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Warkus' Welt: Wozu ist die Philosophie gut?

Wer denkt, die Philosophie hätte keinen Nutzen, der irrt. Sie kann unseren Alltag merklich beeinflussen. Ein Beispiel dafür ist eines der jüngsten Urteile des US-Supreme Court.
Gericht HammerLaden...

Seit es die Philosophie gibt, fragen sich die Menschen, wozu sie gut ist. Das ist völlig in Ordnung so. Schwierig wird es erst, wenn die Existenzberechtigung einer wissenschaftlichen Disziplin an ihren praktischen Nutzen geknüpft wird, weil es extrem knifflig (und ein philosophisches Problem) ist, den praktischen Nutzen einer Wissenschaft zu bestimmen. Aber fragen kann man ja mal. Was kommt also hinten raus bei der Philosophie?

Wer diese Kolumne aufmerksam liest, weiß, dass ich keinen besonders hochfliegenden Philosophiebegriff habe. Ich glaube, dass Philosophie letztlich begriffliche Unterscheidungen produziert. Das können ganz neue Vokabeln sein, zum Beispiel beim Unterschied zwischen negativer und positiver Freiheit, oder Argumente dazu, wie bestehende Vokabeln präzise angewendet werden sollen (zum Beispiel »schön« und »hässlich«). Wir »exportieren« Vokabeln und Argumente, zu Nutz und Frommen anderer wissenschaftlicher Disziplinen oder öffentlicher Diskussionen, manchmal sogar für den alltäglichen Sprachgebrauch. Nebenbei bringen wir vieles andere hervor, etwa Leute, die sehr gut im verstehenden Lesen komplizierter, abstrakter Texte sind. Aber die Hauptsache sind Unterscheidungen.

Gibt es vernünftige Rassisten? Hat nicht nur der Ärger unseres Vorgesetzten eine Ursache, sondern auch alles andere auf der Welt? Und was ist eigentlich Veränderung? Der Philosoph Matthias Warkus stellt in seiner Kolumne »Warkus' Welt« philosophische Überlegungen zu alltäglichen Fragen an.

Jetzt kann man fragen: Was hat die Welt von Unterscheidungen? Was kann man sich davon kaufen, bestimmte Termini sehr genau anwenden zu können? Ich könnte natürlich sagen: größere Klarheit im Denken und Reden für jede Person, die das möchte. Es gibt aber einen Punkt, an dem die Auswirkungen der Philosophie sehr prominent werden.

An der Spitze des Rechtssystems wird es philosophisch

Dieser Punkt ist die höchstrichterliche Rechtsprechung. An der Spitze des Rechtssystems wird es philosophisch. Das ist keine kontroverse Ansicht, sondern das sagen einem auch Juristen. Wenn man darüber nachdenkt, ist das völlig logisch: Gerichte und Jurisprudenz sind, grob gesagt, dazu da, in Streitfällen Entscheidungen nach allgemeinen Prinzipien zu treffen. Die Philosophie ist, ebenfalls grob gesagt, das als Wissenschaft organisierte Unternehmen der Suche nach allgemeinsten Prinzipien. Die enge Beziehung zwischen Recht und Philosophie ist äußerlich auch daran erkennbar, dass Rechtsphilosophie Teil des Jurastudiums ist und es unter Juristinnen und Juristen beliebt ist, zusätzlich noch einen Doktor in Philosophie zu machen.

Wo also das Recht geklärt und vervollständigt werden soll, wirkt die Philosophie als Lieferant für Ideen und Argumente. Ganz explizit (und viel deutlicher erkennbar als im deutschen Rechtssystem) war dies gerade in den USA zu beobachten. In einem Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof ging es im Kern um die Frage, ob es eine – verbotene – Diskriminierung »wegen des Geschlechts« (»because of sex«) sei, einen Arbeitnehmer zu entlassen, weil dieser homosexuell oder transgender ist. Hierzu unterbreitete eine Gruppe von Jura- und Philosophieprofessoren unter der Führung des Metaphysikers und Sprachphilosophen Robin Dembroff aus Yale dem Gericht ein Gutachten, das genau dies herleitet. Dieses Dokument bringt Bezüge auf Präzedenzen aus der amerikanischen Rechtsprechung zusammen mit zahlreichen Verweisen auf aktuelle philosophische Forschungsliteratur.

Mit einer überraschend großen Mehrheit und mit einem Votum, das ausgerechnet der von Donald Trump nominierte Neil Gorsuch verfasst hatte, hat der Supreme Court am Montag zu Gunsten der Kläger entschieden. Die Entscheidung folgt der Argumentation in dem philosophischen Gutachten. Man darf davon ausgehen, dass die beiden als konservativ geltenden Richter, die mit für diese Entscheidung votierten (darunter Gorsuch selbst), dies entgegen ihrer persönlichen politischen Überzeugungen getan haben.

Wir können nicht mit Sicherheit wissen, ob die Argumente aus der Wissenschaft sie dazu bewegt haben, aber in vielen Kommentaren zur Entscheidung wird davon ausgegangen. So oder so zeigt sich hier in exemplarischer Weise, wie die akademische Philosophie ihre Ergebnisse in die Rechtsprechung einspeist und somit direkt auf das Alltagsleben der Bürger in demokratischen Rechtsstaaten einwirkt. Hier verläuft sozusagen eine Leitung von der akademischen Philosophie ins gesellschaftliche Leben. Man kann sich darüber streiten, wie dick oder dünn dieses Rohr ist oder sein sollte – aber es existiert, und die Erkenntnisse, die hindurchfließen, sind real und wirksam.

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