassen, tut es aber trotzdem. Daran sieht man, dass sein Vorgesetzter Macht über ihn hat.

Interessanterweise liegt in diesem oder ähnlichen Machtbegriffen die Möglichkeit, dass Macht außerhalb direkter persönlicher Beziehungen besteht – siehe meine Morgenmuffeligkeit: Mit Weber gesprochen gibt es eine gute Chance, dass ich aufstehe, obwohl es mir widerstrebt. Irgendetwas bewegt mich dazu und hat Macht über mich, aber was? Es gibt keinen Chef, der mich bestrafen könnte, wenn ich nicht pünktlich am Platz bin. Es ist keine Einzelperson, die mich zum Aufstehen bringt, allerdings bin ich es auch nicht ganz allein und aus freiem Entschluss.

Gibt es vernünftige Rassisten? Hat nicht nur der Ärger unseres Vorgesetzten eine Ursache, sondern auch alles andere auf der Welt? Und was ist eigentlich Veränderung? Der Philosoph Matthias Warkus stellt in seiner Kolumne »Warkus' Welt« philosophische Überlegungen zu alltäglichen Fragen an.

Die Machtstrukturen in der Gesellschaft

Nicht nur in den Gesellschaftswissenschaften, sondern auch in der Philosophie spielt daher der Gedanke eine große Rolle, dass es neben persönlich ausgeübter Herrschaft Machtstrukturen oder »vermachtete Verhältnisse« gibt: Umstände, die die Einzelnen irgendwie dazu nötigen, gegen ihren Willen zu handeln, obwohl sich diese Nötigung nicht klar an Personen festmachen lässt, sondern irgendwie abstrakt im Raum steht.

Zu diesem Gedanken hinzu kommt ein anderer, nämlich dass neuzeitliche Formen der gesellschaftlichen Machtausübung die Tendenz haben, die Kontrollinstanz in das Innere der beeinflussten Subjekte zu legen. Dies kann beispielsweise dadurch geschehen, dass bekannt ist, dass das Befolgen von Regeln ab und zu durch Beobachtung kontrolliert wird, aber nicht, wann und bei wem dies erfolgt. Call-Center-Mitarbeiter, die wissen, dass ihre Gespräche stichprobenartig mitgehört und auf Freundlichkeit bewertet werden, können sich zum Beispiel auf diese Weise angewöhnen, sobald sie am Telefon sprechen, eine muntere und freundliche Stimme »aufzusetzen«, vielleicht sogar dann, wenn sie gar nicht im Dienst sind.

Der Name, der in den Geisteswissenschaften untrennbar mit der modernen Analyse solcher Verhältnisse verbunden ist, ist der des französischen Philosophen Michel Foucault (1926–1984). Er argumentiert letzten Endes, dass die ganze Art und Weise, in modernen westlichen Gesellschaften überhaupt Individuum zu sein, durch Machtstrukturen bedingt ist, die sich historisch aus Disziplinierungsinstitutionen wie Gefängnissen entwickelt haben. Ohne dass man Einzelpersonen oder auch nur eine zentrale bewusste Planung dafür verantwortlich machen könnte.

Bis heute sind solche Konzepte hochumstritten, denn der Stellenwert von Macht und wo man sie gesellschaftlich verortet, hat natürlich Auswirkungen auf das Menschenbild und auf politische Überlegungen. Als ziemlich gesichert kann aber gelten: Unpersönliche Machtverhältnisse existieren und prägen uns tagtäglich. Viele Menschen und eventuell sogar ganze Gesellschaften haben allerdings die Neigung, die Verantwortung für sie dann doch wieder Personen zuzuschieben. Dabei ist der Grat zwischen politisch sinnvollen Zuschreibungen (»Manche Superreiche könnten durch ihr Handeln das Leben vieler Menschen schlagartig besser machen, tun es aber nicht«) und Verschwörungsvorstellungen (»Bill Gates versklavt uns«) schmal.

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