Leseprobe »Lass mal über Anxiety reden«: Wann warst du das letzte Mal anxious?

Bei mir ist das – sage und schreibe – 25 Minuten her. Ich habe mir extra den Nachmittag freigeschaufelt, um endlich mit dem ersten Kapitel dieses Buches zu beginnen. Aber je näher der Nachmittag rückte, desto mehr überkam mich dieses bekannte und trotzdem überfordernde Gefühl von Anxiety. Wie ein grauer emotionaler Nebel. Als ich mir meine Anxiety genauer anschaute, konnte ich die Angst entziffern, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Nichts Wertvolles zu sagen zu haben. Nicht die richtigen Worte zu finden. Denn mal ehrlich, wie findet man bitte den perfekten Anfang für so ein Buch?
Ich bin zu dem Entschluss gekommen: einfach anfangen.
Hi, ich bin Pauline, klinische Psychologin, und lange Zeit hatte ich einen zweiten Vollzeitjob: meine Anxiety. Das war mir aber lange nicht bewusst. Meiner Anxiety bewusst zu begegnen, hat mein Leben verändert. Mittlerweile ist sie ein willkommener Gast (auch wenn ich mich immer noch manchmal daran erinnern muss). Sie ist ein Teil von mir und erinnert mich in den Momenten, in denen ich den direkten, bewussten Zugang zu mir verliere, dass ich wieder genauer hinschauen sollte. Dadurch dass ich die wegweisende Funktion meiner Anxiety erkannt habe, bringt sie mich immer wieder in den Kontakt mit mir, stärkt meine Beziehung zu mir und macht mich zu der Person, die ich heute bin.
Ich schreibe dieses Buch, weil das Verstehen und das D’accord-werden mit meiner Angst das ist, auf das ich bis jetzt im Leben am meisten stolz bin. Meine größte Errungenschaft, meine größte Herausforderung. Ich bin meiner Angst unfassbar dankbar, weil sie mittlerweile der Zugang zu den Anteilen in mir ist, die am meisten Fürsorge von mir brauchen. Und wenn diese Fürsorge stattfindet, versüßt das mein Wohlbefinden, meine Beziehungen (zu mir und zu anderen) und mein gesamtes Leben.
Ich merke immer wieder, wenn ich meinen Patient*innen und Klient*innen dabei zuhöre, wie sie über ihr emotionales Erleben sprechen: Ich kann mich in fast all ihre Gefühle einfühlen und sie nachvollziehen. Ich glaube, genau das ist es, was mich in meinen Beruf gezogen hat: Ich fühle viel, ich fühle ständig – und ich liebe es, Menschen beim Fühlen begleiten zu dürfen, sie zum Fühlen anzuregen. Und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie mit ihren Emotionen nicht allein sind. Dass sie nicht die Einzigen sind, die so fühlen. Das ist auch der Grund für dieses Buch.
Dass ich mein eigenes Fühlen willkommen geheißen habe, war Teil meines Erwachsenwerdens. Aber dieses intensive Fühlen war dennoch schon immer ein Teil von mir. Im Buch werde ich immer wieder über meine Erfahrungen sprechen.
Die meisten Bücher, die Anxiety und Ängste generell thematisieren, geben dir eine genaue Anleitung, wie du Schritt für Schritt deine Anxiety in den Griff bekommst, wie du sie bekämpfen kannst und sie angeblich somit loswirst.
Ich glaube fest daran, dass Anxiety ein wichtiger Bestandteil ist, uns wirklich kennenzulernen, und dass es nicht darum geht, sie loszuwerden, sondern genauer hinzuschauen. Dieses Buch ist ein Mix aus psychologischem Wissen, Theorien und Werkzeug, die dir dabei helfen können, in den Dialog mit deiner Anxiety zu treten. Denn ich glaube, genau darum geht es: den Dialog mit uns selbst zu suchen und die Anteile reinzulassen, die bisher nicht gehört wurden, weil sie uns zu viel Angst gemacht haben oder zu schmerzhaft waren.
Das Spannende, Aufregende und Tückische an Anxiety ist, dass sie bei jeder Person eine andere Entstehungs- und Aufrechterhaltungsformel hat. Sie kommt, geht und wütet bei jeder Person unterschiedlich. Aber ich glaube, dass es eine Sache gibt, die bei aller Unterschiedlichkeit hilft: Tiefe.
Je besser wir uns selbst kennenlernen, desto weniger braucht es Anxiety, um uns zum Hinschauen zu zwingen. Je mehr wir verstehen, was sie uns sagen will, desto näher kommen wir dem gesunden Kern unseres Selbst, was ich (ohne zu dramatisch klingen zu wollen) als den Sinn unseres Lebens verstehe. Uns selbst wirklich kennen –, akzeptieren und lieben zu lernen – und mit dieser Authentizität in Kontakt und Beziehung mit anderen zu treten –, ist das, was ich als Psychologin nicht nur als Sinn sehe, sondern auch als das, was uns langfristig gesund und zufrieden macht. Und genau dafür braucht es Tiefe. Und Zeit.
Deine Anxiety ist eine Einladung, anzuhalten, tiefer zu gehen und dir zuzuhören. Das sind oft die unangenehmsten, aber auch die wertvollsten Momente. Das sind die Momente, in denen wir wachsen. Die Momente, in denen Heilung beginnt. Max Frisch hat es schon ziemlich gut auf den Punkt gebracht: Krise ist ein produktiver Zustand (aber einfach ist es nie).
Mit diesem Buch möchte ich dir genau für diesen Prozess die Hand reichen und dich mit meinen Worten begleiten, weil ich weiß, wie schwer es sein kann, diesen Dialog mit sich selbst zu beginnen. Anxiety, emotionale Krisen und dieses ganze verdammte Fühlen sind alles andere als leicht. Und genau hinzuhören, ist manchmal (oft) nicht der einfachste Weg, aber es lohnt sich immer. Wieso? Weil es auf lange Sicht immer einfacher ist, man selbst zu sein.
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