Leseprobe »Schmerzen lindern mit der Kraft der Gefühle«: Kraftvolle Gefühlsflocken: Wir sind alle verschieden

Kraftvolle Gefühlsflocken: Wir sind alle verschieden
Die Fähigkeit, mit unseren Gefühlen umzugehen, ist ähnlich unterschiedlich ausgeprägt wie alle anderen Merkmale, die uns ausmachen. Wir sehen alle verschieden aus, wir alle haben einen eigenen Charakter, unterschiedliche Stärken und vermeintliche Schwächen, die uns zu etwas Besonderem machen. Es ist beinahe wie mit Schneeflocken: Keine gleicht der anderen.
Auch im Umgang mit unseren Gefühlshöhen und -tiefen sind wir schneeflockenartig: Wir verhalten uns ganz unterschiedlich, wenn wir zum Beispiel Angst haben oder zornig sind. Jeder Mensch hat für sich eigene Lösungen entwickelt im Umgang mit Gefühlen, und diese Unterschiede machen uns alle zu einzigartigen »Gefühlsflocken«.
Gefühlsverarbeitung trainieren
Unsere Gefühlskompetenzen sind nicht nur individuell verschieden ausgeprägt, sondern vorstellbar als eine Art Muskel. Wie bei den Muskeln unseres Körpers wollen auch unsere Gefühlsfähigkeiten trainiert werden. Und wie beim Sport braucht es dazu Ausdauer und Technik. Je nach Übung und Talent sind unsere Gefühlsmuskeln am Ende unterschiedlich kräftig ausgebildet.
Unsere Fähigkeiten, Gefühle zu verstehen und zu bewältigen, haben dabei viel mit Lernen zu tun. Dass du jetzt hier diese Zeilen lesen kannst, geht nur, weil du dir das Lesen angeeignet hast. Es gab vielleicht unterstützende Menschen, die dir erklärt haben, dass ein A ein A ist, und dir beigebracht haben, es als »Aaaahhhhhhh« auszusprechen. Du hast geübt, vom ABC zu schwierigeren Texten, so lange, bis du flüssig die Buchstaben zu Worten zusammenbringen und verstehen konntest. Die Fähigkeit, die alltägliche Gefühlsachterbahn zu managen, entwickelt sich dabei in ähnlicher Art und Weise. Vieles bringen wir von Anfang an mit, und dennoch braucht es ab und an die liebevolle Unterstützung von außen, die unser Talent, Gefühle einzuordnen und zu handhaben, anregt und formt. Bleibt der Anschub in der Kindheit aus, schlummert die Veranlagung im Untergrund weiter. Das Gute ist: Auch später im Leben können die bisher unentdeckten Fähigkeiten gestärkt werden. Unser Gefühlsmuskel lässt sich auch dann noch trainieren.
Aber was heißt das nun genau, kompetent mit Gefühlen wie Ärger, Traurigkeit und Ekel umzugehen?
Ich erkenne Gefühle bei mir selbst
Eine der wichtigsten Fähigkeiten besteht zunächst darin, überhaupt erst einmal mitzubekommen, was im Inneren los ist. Es wahrzunehmen und zu verstehen. Zu spüren, dass uns irgendetwas in Aufregung versetzt hat. Sind wir in der Lage, diesen Zustand zu benennen, kann uns das schon sehr helfen, die Situation und unsere Reaktion darauf einzuordnen. Dem Ganzen einen Namen zu geben, kann manchmal Gold wert sein.
Die Frage, die sich deshalb stellt, ist: Können wir die Aufregung in unserem Inneren einer Kategorie zuordnen? Zum Beispiel: »Ahhh, klar, jetzt habe ich gerade wieder Angst.« Das klingt zunächst nach nicht viel, ist aber gar nicht so einfach. Vor allem, wenn uns das nie beigebracht wurde. Dann fühlt es sich in solchen Momenten manchmal an, als käme die Gefühlssprache von einem anderen Planeten. Als besäßen wir dafür noch nicht die passende Maschine, die das Kauderwelsch in etwas Verständliches übersetzt.
Und dann gibt es noch den anderen Fall: Manche Betroffene haben prinzipiell eine Idee davon, was für Gefühle da sind, blenden allerdings das innere Tohuwabohu aus nachvollziehbaren Gründen bewusst aus. Viele haben von klein auf gelernt, dass es keinen Platz für »Gefühlsfirlefanz« gibt. Gerade Menschen mit chronischen Schmerzen sind dahingehend in ihrem Leben oft nicht ausreichend gesehen oder verstanden worden. Jedenfalls nicht in dem Ausmaß, wie es vielleicht nötig gewesen wäre. Was aus dieser Erfahrung bleibt, ist ein Eindruck von: »Das mit meinen Gefühlen scheint nicht wichtig zu sein.« Zum Teil verfestigt sich dieser Gedanke bis in das hohe Erwachsenenalter.
Falls dich das auch betrifft, dann lass eine neue Haltung in dir reifen: Es ist wichtig! Dass da so viele Eindrücke sind, ist ganz wunderbar. Du darfst sie mitbekommen und ihnen nachgehen – denn sie haben einen großen Einfluss auf deinen Körper. Alle Fähigkeiten, deine Gefühle zu sehen und zu verstehen, schlummern in dir, und es braucht vielleicht lediglich eine liebevolle Stimme, die dir sagt: »Das, was du fühlst, ist von Bedeutung. Du kannst deinem Gefühl von nun an deine volle Aufmerksamkeit schenken.«
Ich erkenne Gefühle bei anderen
Auch mitzubekommen, was andere fühlen, ist eine Fähigkeit. Allerdings ist nicht jede/r darauf ausgerichtet, manche Menschen erfassen gar nicht, wie es anderen geht. Oder es fehlen die Begriffe, um zu beschreiben, was sie bei anderen spüren. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn wir das nie geübt haben, fast wie bei einer Pflanzenbestimmung. Ob unterwegs im Wald oder gezielt für das Herbarium zu Schulzeiten: Um die Pflanzen ordentlich einsortiert zu bekommen, braucht es ein Bestimmungsbuch, die passende App oder eine Person, die uns erklärt, dass der Sauerampfer eben aussieht wie ein Sauerampfer. Nur so können wir wissen, dass wir es mit dieser Pflanze zu tun haben. Mit unseren Gefühlen funktioniert das genauso. Um die vielen Hinweise im Gesicht, in der Stimme oder der Körperhaltung einer anderen Person richtig einzuordnen, braucht es Gefühlswissen und Anleitung.
Manchmal finden wir auch das andere Extrem: dass Menschen wahnsinnig gut darin sind, wahrzunehmen, was andere fühlen. So, als hätten sie ganz feine Antennen. Sie spüren ganz genau, was andere spüren, als wären es die eigenen Gefühle. Als überschwemmte sie der Ärger oder die Traurigkeit der anderen Person. Madlen (35 Jahre) kennt das sehr gut aus ihrem Berufsalltag als Lehrerin.
Aus dem Leben erzählt
»Ich leide seit über 20 Jahren an Schmerzen im unteren Bauch, die ich auf Endometriose zurückführen kann. Die Schmerzen sind besonders stark, wenn ich meine Regelblutung habe, aber auch sonst gibt es viele Tage, an denen ich das Gefühl habe, kaum stehen zu können. Als Lehrerin ist das sehr schwer. Nicht selten werden die Schmerzen im Unterleib von Kopfschmerzen begleitet, was die Situation noch mehr verschärft. In der Schule sehe ich bei den Kindern sofort, was los ist. Ich brauche nur das Klassenzimmer zu betreten und spüre, wie die Atmosphäre ist. Ich merke das richtig körperlich. Manchmal fühlt es sich an, als würde mich eine dunkle Wolke einhüllen, dann wieder ist es, als ob eine quietschgelbe Welle durch mich hindurch rauscht. Ich kann mich dem schwer erwehren und spüre, dass mich die Stimmung der Kinder, aber auch des Kollegiums im Vorbereitungszimmer, enorm beeinflusst. Neben der Lautstärke in der Schule, für die ich sehr empfänglich bin, sind dadurch eben auch die vielen intensiven Gefühle der anderen eine Herausforderung für mich. Ich merke, gerade am Ende des Tages, dass mir das oft viel zu viel ist.«
Wenn wir in diesem Bereich über viel Feingefühl verfügen, kann das damit zusammenhängen, dass es früher wichtig für uns war, rechtzeitig mitzubekommen, wie die Leute in unserem Umfeld gestimmt waren. Nicht selten entwickeln wir diese Gefühlszauberkraft, weil sie in der Vergangenheit entscheidend für uns war, um einigermaßen sicher durch das Leben zu kommen. Gerade, wenn in der Kindheit Gewalt oder viel Streit eine Rolle gespielt haben, kann die Fähigkeit, die ersten noch so kleinen Warnsignale zu entdecken, von großer Bedeutung gewesen sein. Sich rechtzeitig aus der Schusslinie zu bringen, wenn die Stimme kippt – das bleibt bis in das Erwachsenenalter. Die Fähigkeit dazu ist einerseits ein Geschenk, kann aber auch sehr viel Energie kosten. Insbesondere dann, wenn bisher die Möglichkeit fehlte, die Antennen ab und an auch mal einzufahren.
Ich kann meine Gefühle beeinflussen
Auch die Fähigkeit, den eigenen Gefühlshaushalt in Balance zu halten, gehört zu den wichtigen Gefühlskompetenzen. Sich selbst zu ordnen, wenn wir verärgert, traurig oder in Panik sind, kann herausfordernd sein, vor allem, wenn wir das als Kind nicht gelernt haben. Beim Beeinflussen geht es nicht darum, die Gefühle schnell wieder loszuwerden, sondern genau um das Gegenteil: sie zu verstehen und anzunehmen. Oft ist der Kampf gegen das, was wir fühlen, das, was uns wirklich die Kraft raubt. Gefühle abzulehnen ist fast so, als würden wir dagegen ankämpfen, einen Körper zu haben. Der gehört einfach mit zu uns, und auch die Gefühle gehören zu uns. Sie sind eine Kraft, die gesehen werden will. Häufig steht uns genau der zunächst verständliche Wunsch, die Angst, der Ärger oder eines der anderen Gefühle, wieder »loszuwerden«, am Ende oft im Weg, wenn wir versuchen, zu unserer Mitte zurückzufinden. Aber auch hier gibt es Hoffnung. Die Fähigkeit, Gefühle so zu nehmen, wie sie sind, und ihre Kraft zu lenken, kann entdeckt und geübt werden.
Tatsächlich gehört zum »Beeinflussen« auch die Fähigkeit dazu, bewusst für angenehme Gefühle sorgen zu können. Denk gerne einmal an Menschen, die so bemerkenswert leidenschaftlich und genussvoll sein können. Es fängt beim lustvollen Essen an und hört beim entspannten Faulenzen auf. Sie schätzen, was sie haben, und leben ganz im Moment. Sie sind dankbar für das, was sie gerade erleben: mit allen Sinnen.
Doch gerade diese Fähigkeit können wir unter dem Druck, etwas leisten zu müssen, schnell verlieren. Dieses Phänomen beschreiben viele Menschen in der Schmerztherapie. Das Genießen rückt in den Hintergrund und verkümmert immer mehr. Deshalb lohnt es sich, zu schauen, wie du dir diesen Schatz bewahren oder ihn wiederentdecken kannst.
Ich drücke meine Gefühle aus
Zum Gefühlsmanagement gehört ebenfalls die Fähigkeit, Gefühle auszudrücken. Das, was da in deinem Inneren ist, nach außen zu bringen. Es auszusprechen und zu zeigen, ist ganz wichtig. Menschen, die das können, melden anderen freundlich, aber bestimmt zurück, wenn sie etwas stört oder ärgert. Sie zeigen ihre Tränen, wenn sie traurig sind. Sie sprechen ihre Ängste an und suchen mit anderen nach Lösungen. Gefühlsausdrucksstarke Personen geben dem, was sie im Inneren erleben, eine Form, sodass es für andere und für sie selbst sichtbar wird. Das klingt ganz leicht, und vielen von uns ist in der Theorie absolut klar, wie das geht. Es am Ende umzusetzen, ist allerdings noch einmal eine ganz andere Sache.
Denn wir können uns aus den unterschiedlichsten Gründen gehemmt fühlen. Wir können beispielsweise den Eindruck haben, dass es nichts bringt. Wir können uns hilflos fühlen und Angst haben, nichts zu bewirken. Oder das Gegenteil erleben und befürchten, durch zu große Offenheit etwas kaputt zu machen. Manche nehmen sich mit ihren Gefühlen zurück, in der Hoffnung, dass alles von alleine wieder in Ordnung kommt. Andere haben Sorge, dass das Umfeld unangemessen oder verletzend reagieren könnte. Um uns zu schützen, sagen wir manchmal lieber gar nichts. Oder wir sind ein Gefühls-Papierkorb für unsere Mitmenschen und wollen unserem Gegenüber nicht dasselbe antun. Aus Rücksicht darauf containern wir Probleme und Gefühle lieber tief in uns selbst.
Es gibt also viele Gründe, warum wir dazu neigen, unsere Gefühle vor anderen wegzuschließen. Gleichzeitig zahlen wir dafür einen Preis, und manchmal können die Kosten mit mehr Schmerzen im Körper verbunden sein.
Das Gute ist: Die Fähigkeit, Gefühle zu zeigen, ohne zu verletzen, und auf eine notwendige Veränderung hinzuweisen, kann gelernt und gestärkt werden. Gefühle auszudrücken, ist oft eine Frage der Technik und des Vertrauens.
Leider endet die Leseprobe an dieser Stelle. Das Buch »Krieg der Medien« bietet den Rest des Kapitels und vieles mehr.
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