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Leseprobe »ADHS in love«: ADHS in der Partnerschaft

ADHS birgt für Partnerschaften Chaospotenzial – von nicht abgeschlossenen Renovierungsprojekten bis hin zu Stimmungsschwankungen. Paartherapeutin Hannah Gensch gibt Rat gibt Rat bei Kommunikationsproblemen, Herausforderungen bei der Alltagsorganisation und Intimität. Eine Leseprobe
Händchen haltendes Paar: die ineinander gelegten Hände in Großaufnahme

Verstehen, was wirklich passiert

Stell dir vor, der Tisch im Lieblingsrestaurant ist für den Jahrestag reserviert. Doch es ist schon halb neun, dein Partner aber nicht da. Langsam weicht die Vorfreude einer kalten Enttäuschung. »Bin ich ihm einfach nicht mehr wichtig genug?« Und als er endlich atemlos hereinstürzt, mit einer übersprudelnden Geschichte über ein dringendes Problem, spürst du vielleicht nur noch diese alles überschattende Traurigkeit.

Eigentlich habt ihr doch das ALLES schon 100-mal besprochen. Wie kann es sein, dass es immer noch nicht klappt? Wie kann es sein, dass der wichtige Termin schon wieder übersehen wurde? Die Anmeldefrist für den Schwimmkurs der Kinder ist verstrichen, obwohl deine Partnerin es voller Überzeugung versprochen hatte. Dieses Gefühl, ständig der Fels in der Brandung sein zu müssen, laugt aus.

Oder du stehst auf der anderen Seite einer manchmal unüberwindbar scheinenden Brücke und fühlst dich mit deinem ADHS stets allein. Eigentlich versuchst du alles, um zu gefallen und mithalten zu können. Ja, es gab schon hundert Gespräche über die gleiche Situation, aber warum versteht sie dich denn nicht? Wenn ihr in der Küche sitzt und sie dir von ihrem Tag erzählt, interessiert es dich. Doch dann kommt eine tolle Idee in deinen Kopf geschossen, in dem Moment, in dem sie vom konfliktreichen Lunch mit der Kollegin berichtet. Du hattest doch die wunderbare Restaurantkritik gelesen, »da müssen wir hin, in das Restaurant ›Die Talstation‹«, hörst du es aus dir herausprusten. Du meinst es doch nicht böse, der Gedanke ist dann nur so groß in deinem Kopf. Da ist doch kein Desinteresse ...

Diese sich wiederholenden Muster sind selten eine Frage mangelnder Liebe. Sie sind oft direkte Folgen der neurobiologischen Besonderheiten von ADHS.

  • Vergesslichkeit und Unaufmerksamkeit: Das Arbeitsgedächtnis, unser mentaler Notizzettel, funktioniert anders. Termine, Absprachen und Versprechen können schneller verschwinden, nicht weil sie unwichtig sind, sondern weil die Information nicht nachhaltig genug hängen geblieben ist.
  • Impulsivität: Ein Gedanke oder Gefühl drängt mit aller Macht danach, sofort ausgedrückt zu werden – oft bevor die Konsequenzen bedacht wurden. Das äußert sich in unüberlegten Äußerungen oder spontanen Käufen, die ein Loch in die Haushaltskasse reißen.
  • Desorganisation: Die Fähigkeit, Aufgaben zu planen, zu priorisieren und zu beenden, ist oft beeinträchtigt. Das führt zu Aufschieberitis und erheblichem Stress für beide Partner.
  • Emotionale Achterbahn: Gefühle werden oft spürbar intensiver erlebt und die Stimmungen können rasch und unerwartet wechseln. Diese emotionale Dysregulation ist für Außenstehende oft schwer nachvollziehbar.

Dieses ständige Ringen mit sich selbst und dem Alltag hinterlässt tiefe Spuren in der Art, wie ihr miteinander umgeht und wie viel emotionale Nähe noch spürbar ist. Daher ist es unerlässlich, mehr Verständnis und Erkenntnis in eurer Beziehung zu etablieren. Damit wieder ein wohlwollendes Miteinander entstehen kann.

Ich erzähle dir von Paul und Henriette. Henriette, eine sprühende, kreative Frau voller Abenteuer und Ideen, hat ADHS. Paul, der ruhige, strukturierte Typ, liebt ihre Lebendigkeit, kämpft aber mit den alltäglichen Auswirkungen.

Eines Abends will Paul etwas Wichtiges besprechen, die Finanzen. Doch kaum beginnt er das Gespräch, wandert Henriettes Blick zum Fenster, dann zum Handy. Paul spürt es genau, ihre Aufmerksamkeit ist schwer zu fassen, wie ein scheues Reh. Was er nicht sehen kann: Ihr Gehirn ist oft wie ein hochempfindlicher Radar, der unzählige Reize gleichzeitig aufnimmt. Konzentriertes Zuhören erfordert von ihr eine große Anstrengung.

Als Paul es erneut versucht, fällt Henriette ihm begeistert ins Wort: »Ich hab’s! Wir könnten doch ...!« Wieder dieser abrupte Themenwechsel. Dieser Drang, eine neue Idee sofort zu äußern, bevor sie verblasst, ist typisch für die verbale Impulsivität bei ADHS. Paul reagiert gereizt: »Henriette, lass mich doch bitte mal ausreden!« Der Satz trifft Henriette hart. Für sie, die extrem sensibel auf empfundene Ablehnung reagiert, fühlt es sich an wie ein Stich ins Herz. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Nach solchen Abenden ziehen sich beide oft zurück. Ganz leise, jeder für sich – das Gespräch ist mit seiner Frustration und ihrer Verletzung beendet. Die Gespräche werden seltener, die liebevolle Nähe und die Zärtlichkeit verschwinden. So entsteht ein Teufelskreis: Kommunikationsschwierigkeiten führen zu Verletzungen, diese münden in emotionalen Rückzug und die einst so lebendige, Funken sprühende Liebe droht zu zerbrechen.

Wenn Liebe auf Neurobiologie trifft

In vielen Beziehungen ist ADHS der Elefant im Raum, über den nicht gesprochen wird. Die Probleme werden bei sich selbst gesucht: »Bin ich ihm nicht wichtig genug?« oder »Ich bin einfach nicht gut genug?«. Zu erkennen, dass eine reale, neurologische Besonderheit die Grundlage für viele Schwierigkeiten ist, kann enor-men Druck von beiden Partnern nehmen.2 Es entpersonalisiert die Probleme und macht klar: Ein pauschales »Reiß dich doch einfach zusammen!« ist keine Lösung.

Doch – und das ist mir ein Herzensanliegen – ADHS ist nicht nur eine Belastung. Es birgt auch eine Fülle von einzigartigen Stärken, die eine Beziehung ungemein bereichern können. Vielen Betroffenen, denen ich die Frage gestellt habe, ob sie – gäbe es eine Möglichkeit dafür – ADHS sofort loswerden könnten, antworten klar mit NEIN. Denn dafür würden sie auch all die Spontaneität, die Kreativität und den Antrieb verlieren, der dahintersteht.

Denn ist es nicht oft der Partner mit der sprühenden Kreativität, der aus einem verregneten Sonntag ein unvergessliches Erlebnis zaubert? Diese Fähigkeit, um die Ecke zu denken, bringt frischen Wind in die Beziehung. Und was ist mit der ansteckenden Energie und Begeisterungsfähigkeit? Wenn ein Thema das Interesse weckt, sprühen die Funken. Die Spontaneität durchbricht den Alltagstrott und schafft wundervolle, lebendige Momente.

Viele Menschen mit ADHS besitzen zudem eine hohe Empathiefähigkeit. Ist es nicht oft der Partner, der mit erstaunlicher Feinfühligkeit spürt, wenn dich etwas beschäftigt, noch bevor du es selbst in Worte fassen kannst? Diese sensible Seite ist prägend für eine tiefgreifende und nahe emotionale Beziehung. Sich verstanden und gesehen zu fühlen mit allen Facetten.

Für eine langfristige, glückliche Beziehung muss man Herausforderungen annehmen und aktiv Wege suchen, ohne dabei die Stärken aus den Augen zu verlieren. Dieses Buch möchte euch helfen, die Brücke zwischen euren beiden Welten zu stärken. Denn Liebe ist Arbeit, sie ist kein Geschenk, das einfach weiter fortbesteht. Wir kommen nicht umhin, etwas dafür zu tun, an uns selbst zu wachsen und an unserem Partner.

PAARÜBUNG

Gemeinsame Identifikation der größten HerausfordeRungen

Jetzt seid ihr dran! Nehmt euch bewusst Zeit füreinander an einem Ort, an dem ihr ungestört seid. Schafft eine Atmosphäre des Wohlwollens und der Offenheit. Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen, sondern um ein gemeinsames, liebevolles Verständnis.

Schritt 1: Jeder für sich (10 min)

Nehmt euch beide ein Blatt Papier und schreibt die drei bis fünf größten, immer wiederkehrenden Konfliktthemen auf, die ihr in eurer Beziehung erlebt. Seid so konkret wie möglich. Statt »Unsere Kommunikation ist schlecht«, schreibt vielleicht: »Ich fühle mich oft nicht gehört, wenn ich von meinem Tag erzähle«.

Schritt 2: Euer Austausch (20 min)

Teilt nun abwechselnd eure Punkte miteinander. Einer liest vor, der andere hört aufmerksam zu – ohne zu unterbrechen oder sich zu verteidigen. Versucht, die Perspektive eures Partners wirklich zu verstehen. Fragt einfühlsam nach: »Habe ich das richtig verstanden, dass du dich in solchen Momenten so fühlst, weil ...?«

Schritt 3: Eure gemeinsame Liste (10 min)

Erstellt nun eine gemeinsame Liste auf einem neuen Blatt. Welche Herausforderungen habt ihr beide genannt? Einigt euch auf die drei wichtigsten gemeinsamen Punkte, denen ihr euch widmen möchtet.

Schritt 4: Der ADHS-Bezug

Überlegt nun gemeinsam: Welche dieser Top-Herausforderungen könnten mit typischen ADHS-Auswirkungen zusammenhängen? Markiert diese Punkte. Dieses Bewusstsein wird euch helfen, die passenden Lösungsansätze zu finden, die wir in diesem Buch erarbeiten werden.

Bewahrt eure Liste gut auf. Sie ist der Ankerpunkt für eure gemeinsame Reise.

ADHS ist keine Charakterschwäche

Maja und Tom sitzen bei mir in der Praxis dicht nebeneinander, aber zwischen ihnen liegt eine meilenweite Distanz. Die Luft ist zum Schneiden gespannt, und es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass sie dieses Gespräch führen. Es geht um den geplanten Umzug, der eigentlich ein Grund zur Freude sein sollte, ein gemeinsamer Schritt nach vorn. Doch seit Wochen ist er eine Quelle stiller Spannungen. Genauer gesagt, geht es um die Kisten im Keller, die Tom seit drei Wochen ausmisten und für den Sperrmüll vorbereiten wollte. Er hatte es fest versprochen, ihr in die Augen gesehen und gesagt: »Dieses Wochenende, Schatz, ganz bestimmt.«

»Ich verstehe es einfach nicht, Tom«, sagt Maja jetzt, ihre Stimme ist leise, um nicht zu schreien, aber sie ist brüchig vor Enttäuschung. »Es sind doch nur ein paar Kisten. Ich habe das Gefühl, ich ziehe hier allein um. Wenn dir dieser Umzug, wenn wir dir wichtig wären, dann hättest du es doch längst gemacht. Es ist, als wäre es dir einfach egal.«

Tom starrt auf seine Hände, die er fest ineinander verknotet hat. Ich frage nach, was in ihm vorgeht, er antwortet in verzweifeltem Ton: Wie um alles in der Welt soll er Maja erklären, was in ihm vorgeht? Wie beschreiben, dass er jeden einzelnen Tag an diese verdammten Kisten gedacht hat? Dass der Gedanke daran wie ein schwerer Vorhang in seinem Kopf hing, der jede Energie lähmte? Er ist unzählige Male im Geiste die Treppe hinuntergegangen. Hat sich gesehen, wie er die erste Kiste öffnet. Und ist doch jedes Mal wie erstarrt davor zurückgeschreckt. Dieses seltsame Gefühl der Lähmung, obwohl der Wille da ist, so stark, dass er fast wehtut. Es poltert aus ihm raus: »Es ist mir nicht egal.«

Variationen dieser Szene sind der schmerzhafte Alltag für unzählige Paare. Sie ist das Resultat eines fundamentalen Missverständnisses darüber, was ADHS ist – und was es eben nicht ist.

Missverständnisse über ADHS

Der größte Schatten, der über Beziehungen mit ADHS liegt, ist die Tendenz, die Symptome als Charakterschwächen zu interpretieren. Um als Paar eine reelle Chance zu haben, müssen wir diese Mythen entzaubern und durch Verständnis ersetzen.

ADHS ist nicht:

  • Faulheit oder mangelnde Disziplin: Menschen mit ADHS strengen sich oft sogar mehr an als andere, um alltägliche Dinge zu bewältigen, was zu enormer Erschöpfung führen kann.
  • Gleichgültigkeit oder mangelnde Liebe: Die vielleicht schmerzhafteste Fehlinterpretation ist die Verknüpfung von Symptomen mit den Gefühlen für den Partner. Vergessene Jahrestage oder unerledigte Versprechen sind keine Messinstrumente für die Liebe.
  • Eine Frage der Erziehung oder des Charakters: Nein, es ist eine neurologische Konstitution.
  • Eine reine Jungenkrankheit: Bei Mädchen und Frauen zeigt es sich oft anders, meist subtiler und nach innen gerichtet, und wird deshalb häufig übersehen.
  • Etwas, das sich auswächst: Der Gedanke, dass sich ADHS im Jugendalter verflüchtigt, ist ein weit verbreitetes Ammenmärchen. Bei ADHS handelt es sich um eine neurobiologische Störung, die ihre Wurzeln in der Gehirnentwicklung und -funktion hat und daher in den meisten Fällen bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Lediglich die Symptome verändern sich in der Pubertät.
  • Eine bequeme Ausrede: Die Diagnose ADHS zu verstehen, bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Im Gegenteil. Es ist keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung. Eine Erklärung ist der Ausgangspunkt für die Suche nach den richtigen, passenden Strategien.
  • Die größte und wichtigste Erkenntnis ist: Ihr kämpft nicht gegen eine Charakterschwäche, sondern habt es mit einer besonderen Funktionsweise des Gehirns zu tun. Stell dir das Gehirn deines Partners nicht als unwillig vor, sondern einfach als anders verdrahtet. Es ist, als hätte er den Motor eines Rennwagens unter der Haube – voller Energie, Kreativität und Geschwindigkeit –, aber die Bremsen und das Getriebe eines Kleinwagens. Der Wille ist da, die PS sind da, aber die Fähigkeit, diese Kraft gezielt zu steuern, im richtigen Moment zu bremsen und sanft durch den Stadtverkehr zu navigieren, ist eine ganz andere Herausforderung.

Wissenschaftlich ausgedrückt, geht es hierbei um die Struktur und die Botenstoffe im Gehirn, insbesondere im Frontalhirn, das als unser »Manager« für Planung, Organisation und Impulskontrolle zuständig ist.3 Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Neurotransmitter Dopamin. Stell dir Dopamin wie den Postboten im Gehirn vor, der unablässig Nachrichten mit den Stempeln »Achtung, wichtig!«, »Das macht Spaß!« oder »Gleich gibt’s eine Belohnung!« überbringt.

Bei Menschen mit ADHS scheint dieser Postdienst unzuverlässig zu arbeiten oder die Briefkästen für die Dopaminpost sind nicht so empfänglich. Das Gehirn befindet sich dadurch in einem Zustand des ständigen Hungers nach interessanten Reizen, um sich selbst zu aktivieren und zu motivieren. Eine als reizarm und langweilig empfundene Aufgabe wie die Steuererklärung oder das Ausmisten von Kisten im Keller bekommt einfach nicht den »Wichtigkeitsstempel«. Das ist keine Frage der Moral oder der Prioritäten. Das ist reine Neurochemie.

Leider endet die Leseprobe an dieser Stelle. Das Buch »ADHS in love« bietet den Rest des Kapitels und vieles mehr.

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