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Untergang von Antiochia: Gottes Zorn am Himmelfahrtstag

Vor 1500 Jahren zerstörte ein Erdbeben die Metropole Antiochia am Orontes, wo Anhänger Jesu einst erstmals »Christen« genannt worden waren. Der Chronist Johannes Malalas hielt fest, was er wohl selbst hautnah erlebte.
Drei Personen in Schutzkleidung und Helmen arbeiten an der Restaurierung eines großen, antiken Mosaiks mit geometrischen Mustern. Sie sind auf einem archäologischen Ausgrabungsort beschäftigt und verwenden Werkzeuge zur Reinigung und Konservierung der Mosaiksteine. Die Szene zeigt die Detailarbeit, die in die Erhaltung historischer Kunstwerke investiert wird.
In Antiochia, dem modernen Antakya, fanden Archäologen das größte zusammenhängende Mosaik aus römischer Zeit. Es trägt deutlich die Spuren eines Erdbebens – vermutlich jenes, das die Stadt vor 1500 Jahren vollkommen vernichtete.

»Es war das große Fest Christi, unseres Gottes, Christi Himmelfahrt, und viele Fremde aus dem Ausland hielten sich in der Stadt auf.« So beginnt die Geschichte vom Untergang Antiochias. An diesem Tag Ende Mai 526, so der Chronist Johannes Malalas, brach der »göttliche Zorn« über die spätantike Stadt am Orontes im Südosten der heutigen Türkei herein. Aus der Sicht jener Zeit wohl nicht unerwartet, denn »es herrschte große Furcht vor Gottes Kommen«.

Antiochia, das heutige Antakya, liegt in einer tektonisch notorisch aktiven Region. Mehrere Kontinentalplatten reiben hier aneinander. Spannungen bauen sich auf, die sich regelmäßig entladen, und verwüsten, was nicht erdbebensicher ist. Entlang der Ostanatolischen Störungszone etwa, einer über 700 Kilometer langen und geologisch komplexen Verwerfung, werden relative Bewegungen von bis zu einem Zentimeter pro Jahr gemessen.

Dabei kam es über geologische Zeiträume hinweg auch zu eindrucksvollen vertikalen Bewegungen. So berichtet ein Team um Ufuk Tarı von der Technischen Universität Istanbul von Sedimenten, die sich einst im Meer bildeten, heute aber rund 180 Meter über dem Meeresspiegel zu finden sind. Berechnungen auf der Basis geophysikalischer Daten durch ein Team um Sezim Ezgi Güvercin, ebenfalls von der Technischen Universität Istanbul, ergaben, dass der Südosten der Türkei – statistisch gesehen – alle 150 Jahre von einem Erdbeben der Magnitude 6,7 bis 7,0 heimgesucht wird.

Das entspricht in seiner Größenordnung jenen drei Erdstößen, die Antakya das letzte Mal zerstörten: Sie hatten eine Magnitude von 6,7 bis 7,8. Die Bilder der Stadt, die am 6. Februar 2023 beinahe vollständig in Schutt und Asche gelegt wurde, gingen um die Welt. Es war zu plötzlichen Verschiebungen von mehreren Metern gekommen, die in der Großstadt mit fast 400 000 Einwohnern mehrere Tausend Häuser unmittelbar zum Einsturz brachten und zahllose weitere irreparabel beschädigten. In der betroffenen Region, die bis in den Norden Syriens reichte, waren mehr als 60 000 Todesopfer zu beklagen. Das Beben von 2023 gehört damit zu den weltweit folgenschwersten der vergangenen Jahrzehnte und markiert den vorerst jüngsten Untergang der Stadt, die einmal zu den wichtigsten der Antike gehörte.

Weltstadt der Makedonen und Römer

Gegründet wurde Antiochia am Orontes um 300 v. Chr. von Seleukos I. Nikator, einem der Generäle Alexander des Großen. Der Fluss Orontes im Westen und die Berge Silpius und Staurin im Osten boten natürlichen Schutz für die Hauptstadt des neuen Seleukidenreichs. Ihre Stadtmauern zogen sich über die Bergrücken, wo Silpius thronte eine schwer einnehmbare Zitadelle. Antiochia war strategisch günstig gelegen, gehörte zu den am besten befestigten Metropolen der antiken Welt – und war neben Rom, Alexandria und Konstantinopel eine der vier mächtigsten. Nur rund 20 Kilometer vom Mittelmeer entfernt, entwickelte sich die Stadt zum wirtschaftlichen Knotenpunkt zwischen Zentralasien, Persien und dem Mittelmeerraum.

Ihre größte Blütezeit erlebte sie nach der Eingliederung in das Römische Reich im Jahr 64 v. Chr. Die Zahl der Einwohner Antiochias kletterte unaufhörlich. In dieser Zeit entstanden prächtige Kolonnadenstraßen, Thermen und Villen mit aufwendigen Mosaiken. Eine besondere religiöse Bedeutung erhielt die Stadt im 1. Jahrhundert n. Chr.: Hier wirkte unter anderem der bedeutende Missionar des Urchristentums Paulus von Tarsus; laut der Apostelgeschichte im Neuen Testament wurden die Anhänger Jesu just hier erstmals überhaupt »Christen« genannt. In der Folge entwickelte sich Antiochia auch zu einem der wichtigsten Zentren des frühen Christentums.

Ansicht von 1860 |

Im 19. Jahrhundert bot Antakya aus der Ferne noch einen ähnlichen Anblick wie in der Antike: eingezwängt zwischen dem Orontes im Vordergrund und den steil aufragenden Bergen im Rücken der Stadt. Einst zogen sich die Befestigungsanlagen bis auf den Kamm der Berge hinauf.

Leben in ständiger Angst

Und immer wieder wurde Antiochia Opfer tektonischer Gewalt. Die Geowissenschaftler Oğuz Erol von der Universität Istanbul und Paolo Antonio Pirazzoli vom französischen Centre national de la recherche scientifique berichten, dass das früheste Erdbeben die Region schon vor 2500 Jahren heimsuchte und mit relativen Bewegungen von rund 1,7 Metern vermutlich katastrophale Folgen hatte. Da erscheint ein makedonisches Mosaik aus jener Zeit heute wie ein Vorgriff auf die späteren römischen Memento mori, jene Mahnungen an die eigene Sterblichkeit: In entspannter Pose, Brot und Wein zugetan, rät ein Skelett dem Betrachter zur »Heiterkeit«. Für manch erdbebenerfahrenen Bürger der Stadt mag das eine makabre Weisung gewesen sein.

Es gab in den Jahrhunderten danach viele weitere Beben, doch keines dürfte so folgenschwer gewesen sein wie jenes vom Himmelfahrtstag 526. Laut Erol und Pirazzoli zeugen die geologischen Schichten davon, dass ein vom Beben ausgelöster Tsunami Teile der Küstenregion verwüstete. Und dass sich Antiochias Hafen – Seleukeia Pieria – in diesen Tagen um bis zu 80 Zentimeter hob. Mit der Folge, dass er rasch versandete und unbrauchbar wurde.

Das »Rom des Ostens« zählte wohl einige Hunderttausend Einwohner, als an dem verhängnisvollen Tag »die Erdoberfläche brodelte, die Fundamente donnerten und die Menschen vom Beben taub und vom Feuer verbrannt wurden«. Tatsächlich waren es die vermutlich tagelang wütenden Feuer, die die größten Zerstörungen anrichteten. »Es war ein furchtbares und seltsames Schauspiel: ein tosender Feuersturm, ein Sturm aus furchtbaren Öfen, eine Flamme, die wie Regen herabströmte, und Regen, der Feuer wie Flammen entfachte, und es verschlang die noch schreienden Überlebenden. Antiochia war unbewohnbar. Denn nichts blieb übrig, außer einigen Häusern in der Nähe am Berg. Kein einziges heiliges Gebetshaus, Kloster oder sonstiger heiliger Ort blieb unversehrt. Alles war vollständig vernichtet worden.« Der erschreckend anschauliche Bericht des Chronisten Malalas erinnert an den von Plinius dem Jüngeren über den apokalyptischen Untergang Pompejis, das knapp 500 Jahre zuvor, im Jahr 79 n. Chr., in den Glutwolken des Vesuvs versunken war.

Malalas’ Weltchronik

Über den Chronisten von Antiochias Niedergang ist nicht viel bekannt. Johannes Malalas wurde vermutlich gegen Ende des 5. Jahrhunderts in Antiochia geboren. Sein Werk lässt darauf schließen, dass er ein gebildeter Mann war; Forschende vermuten, dass Malalas als Rechtsgelehrter im Dienst der Patriarchen oder in der Provinzialverwaltung tätig war. Dafür spricht auch sein Name: »Malalas« bedeutet im Syrischen so viel wie »redegewandt, eloquent«.

Mosaik aus makedonischer Zeit |

»Euphrosynos«, der Heitere, rät zur Gelassenheit angesichts der eigenen Endlichkeit. In der von häufigen Erdbeben geprägten Stadt womöglich kein schlechter Rat.

Die Schilderung des Bebens entstammt seinem Hauptwerk, der »Chronographia«. Darin schlägt er den Bogen von der Schöpfung bis in seine eigene Gegenwart im 6. Jahrhundert. Seine Weltchronik verfasste er vermutlich in mehreren Etappen: frühe Teile wohl noch in Antiochia, spätere Überarbeitungen wahrscheinlich in Konstantinopel, wohin Malalas möglicherweise nach der Zerstörung seiner Heimat im Jahr 526 übergesiedelt war.

Auffällig ist sein eher schlichter Schreibstil, der darauf schließen lassen könnte, dass er sich mit seinem Werk an eine breitere Leserschaft richtete. Dabei verband er in seinen Erzählungen biblische Geschichten, griechisch-römische Mythologie und zeitgenössische Ereignisse. So schildert er das Erdbeben als göttliche Antwort auf die Sünden der Menschen: »Einige der überlebenden Bürger, falls sie in irgendeiner Weise schwach waren, wurden beraubt und zur Flucht gezwungen. Bauern empfingen sie, plünderten sie aus und ermordeten sie«, beschrieb er das Chaos und fuhr fort: »Darin offenbarte sich Gottes Barmherzigkeit. Diejenigen, die ausgeraubt wurden und eines gewaltsamen Todes starben, und diejenigen mit brandigen Wunden, geblendeten Augen oder abgetrennten Gliedmaßen bekannten ihre Sünden und gaben ihren Geist auf.«

Die Barmherzigkeit bestand demnach darin, dass Gott den Opfern der Katastrophe noch ausreichend Gelegenheit zur Reue gab.

Andere bekamen seine Strafen dagegen unmittelbar zu spüren, etwa ein gewisser Thomas, »ein plündernder Mann, der dem Erdbeben entkam und sich drei Meilen außerhalb der Stadt am Tor des Heiligen Julianus niederließ; seine Diener hatten den Flüchtlingen alles weggenommen, vier Tage lang. Wie von einer Sünde befleckt, obwohl er gesund war, starb er plötzlich. Alle priesen Gott.«

Wer hingegen frei war von Sünde, den führte Gott sicher aus der Feuerhölle. Malalas: »Schwangere Frauen, die 20 oder 30 Tage lang begraben waren, kamen gesund wieder heraus, und viele gebaren unter der Erde und kamen mit ihren unversehrten Säuglingen wieder heraus und überlebten zusammen mit ihren Kindern. Auch andere Kinder wurden nach 30 Tagen gerettet.«

Zeitzeugnis oder Trivialliteratur?

Auch aufgrund seines erzählerischen Schreibstils haben Forschende dem Autor lange wenig getraut, sein Werk gar als Trivialliteratur verunglimpft. Mittlerweile hat sich das geändert. So bezweifelt der Historiker Johann Martin Thesz von der Universität Würzburg, dass die »einfache« Schreibe Malalas’ auf eine Zielgruppe jenseits der gebildeten Elite schließen lässt. Seine Forschungen antiker Chroniken offenbaren vielmehr, dass es auch innerhalb der Eliten »offenbar eine erhebliche Stratifizierung der Bildungsvoraussetzungen« gab. »Viele Angehörige dieser Eliten verfügten offenbar nicht über die Art von Bildung, die sie in den Augen der klassisch Gebildeten als genuin hätte erscheinen lassen.« Diese erreichte Malalas, indem er sich am gesprochenen Griechisch orientierte.

Der Tübinger Philologe Mischa Meier, Herausgeber der Schriftenreihe »Malalas-Studien«, hingegen würdigt die »zahlreichen Einblicke in kultur- und mentalitätengeschichtlich relevante Aspekte« im Werk Malalas’, die andere nicht böten. So sei die Weltchronik ein wichtiges Zeugnis der »Entstehung und Entfaltung christlicher Geschichtsschreibung sowie allgemein der christlichen Memoriakultur in der Spätantike«.

Nach dem Erdbeben vom Februar 2023 |

Das Beben von 2023 machte große Teile Antakyas unbewohnbar. Es gehört zu den weltweit folgenschwersten Erschütterungen der vergangenen Jahrzehnte und kostete rund 60 000 Menschen das Leben.

Vor allem für das 5. und 6. Jahrhundert stellt die »Chronographia« somit eine wichtige Primärquelle dar, wenngleich Malalas das (vermutlich) selbst erlebte Erdbeben ins Legendenhafte überdrehte: »Am dritten Tag nach dem Einsturz erschien das Heilige Kreuz in einer Wolke am Himmel über dem nördlichen Teil der Stadt. Alle, die es sahen, verharrten eine Stunde lang weinend und betend.« Am Ende, so Malalas, kamen »bis zu 250 000 Menschen in diesem Schrecken ums Leben«. Eine Zahl, die sich heute nicht mehr bestätigen lässt, laut Historikerinnen und Historikern aber durchaus das katastrophale Ausmaß des Bebens illustriert, das den Anfang vom raschen Ende der prunkvollen Stadt besiegelte.

Nur wenige Jahre später erschütterte ein weiteres schweres Beben die Region. 540 schließlich überrannten die Perser das römische Antiochia. Der Sassanidenkönig Chosrau I. zerstörte die Stadt und deportierte die meisten Bewohner nach Mesopotamien. Der römische Kaiser Justinian I. ließ Teile von Antiochia am Orontes zwar wieder aufbauen – und zwar mit dem Beinamen Theoupolis: Stadt Gottes –, doch das kulturelle Leben kam nie wieder in Gang. In den kommenden Jahrzehnten stand die Stadt mal unter persischer, mal unter römischer Herrschaft – bis sie 638 im Rahmen der islamischen Expansion an die Araber fiel und ihre alte Bedeutung vollends verlor.

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  • Quellen

Erol, O., Pirazzoli, P., International Journal of Nautical Archaeology 10.1111/j.1095–9270.1992.tb00379.x, 1992

Güvercin, S. et al., Geophysical Journal International 10.1093/gji/ggac045, 2022

Meier, M. et al., Die Weltchronik des Johannes Malalas, Autor – Werk – Überlieferung, 2016

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