Artemis-2-Mission: »Das ist der Weg zu einer dauerhaften Präsenz auf dem Mond«

Frau Pagels-Kerp, Sie haben den Start der Artemis-2-Mission im Livestream verfolgt – was ging Ihnen in dem Moment durch den Kopf, als die Triebwerke zündeten und die vierköpfige Crew in Richtung Weltall aufbrach?
Mein erster Gedanke war: Hoffentlich klappt alles! Ich bin zu jung, als dass ich die Apollo-Mondlandungen hätte mitbekommen können, aber alt genug, um mich an das Challenger-Unglück zu erinnern. Damals ist eine US-Raumfähre samt Crew nur 73 Sekunden nach dem Start vom Kennedy Space Center explodiert. Ich habe den Livestream zum Start von Artemis 2 gemeinsam mit etwa 50 Kolleginnen und Kollegen im Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin an unserem Kölner Standort geschaut und definitiv einen Augenblick später applaudiert als andere. Ich habe erst aufgeatmet, als das Haupttriebwerk ausgebrannt war. Zuvor hätte man aber eine Stecknadel fallen hören können – so leise habe ich meine Kolleginnen und Kollegen noch nie erlebt. Das war schon ein Gänsehaut-Moment.
Viele sprechen von einem »neuen Apollo-Moment«: Welche historische Bedeutung hat dieser Flug für Sie persönlich und für die Raumfahrt insgesamt im Vergleich zum Apollo-Programm?
Es ist zunächst einmal ein Flug, der vier Menschen weiter von der Erde wegbringt, als jemals ein Mensch zuvor gewesen ist. Das ist schon ein großer Schritt. Ich tue mich aber schwer, das als historisch zu bezeichnen. Das Risiko ist im Vergleich zu den Apollo-Missionen insgesamt überschaubar. Aber es ist schon auch klar, dass es nicht mehr nur darum geht, ein paar Gesteinsproben vom Mond zu holen. Das hier ist der Weg dahin, eine dauerhafte Präsenz auf dem Mond aufzubauen.
Vor einer dauerhaften Präsenz steht zunächst eine erneute Mondlandung. Der Zeitplan des Artemis-Programms hat sich inzwischen so sehr verzögert, dass das für frühestens 2028 vorgesehen ist, möglicherweise wird es noch später. China möchte auf jeden Fall vor dem Jahr 2030 auf dem Mond landen. Ist das Ihrer Meinung nach zu schaffen?
Ja, ich traue es China zu, das bis 2030 hinzubekommen. Den aktuellen Zeitplan für das Artemis-Programm halte ich für sehr ambitioniert. Ich fände es allerdings schade, hier über einen Wettlauf zu sprechen. Es gibt genug wissenschaftliche Herausforderungen für alle auf dem Weg dahin.
Welche Rolle spielt die internationale Zusammenarbeit im Artemis-Programm – und wie verändert sie die Dynamik der Raumfahrt?
Europa leistet einen sehr entscheidenden Beitrag: Das Servicemodul, das für den Antrieb der Orion-Kapsel, für die Klimatisierung und für die Versorgung der Astronauten mit Strom, Wasser und Atemluft sorgt, kommt aus Europa, genauer gesagt aus Bremen. Andere Komponenten stammen von der japanischen und der kanadischen Weltraumagentur. Das zeigt, dass weder die USA noch Europa oder andere westliche Nationen ein solches Programm derzeit allein stemmen könnten. Ich sage das deshalb so pointiert, weil China dazu aus meiner Sicht durchaus in der Lage ist. Die Chinesen arbeiten da auch ganz konkret dran.
Ist es realistisch, dass ein deutscher Astronaut bald in einer der nächsten Missionen zum Mond mitfliegen wird?
Wenn wir das »bald« auf den Anfang der 2030er Jahre datieren, dann halte ich das für sehr realistisch. Neben unseren beiden aktiven Astronauten, Matthias Maurer und Alexander Gerst, haben wir derzeit auch zwei tolle Reserve-Astronautinnen, Amelie Schoenenwald und Nicola Winter. Denen traue ich definitiv zu, bei so einer Mission mitzufliegen. Ich würde es ihnen auf jeden Fall wünschen, dass ihr Traum in Erfüllung geht.
»Viel wichtiger aber ist doch, dass mit solchen Projekten eine neue Generation für die Raumfahrt begeistert wird«
Das Artemis-Programm ist technisch extrem ambitioniert und zugleich teuer. Kritiker sprechen von einem politisch getriebenen Prestigeprojekt – wie begegnen Sie diesem Vorwurf?
Der Vorwurf trifft ja weniger mich oder das DLR, sondern die NASA beziehungsweise die USA. Die USA haben eine starke private Raumfahrtindustrie und wollen natürlich auch zeigen, was sie können. Ich habe extrem hohen Respekt vor der Wiederverwendbarkeit aller Raketenbestandteile und insbesondere vor diesem Wiedereinfangen der Erststufe beim Starship. Das ist brillant. Was die Kosten angeht … Ein ehemaliger Apollo-Astronaut soll mal gesagt haben: Das einzige Geld, das auf dem Mond geblieben ist, sind der Rover und die Landefähre – alles andere haben wir wieder mit zurückgebracht. Viel wichtiger aber ist doch, dass mit solchen Projekten eine neue Generation für die Raumfahrt begeistert wird. Die Technologieentwicklung, die da stattfindet, ist ein riesiger Innovationstreiber, wovon letztlich die gesamte Gesellschaft profitiert.
Inwiefern profitiert die Gesellschaft denn von einem Flug zum Mond?
Es ist unverzichtbar für die Menschheit, sich mit Raumfahrt zu beschäftigen. Denn Raumfahrt ist ja nicht nur das Artemis-Programm. Es geht da auch um Wetter- und Erdbeobachtungssatelliten, und um die Zeitsignale auf den GPS- und Galileo-Systemen. Als Gesellschaft sind wir auf viele Raumfahrtanwendungen angewiesen und haben uns auch daran gewöhnt, dass sie zuverlässig funktionieren.
Wie erklären Sie sich, dass bei Weitem nicht so viele Menschen den NASA-Livestream angeschaut haben, wie vor knapp 60 Jahren bei der Mondlandung vor den Fernsehbildschirmen saßen?
Wir sind ja noch nicht wieder auf dem Mond gelandet. Dass da jetzt vier Menschen eine Runde um den Mond drehen, ist für viele Menschen vermutlich einfach nicht so spannend. Wir betreten hier kein technologisches Neuland in der Form, wie es zu Apollo-Zeiten der Fall war. Und es kommt aus meiner Sicht hinzu, dass die natürlich vorhandene Neugier von Kindern heute in der Schule nicht mehr so gefördert wird. Statt den Entdeckerdrang zu wecken und zu erhalten, werden nur noch Formeln gepaukt. Da fehlt zunehmend die Anschauung. Das finde ich schade.
»Die Trainingsprogramme, die die Astronauten im All durchführen, finden bereits jetzt in der Geriatrie Anwendung, um ältere Menschen lange beweglich und geistig fit zu erhalten«
Welche technologischen Entwicklungen aus dem Artemis-Programm könnten langfristig auch auf der Erde Anwendung finden?
Das Artemis-Programm selbst ist jetzt noch zu jung, als dass ich sagen könnte, da findet schon dieses oder jenes Anwendung auf der Erde. Aber bei der Artemis-1-Mission waren zwei weibliche Messphantome vom DLR an Bord der Orion-Kapsel, die mit tausenden Strahlungssensoren ausgestattet waren. Solche Messungen lassen sich nutzen, um die Strahlenexposition in bestimmten Gewebetypen bei der Krebstherapie besser vorherzusagen und die Dosis zu minimieren. Die Astronauten unterliegen in der Schwerelosigkeit einer rapiden vorzeitigen Alterung. Sie bauen Muskeln ab, der Augendruck steigt, die Knochendichte schwindet. Das ist in den allermeisten Fällen reversibel. Aber die Trainingsprogramme, die sie im All durchführen, finden bereits jetzt in der Geriatrie Anwendung, um ältere Menschen lange beweglich und geistig fit zu erhalten. Künftig ist es auch denkbar, künstliche Organe in der Schwerelosigkeit zu drucken. Das Herz beispielsweise ist ein Hohlkörper, das würde auf der Erde in sich zusammenfallen – da liegt also noch viel Potenzial in der Zukunft.
Welche Rolle spielt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in diesem Kontext – und worauf sind Sie besonders stolz?
Ich bin stolz darauf, dass die Strahlungssensoren wieder mit an Bord sind. Das zeigt, dass wir beim ersten Mal gute Arbeit geleistet haben. Dann ist noch ein Kleinsatellit der Berliner Firma Neurospace namens ›Tacheles‹ mit dabei. Zudem war die Deutsche Raumfahrtagentur im DLR an der Finanzierung des Servicemoduls beteiligt. Wir haben also keinen ganz kleinen Beitrag geleistet.
Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse erhoffen Sie sich konkret von den kommenden Artemis-Missionen?
Ich erhoffe mir vor allem, dass sich herausstellt, dass die Technik so funktioniert, wie sie funktionieren soll. Es gab ja direkt zu Beginn Probleme mit der Toilette. So etwas kann eine Mission sehr schnell sehr unangenehm machen. Es geht hier vor allem um ingenieurswissenschaftliche Leistungen. Alles muss gut ineinandergreifen – es darf keinen einzigen ›single point of failure‹ geben. Und auch die Lebenserhaltungssysteme wurden noch nie zuvor in Aktion getestet. Bei der Artemis-1-Mission waren ja nur die Messphantome an Bord.
Der wissenschaftliche Nutzen von astronautischen Mondmissionen wird gelegentlich hinterfragt – vieles ließe sich günstiger robotisch erledigen. Was ist der konkrete Mehrwert, Menschen zum Mond zu schicken?
Ich finde robotische Mondmissionen prima – die sind deutlich risikoärmer. Zudem können Roboter viele Aufgaben gut oder sogar besser als Menschen erledigen. Das eigentliche Erforschen mit allen Sinnen, können Menschen aber immer noch deutlich effizienter und zielgerichteter. Ein Geologe erkennt sofort, welches Gestein besonders interessant ist. Ich will damit sagen: Roboter können toll assistieren, aber es ist dann doch etwas anderes, wenn Menschen sich den Mond vor Ort mit eigenen Augen anschauen.
Der Mond wird oft als »Sprungbrett zum Mars« bezeichnet. Wie realistisch ist diese Perspektive aus heutiger Sicht?
Wenn Sie die Zeitspanne nicht näher beziffern, könnte das irgendwann einmal der Fall sein, wenn wir die beiden schwerwiegendsten Herausforderungen meistern, die es dabei derzeit gibt: die nicht vorhandene Schwerkraft und die enorme Strahlung im All. So lange wir uns in der derzeitigen Geschwindigkeit im All fortbewegen mit den Schutzschilden, die wir aktuell zur Verfügung haben, sehe ich nicht, dass wir in den nächsten 50 Jahren auf dem Mars landen. Jedenfalls nicht als gesunde Menschen.
Wenn Sie auf den nächsten großen Meilenstein blicken: Was könnte bei Artemis 3 besonders spannend werden?
Es geht da vor allem um die Dockingmanöver: die Kopplung des Orion-Raumschiffs mit Mondlandefähren. Mit der Kapsel allein kann man nicht auf dem Mond landen und abheben. Der Fokus liegt also auf der Erprobung der Systeme für zukünftige Landungen. Kritisch ist zum Beispiel das Betanken des Raumschiffs im Mondorbit. Ursprünglich sollten mit diesem Flug Astronauten zum Mond gebracht werden und dort landen. Nach neuerer Planung soll Artemis 3 aber nur in eine Erdumlaufbahn führen.
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