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Metzler Lexikon Philosophie: Nachahmung

(psychologisch; Mimesis). Mit dem Begriff der N. wird die willkürliche oder unwillkürliche Reproduktion von Verhaltensweisen eines Modells seitens eines Beobachters angesprochen. Während die Psychologie zu Beginn dieses Jahrhunderts von der angeborenen Tendenz zur N. ausging, verstehen moderne psychologische Theorien dieses Phänomen als Resultat eines Lernprozesses. Als Mitbegründer dieses Ansatzes kann J. Piaget gelten, der 1945 eine eigene Konzeption vorlegte, die nachahmendes Verhalten als Ergebnis der aktiven Auseinandersetzung des Individuums mit den Gegebenheiten seiner Umwelt interpretiert. Im Unterschied zu anderen Ansätzen (z.B. demjenigen Banduras) grenzt Piaget die Gegenstände der N. nicht auf soziale Phänomene, also das Verhalten von Personen, ein, sondern versteht jede Reproduktion der Eigenschaften von Umweltgegebenheiten als Ausdruck nachahmenden Tuns. Seinem Ansatz entsprechend versucht Piaget die N. als Element eines umfassenderen Konzeptes der Intelligenzentwicklung auszuweisen. N. ist demnach als Manifestation eines spezifischen Ungleichgewichtes zu begreifen, bei dem, im Gegensatz zum Spiel, die Akkommodation gegenüber der assimilierenden Verhaltenskomponente dominiert. So verändern die modellierten Objekte die Handlungsschemata des Subjektes, ohne dass diese Modelle selbst zum Gegenstand der intentionalen Aktivität des Subjektes gemacht werden. Obwohl das Subjekt sich in seiner N. nicht rein rezeptiv verhält, wird es durch die Dominanz der Akkommodation zum Spiegel seiner Umwelt bzw. Umwelterfahrung. Trotz dieses Sachverhaltes ist N. nicht allein als Resultat von Akkommodation zu verstehen. Für Piaget ist Ausmaß und Intensität von der Fähigkeit des Individuums abhängig, das modellierte Verhalten aufzunehmen und zu verarbeiten. Daher kann er die N. auch nur als einen Teilaspekt der Intelligenzentwicklung verstehen. Insofern man unter dem Begriff »Lernen« den Erwerb von neuen Kompetenzen überhaupt versteht, ist für Piaget so die Nachahmungsaktivität nur ein Teilaspekt des gesamten Lernprozesses. Im Unterschied dazu geht A. Bandura in seiner Theorie des sozialen Lernens von der grundlegenden Bedeutung der N. bei dem Erwerb neuer und v.a. sozialer Verhaltenskompetenzen aus. Während Piaget aber primär an der deskriptiven Erfassung der Entwicklung der Nachahmungsfähigkeit interessiert ist, bemüht sich Bandura die Bedingungen der Nachahmungsaktivität (z.B. das soziale Prestige des Modells), die er als »Moderatorvariablen« bezeichnet, zu erforschen. Darüber hinaus ist Bandura trotz seiner Betonung der Bedeutung kognitiver Faktoren für das Modellernen von der amerikanischen Lernpsychologie beeinflusst: Die Kognition ist keine unabhängige Bezugsgröße, sondern durch die soziale Erfahrung des Individuums vermittelt. Ferner nimmt die Umwelt durch Verstärkungswirkung auf die Realisierung der durch N. gelernten Verhaltensweisen Einfluss.

Literatur:

  • A. Bandura: Lernen am Modell. Stuttgart 1976
  • J. Piaget: Nachahmung, Spiel und Traum. Stuttgart 1990.

CZ

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Herausgegeben von Peter Prechtl (†) und Franz-Peter Burkard.

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