Warkus’ Welt: Warum sind plötzlich alle so müde?

Ich war in den letzten Wochen sehr, sehr müde. Fast täglich musste ich der Versuchung widerstehen, mich tagsüber noch einmal hinzulegen. Nicht immer habe ich es geschafft. Vielen meiner Bekannten geht es nicht anders, und bei einem Telefonat neulich hörte ich dasselbe aus einer anderen Stadt: Alle sind müde, wurde mir berichtet. Das könnte natürlich die berühmt-berüchtigte Frühjahrsmüdigkeit sein – für die gibt es allerdings nur wenig wissenschaftliche Evidenz. Es ist auch nicht klar, ob es sich um ein vorübergehendes Phänomen handelt.
Da drängt sich die Frage auf: Ist an dem Eindruck etwas dran? Könnte es wirklich sein, dass wir alle viel müder sind als früher? Das ist ein schwieriges empirisches Problem, unter anderem, weil Müdigkeit nicht dasselbe ist wie Schlafmangel. Es ist schon schwer genug zu messen, wie viele Menschen einer Gruppe oder gar einer Gesellschaft wie viel schlafen. Aber wie müde oder ausgeschlafen sie sich fühlen, ist noch einmal etwas anderes. Dazu kommen populäre, nicht immer belegbare Vorstellungen über den Schlaf früherer Generationen oder gar in vorindustrieller Zeit.
Falsche Vorstellungen von früheren Schlafgewohnheiten
Ich erinnere mich noch gut, dass in meiner Jugend die Idee verbreitet war, Menschen würden, wenn sie könnten, viel mehr schlafen als acht Stunden pro Tag. Heute ist man sich relativ sicher, dass das so nicht stimmt. Es gibt außerdem – allerdings unklare – Indizien dazu, dass in Europa bis in die Neuzeit hinein in zwei Phasen geschlafen wurde und man dazwischen eine »Schlafpause« hatte, die man zum Beispiel nutzte, um Tagebuch zu schreiben oder Handarbeiten zu machen. Die ebenfalls beliebte Vorstellung, vor der Einführung von elektrischem Licht, Weckern und Schichtarbeit sei man grundsätzlich mit den Hühnern ins Bett gegangen und zum Hahnenschrei aufgestanden, ist wohl ziemlich falsch; für das London des 18. Jahrhunderts etwa ist überliefert, dass die Läden abends bei Dunkelheit genauso geöffnet waren wie bei Tageslicht, teilweise bis 22 Uhr, und dass grundsätzlich viel bei Kerzenschein gelebt wurde.
Wenn wir das alles einmal ausklammern, können wir uns immer noch fragen: Sind viele von uns oder gar »wir alle« nicht auf eine Weise chronisch ermüdet, die irgendwie anders ist als die handelsübliche Müdigkeit durch unzureichend erholsamen Schlaf? Der südkoreanisch-deutsche Philosophieprofessor Byung-Chul Han hat schon 2010 einen Essay vorgelegt, dessen Titel »Müdigkeitsgesellschaft« es nach Ansicht damaliger Rezensionen gut auf den Punkt brachte. Irritierend aus heutiger Sicht: Für Han treibt der Druck der Leistungsgesellschaft, den die Individuen völlig verinnerlicht hätten, diese massenhaft in Krankheiten »wie Depression, ADHS und Burn-out«. Am Vokabular ist schon zu sehen, wie schlecht gealtert der Text ist: Dass ADHS sich erwerben lasse und Depression und Burn-out zwei verschiedene Krankheiten seien, sind heute überholte Ansichten.
Die Unfähigkeit, aufzustehen und sich zu einfachsten Tätigkeiten zu motivieren, ist ein Leitsymptom schwerer Depressionen. Aber ist das dasselbe wie Müdigkeit? Zu allem Überfluss bedeutet das Wort »Fatigue« für den Zustand tiefster chronischer Erschöpfung bei schweren Erkrankungen wie Krebs, Multipler Sklerose oder ME/CFS letztlich auch »Müdigkeit« – ist aber, wie Mediziner nicht müde werden zu betonen, etwas ganz anderes, weil es zum Beispiel durch Schlaf in der Regel nicht gelindert werden kann.
Dann gibt es noch eine Art eher metaphorische Müdigkeit. Wenn in sozialen Medien jemand schreibt, er sei wegen irgendeines gesellschaftlichen Missstandes müde oder er »könne das alles nicht mehr«, bedeutet dies in der Regel überhaupt keine Antriebsschwäche, sondern eher Enttäuschung oder Resignation. Man kann aber zugleich tief resigniert und dennoch sehr aktiv und arbeitsam sein. Das weiß, polemisch gesagt, jeder, der schon einmal mit Menschen zu tun hatte, die in Sozialberufen, an Schulen oder in der Justiz tätig sind.
Eine Epoche der Müdigkeit?
Vielleicht kann sogar eine ganze Epoche durch Müdigkeit gekennzeichnet sein – wie es die Philosophin Marina Christodoulou von der Constructor-Privatuniversität in Bremen behauptet, die von »existenzial-ontologischer Erschöpfung« spricht –, ohne dass dies unbedingt heißen muss, dass Menschen massenhaft müder sind als in früheren Zeiten. Wie munter oder unausgeschlafen wir uns fühlen, wird schließlich, auch das ist eine Alltagserfahrung, auf mehreren Ebenen entschieden. Zehn Minuten nach dem Aufstehen oder 20 Minuten nach dem Mittagessen fühle ich mich möglicherweise völlig unfähig, den Tag hinter mich zu bringen, ohne bei erster Gelegenheit in einen komatösen Schlaf zu fallen; dennoch kann es sein, dass ich eine halbe Stunde und einen Kaffee später putzmunter und mit einem munteren Liedchen auf den Lippen losschufte, als wäre ich nie müde gewesen. Die antike Philosophie hat sich umfassend damit beschäftigt, wie es sein kann, dass wir so oft das Falsche tun, obwohl wir eigentlich das Richtige wollen; warum also sollte es dann nicht so sein, dass wir uns müde fühlen, obwohl wir fleißig arbeiten?
Edmund Husserl (1859–1938), der Begründer der Phänomenologie und einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, hat in seinem Spätwerk »Zur Krisis der europäischen Wissenschaften« geschrieben: »Europas größte Gefahr ist die Müdigkeit.« Die Phänomenologin Petra Gehring von der Technischen Universität Darmstadt merkt dazu an: »Man muss so etwas wie Philosophie (vielleicht sogar so etwas wie Europa) nicht einmal aktiv zerstören: Einfach lasch zu werden, den Fokus zu verlieren, damit nicht mehr ernsthaft weiterzumachen, reicht für das Ende aus.« Dass unser Zeitalter von dieser Art Müdigkeit geprägt ist, eventuell sogar mehr von der Angst vor dieser Art Müdigkeit als von ihr selbst – das glaube ich gern.
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