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Lexikon der Neurowissenschaft: Synergetik

Synergetik w [Adj. synergetisch; von griech. syn- = mit, zusammen, ergon = Werk, Wirken), E synergetics, von H. Haken 1970 eingeführter Begriff für die Lehre vom Zusammenwirken und von der Selbstorganisation. Es handelt sich um ein interdisziplinäres Forschungsgebiet, das sich mit der Aufdeckung weitgehender Analogien und gemeinsamer Wesenszüge völlig verschiedener Wissensgebiete (Thermodynamik, Laserphysik, Biologie, Ökologie, Soziologie usw.) beschäftigt. Es charakterisiert die Tatsache, daß in allen komplizierten Systemen der Zufall eine entscheidende Rolle spielt und überhaupt erst ihre Entwicklung möglich macht. Die Synergetik analysiert und vergleicht das Verhalten ganz unterschiedlicher Systeme, die aus vielen miteinander kooperierenden Untersystemen bestehen, und versucht, die Entstehung und Änderung ihrer verschiedenen Bewegungsformen und Strukturen verständlich und quantitativ erfaßbar zu machen. Dies betrifft besonders das Instabilwerden stationärer Zustände bei der Änderung äußerer Parameter und das Entstehen geordneter Strukturen aus ungeordneten "Phasen". Sie gibt Kriterien für das Auftreten von Instabilitäten bzw. geordneten Strukturen an und zeigt, daß die dazu führenden Mechanismen und die sie beschreibenden Gleichungen auch bei unterschiedlichen Untersystemen weitgehend die gleichen sind. Es handelt sich dabei um irreversible Prozesse, die weit vom Gleichgewichtszustand entfernt sind, und bei denen der Übergang von ungeordneten in geordnete Systeme durch Energiezufuhr erhalten wird. Alle lebenden Organismen sind derartige selbstorganisierende Systeme, die ihren Funktionszustand weit vom Gleichgewichtszustand entfernt erhalten und weiterentwickeln können. So entfalten sich die im genetischen Programm aller Lebewesen enthaltenen Ordnungsprinzipien nicht in deterministischer Weise als geschlossene Systeme, sondern nach den dynamischen Gesetzmäßigkeiten der Selbstorganisation als offene Systeme. Auf diese Weise haben sich im Laufe der Evolution in ständiger Fluktuation innerhalb einer weiten Bandbreite immer kompliziertere Systeme entwickelt, die sich durch Selbstregulation in den wechselnden Umweltbedingungen erhalten ( siehe Zusatzinfo ). Systemtheorie, Chaos, Selbstorganisation.

Lit.: Haken, H.: Erfolgsgeheimnisse der Natur. Synergetik – die Lehre vom Zusammenwirken. Stuttgart 1981. Haken, H.: Synergetik. Berlin 1990. Prigogine, I., Stengers, I.: Dialog mit der Natur. München 1981. Capra, F.: Wendezeit – Bausteine für ein neues Weltbild. München 1988.

Synergetik

Auch der Aufbau und die Verschaltung des neuronalen Netzwerkes im Gehirn vollzieht sich nach den Gesetzmäßigkeiten der Selbstorganisation. Dabei geht etwa die Hälfte der angelegten Nervenzellen zugrunde, weil sie nicht genutzt werden. Hirnstruktur und Hirnfunktion (beim Menschen auch die psychischen Vorgänge) sind Manifestationen derselben Gruppierung von Systemeigenschaften, die durch die Dynamik der Selbstorganisation innerhalb des Organismus und in den wechsenden Beziehungen zwischen Organismus und Umwelt zustandekommen. Auch die gesellschaftlichen Bedingungen, in die das menschliche Individuum hineinwächst, unterliegt in allen sozialen, ökologischen und geistigen Bereichen der variablen Dynamik der Selbstorganisation. Krankwerden und Heilung sind integrale Teile der Selbstorganisation des Organismus innerhalb seiner biotischen und und sozialen Systemstrukturen (V. von Weizsäcker). Dieses neue Paradigma der Synergetik erschließt somit eine Wissenschaft menschlicher Erfahrung und menschlichen Verhaltens, die den Organismus als ein dynamisches System voneinander abhängiger biotischer und psychischer Strukturen wahrnimmt, das seinerseits in aufeinander einwirkende größere Systeme physischer, sozialer und kultureller Dimensionen eingebettet ist.

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