Wissenschaftliche Artnamen: Streit um Hitler-Käfer und Mussolini-Falter

Der Schriftsteller Otfried Preußler (1923–2013) hat mit seinen Büchern zahllose Kinderleben bereichert – zu den bekanntesten zählen »Die kleine Hexe«, »Der Räuber Hotzenplotz« und »Krabat«. Kein Wunder, dass in Deutschland mehrere Grundschulen nach ihm benannt sind. Doch eine davon, im Landkreis München gelegen, hat ihren Namenspatron kürzlich aufgegeben. Seit 2025 nennt sie sich wieder Staatliche Grundschule Pullach. Der Grund: Weil Preußler sich in seiner Jugend für den Nationalsozialismus begeisterte – einschließlich Karriere in der Hitlerjugend und NSDAP-Mitgliedschaft – und dies später nicht aufarbeitete, sei er kein positives Rollenvorbild mehr.
Nicht nur die Literatur muss sich mit solchen Konflikten befassen, auch die Naturwissenschaften sind betroffen. Denn viele Tier- und Pflanzenarten sind nach Menschen benannt, deren Lebenslauf, Verhalten und Äußerungen aus heutiger Sicht ethisch fragwürdig sind. Fachleute diskutieren deshalb schon seit Jahren, ob es in derartigen Fällen sinnvoll und möglich ist, die entsprechenden Spezies umzubenennen.
Wenig überraschend ist das ein höchst polarisierendes Thema mit stark voneinander abweichenden Meinungen. Doch eines steht fest: Umbenennungen von Arten, Gattungen und anderen taxonomischen Stufen gestalten sich deutlich schwieriger als die von Schulen oder Straßen. Denn wissenschaftliche Namen müssen strengen Anforderungen genügen. Sie bilden die Grundlage für eine verständliche, eindeutige und nachprüfbare Kommunikation über sämtliche Landes- und Sprachgrenzen hinweg. Deshalb gibt es für die Namensgebung in der sogenannten Taxonomie (dem wissenschaftlichen Verfahren, Lebewesen zu klassifizieren) feste Regelwerke, die »International Codes of Nomenclature«. Sie unterscheiden sich von Fachgebiet zu Fachgebiet – in der Botanik und Algenforschung gelten beispielsweise andere Vorschriften als in der Mikrobiologie oder Zoologie.
Warum manche Artnamen für Streit sorgen
Unbenommen dieser Regelwerke ist es quer durch alle Fachgebiete beliebt, neu entdeckte Arten oder Gattungen nach einer Person zu benennen, etwa nach renommierten Kolleginnen oder Kollegen, Geldgebern oder allgemein bekannten Persönlichkeiten. So erinnert der Name des Krebstiers Leucothoe eltoni mit seinen ausgeprägten Kieferfüßen (Gnathopoden) an Elton Johns Plateauschuhe. Und die Trump-Motte Neopalpa donaldtrumpi hat eine gelblich weißliche Kopfbeschuppung, die der Frisur des derzeitigen amerikanischen Präsidenten ähnelt.
Die Schmetterlingsart Neopalpa donaldtrumpi aus der Familie der Palpenmotten hat eine gelblich weißliche Kopfbeschuppung, die der Frisur des derzeitigen amerikanischen Präsidenten ähnelt.
Für wachsenden Unmut sorgen vor allem Artbezeichnungen wie die des Käfers Anophthalmus hitleri, der in Slowenien vorkommt. Solche Fälle lassen in letzter Zeit den Ruf laut werden, Eponyme – so lautet der Begriff für wissenschaftliche Artnamen, die auf Eigennamen zurückgehen – ganz aus der Taxonomie zu verbannen. Dieses Bestreben hängt mit einer größeren gesellschaftlichen Strömung zusammen, die durch Begriffe wie »Wokeness« charakterisiert ist. »Woke« (englisch für wachsam) bezeichnet eine wache, aufmerksame Geisteshaltung. Im politischen Kontext ist mit »Wokeness« ein Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit, Inklusion und die Ablehnung jeglicher Diskriminierung gemeint. Es hat unter anderem zur Vermeidung mancher Begriffe geführt, die früher unbefangen benutzt wurden, aber abwertend wirken können – beispielsweise Bezeichnungen für Schokoküsse oder ein Schnitzel mit Paprikasoße. Zunehmend häufig sind in den zurückliegenden Jahren auch Straßen und öffentliche Einrichtungen umbenannt worden, wenn sich herausgestellt hatte, dass die Namenspaten rassistische Haltungen vertreten oder anderweitig ethisch fragwürdig gehandelt hatten. Ginge es nach manchen Fachleuten, soll es zumindest einigen Eponymen nun ähnlich ergehen.
Die Forschungsgruppe kritisiert, viele Artbezeichnungen gingen auf weiße Männer zurück, die mittels wissenschaftlicher Namensgebung andere weiße Männer gewürdigt hätten
Die wohl am weitesten gehende Forderung kam von einer internationalen, aus elf Forscherinnen und Forschern zusammengesetzten Gruppe im März 2023. Das Team um die Biologin Patrícia Guedes von der Universität Porto in Portugal kritisierte, ein Großteil aller Eponyme gehe auf weiße Männer zurück, die mittels wissenschaftlicher Namensgebung andere weiße Männer gewürdigt hätten. Die daraus entstandenen Artbezeichnungen spiegelten häufig den Kolonialismus und Imperialismus einer Zeit wider, in der sich europäische und nordamerikanische Forscher aufmachten, die Natur in den südlichen Kolonien zu untersuchen – dabei oft wenig rücksichts- und respektvoll gegenüber den Indigenen. Das Team sieht in dieser historischen Praxis eine Benachteiligung von Frauen sowie der indigenen Bevölkerungen des Globalen Südens.
»Ethisch nicht begründbar und nicht akzeptabel«
Besonders fragwürdig scheinen Eponyme, die sich auf Diktatoren oder andere problematische Personen beziehen, etwa auf Adolf Hitler und Benito Mussolini – verewigt in den Artnamen Anophthalmus hitleri, Rochlingia hitleri und Hypopta mussolinii. Doch Guedes und ihre Gruppe wollen nicht nur solche, sondern sämtliche Arten mit Eponymen umbenennen. »Die Biodiversität der Erde ist Teil des globalen Erbes und sollte nicht durch die Assoziation mit einem einzelnen menschlichen Individuum trivialisiert werden, einerlei, was sein wahrgenommener Wert ist«, schrieben die Autorinnen und Autoren im Fachjournal »Nature Ecology & Evolution«. Damit haben sie offensichtlich in ein Wespennest gestochen: Bereits im Januar 2024 gab die Homepage des Journals mehr als 7200 Zugriffe auf den Fachartikel und 20 offizielle Zitierungen an. Auf der Online-Plattform »ResearchGate« hatten sich fast 50 000 Nutzerinnen und Nutzer die Zusammenfassung angeschaut, und die ebenfalls dort geführte Diskussion listete 436 Kommentare, von denen nicht alle sachlich blieben. »Persönlich bin ich sehr überrascht von den Emotionen, die unser Artikel ausgelöst hat«, meinte dazu der Zoologe Richard Ladle von der Universität Alagoas in Brasilien, einer der Autoren.
Unterstützung bekam er von Theodor Cole, Biologe und Gastwissenschaftler an der Freien Universität Berlin sowie Autor eines Wörterbuchs der Tiernamen in Latein-Englisch-Deutsch. Auf ResearchGate forderte der US-Amerikaner nachdrücklich, die Benennung von Tieren und Pflanzen nach Menschen zu stoppen: »Es ist schlicht ethisch nicht begründbar und nicht akzeptabel, die von uns zu schützende und respektierende Biodiversität derart zu vereinnahmen. Menschennamen für Tier- und Pflanzenarten sind aus heutiger global-ökologisch-naturphilosophischer Sicht eine nicht zu rechtfertigende Aneignung der lebendigen Natur.« Bereits der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707–1778), der Schöpfer der heute noch gültigen zweiteiligen Artbenennung mit Gattungsname und sprachlichem Zusatz (»Epitheton«), habe vorgesehen, neue Spezies anhand prägnanter unterscheidbarer Merkmale zu benennen oder nach ihrem geografischen Vorkommen, so Cole im Vorwort seines Namenslexikons.
Die Käferspezies Anophthalmus hitleri kommt in Slowenien vor und lebt dort in Höhlen. Ihr Artname sorgt für Unmut, eine Umbenennung wurde in Fachkreisen bereits mehrfach erwogen.
Die Realität sieht allerdings anders aus. So sind laut der Internationalen Kommission für Zoologische Nomenklatur (ICZN) rund 20 Prozent aller Tierarten Eponyme. Einen der Gründe dafür sieht Cole im Niedergang der klassischen humanistischen Bildung. »In guter linnéscher Tradition wurden Erstbeschreibungen früher auf Latein abgefasst und anspruchsvolle deskriptive Namen ersonnen, die dem Neuentdeckten eine würdevolle Bezeichnung sein sollten. Arten nach Menschennamen zu benennen, ist da natürlich ungleich einfacher und geht auch ohne Kenntnisse von Latein und Griechisch.«
»Viele Taxonomen möchten nicht auf die lieb gewonnenen Privilegien der freien Namensgebung verzichten und empfinden Einschränkungen dabei als Beschneidung der wissenschaftlichen Freiheit«Theodor Cole, Biologe
Ein Blick auf die ResearchGate-Diskussion zeigt, dass sich viele Forscher von dieser Argumentation bevormundet und in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen. »Viele Taxonomen möchten nicht auf die lieb gewonnenen Privilegien der freien Namensgebung verzichten und empfinden Einschränkungen dabei als Beschneidung der wissenschaftlichen Freiheit«, gibt Cole seine Erfahrungen wieder. Zudem fürchten zahlreiche Fachleute, dass eine groß angelegte Umbenennung von Arten die Stabilität der wissenschaftlichen Nomenklatur gefährden und zu technischen Problemen führen könnte. Beides hatten Vertreter der ICZN bereits Anfang 2023 im Fachjournal »Zoological Journal of the Linnean Society« thematisiert. Sie lehnten dort eine ethisch motivierte Umbenennung von Spezies strikt ab. Wissenschaftliche Artnamen sollten in erster Linie »Stabilität und Universalität fördern«, lässt sich in ihrem Beitrag nachlesen: »Die nomenklatorischen Regeln sind Werkzeuge, welche die maximale Stabilität gewährleisten sollen, die mit taxonomischer Freiheit vereinbar ist.« Die ICZN habe weder Zeit noch Ressourcen, um Artnamen auf ethische Aspekte zu prüfen, und schlichtweg auch kein Mandat dafür, äußerte sich der ICZN-Vorsitzende Thomas Pape gegenüber dem US-amerikanischen Journalisten Ed Yong. Davon abgesehen, würden Umbenennungen von Spezies laut Kommission nicht viel ändern: Da der Name der Erstbeschreibung Priorität habe, würde er als Synonym immer gültig bleiben.
Wie schwierig ist es, Spezies umzubenennen?
Cole hingegen meint, Umbenennungen seien »technisch und praktisch gar kein Problem«: »Existierende Namen zu ändern, ist nichts Neues und in vielen Fällen in unserer molekularphylogenetischen Ära wissenschaftlich geradezu zwingend. Um Namen ändern zu können, die von einer größeren Anzahl von Menschen als anstößig, beleidigend und unwürdig empfunden werden, bedarf es lediglich eines zu erarbeitenden, akzeptablen Verfahrens zur Prüfung entsprechender Anträge durch ein legitimiertes, gewähltes Gremium.« Richard Ladle sieht das ähnlich: »Das technische Argument gegen unseren Vorschlag, dass er zu Chaos führe und die Stabilität der Namen untergrabe, sollte meiner Meinung nach nicht über ethischen Aspekten stehen. Ich bin überzeugt davon, dass wir diese Probleme durch moderne Rechenleistung in den Griff bekommen können.«
Ein engagierter Kritiker des Umbenennens von Spezies ist der ukrainische Forscher Sergei Mosyakin, der als Taxonom an der National Academy of Sciences der Ukraine forscht. Er hat bereits mehrere Artikel über das umstrittene Thema veröffentlicht, aus denen hervorgeht, wie lange der Konflikt um die Eponyme schon schwelt und wie unterschiedlich die verschiedenen Standpunkte, Forderungen und Beweggründe dazu sind. In einem Fachartikel vom Oktober 2023 nahm Mosyakin direkt Bezug auf den Beitrag von Patrícia Guedes und ihrem Team. Seine Befürchtung: Sollte man damit beginnen, als anstößig empfundene Eponyme umzubenennen, werde das bald zu einer Art Erdrutsch führen. Mosyakin wirft in seinem Fachartikel die Frage auf, wo man dabei die Grenze ziehen solle. »Selbst angesehene Forscher wie Linné und Charles Darwin hatten zum Teil Ansichten, die wir heute als rassistisch ansehen.« Finge man mit Artbezeichnungen an, stünden bald auch die Namen von Mineralen, chemischen Elementen, Himmelskörpern und physikalischen Einheiten auf dem Prüfstand, schreibt der ukrainische Taxonom.
Mormogystia reibellii ist eine Schmetterlingsart aus der Familie der Holzbohrer (Cossidae). Sie ist auch unter dem Artnamen Hypopta mussolinii bekannt, der auf den italienischen Diktator Benito Mussolini (1883–1945) verweist.
Dieses Argument möchten die australischen Botaniker Tim Hammer und Kevin Thiele sowie ihre südafrikanischen Kollegen Gideon Smith und Estrela Figuereido nicht gelten lassen. In zwei Fachartikeln des Journals »Taxon« nennen sie konkrete Maßnahmen, die den befürchteten Dominoeffekt verhindern könnten. Dazu gehört insbesondere die Einrichtung eines neuen Nomenklatur-Komitees für kulturell beleidigende oder unangemessene Bezeichnungen, das bei allen Namensänderungen hinzugezogen werden muss. Zudem sollen entsprechende Anträge auf Namensänderung in der Fachzeitschrift »Taxon« vorgestellt und begründet werden. Cole steht hinter diesen Vorschlägen, wie er per E-Mail mitteilt. Er ist überzeugt: »Es macht einen Unterschied, ob wir etwas Lebendiges benennen wie Pflanzen und Tiere oder etwas Unbelebtes wie Minerale oder eine Straße. Ein Biologe sollte Tieren und Pflanzen gebührenden Respekt entgegenbringen, um zu ihrem Erhalt beizutragen, und sie nicht für unsere Eitelkeiten und Selbstdarstellung instrumentalisieren.«
Sicher ist, dass groß angelegte Umbenennungen von Arten – die ICZN geht von Hunderttausenden betroffenen Spezies aus – den wissenschaftlichen Betrieb massiv beeinflussen würden. Es ist deshalb sinnvoll, den möglichen Nutzen einer solchen Aktion zu hinterfragen.
Im Norden verpönt, im Süden erwünscht
Patrícia Guedes und ihr Team sehen ihren Artikel von 2023 als Beitrag dazu, die Taxonomie als »moderne, aktive und wichtige Wissenschaftsdisziplin« zu erhalten. Eponyme abzuschaffen, soll demnach die Universalität des biologischen Erbes unterstreichen und gleichzeitig die Verpflichtung des Menschen, dieses zu schützen. Weiterhin hoffen die Forscherinnen und Forscher darauf, dass die Taxonomie als Fachdisziplin infolge solcher Umbenennungen für wissenschaftlich tätige Menschen des Globalen Südens interessanter wird. Deshalb schlagen sie vor, die jeweiligen Neubenennungen den Fachleuten zu übertragen, die aus den Ursprungsländern der jeweiligen Arten kommen – sozusagen als Akt der Inklusion und der Wiedergutmachung jenes Unrechts, das durch Imperialismus und Kolonialismus entstanden ist. Das neuseeländische Forschungsduo Shane Donald Wright und Len Norman Gillmann möchte für wissenschaftliche Benennungen künftig sogar vorrangig Trivialnamen der jeweiligen indigenen Bevölkerung heranziehen.
Die Wissenschaftler Shane Donald Wright und Len Norman Gillmann möchten für Artbezeichnungen vorrangig indigene Trivialnamen heranziehen
Interessanterweise stoßen diese Vorschläge bei den vermeintlich Begünstigten nicht nur auf Gegenliebe. Mosyakin, der selbst karelische und damit indigene Vorfahren hat, bezeichnet die Forderung der Neuseeländer, die vor allem die Maori im Blick haben, als neue Form der Diskriminierung. Die Probleme beginnen für ihn schon mit der Frage, wie festgelegt werden soll, wer als indigen gelten darf.
Eine Gruppe von mittel- und südamerikanischen Taxonomen, die den Beitrag von Patrícia Guedes und Co kommentiert hat, stellt Eponyme sogar als wichtiges Werkzeug für Biologen des Globalen Südens dar. Es sei richtig, dass in der Vergangenheit überwiegend weiße Männer mit Eponymen geehrt wurden, schreiben die Taxonomen sinngemäß – aber es wäre nun ungerecht, dieses Werkzeug jetzt den Fachleuten des Globalen Südens wegzunehmen, wo sie es selbst nutzen könnten, um Taxa nach für sie bedeutungsvollen Personen zu benennen. Deshalb zeigen sich die Mittel- und Südamerikaner überzeugt: Eponyme zu verbannen, würde die Wissenschaft schädigen, und überproportional die im Globalen Süden. Einen konkreten Nutzen von Eponymen nennen sie ebenfalls: Solche Bezeichnungen können Geld einbringen. So versteigert die ecuadorianische Nichtregierungsorganisation Fundacion EcoMinga, die von einigen der Taxonomen betrieben wird, das Recht der Namenswahl – und verdient damit Geld, um Publikationen zu bezahlen und Land für Naturschutzprojekte zu erwerben. Statt Eponyme abzuschaffen, schlagen die Autorinnen und Autoren vor, sollten sie jetzt dazu dienen, Menschen aus den Herkunftsländern der jeweiligen Spezies zu ehren und damit ein neues, diverseres Kapitel der Forschungsgeschichte aufzuschlagen.
Mehr Geschlechtergleichheit bei der Namenswahl
Ähnlich argumentiert eine Gruppe von Mikrobiologinnen und Mikrobiologen unter Beteiligung von Heike Freese und Markus Göker vom Leibniz-Institut DSMZ – Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig. In einer Studie darüber, wie unterschiedlich stark die verschiedenen Geschlechter bei der Benennung von Prokaryoten vertreten sind (Prokaryoten sind Lebewesen ohne Zellkern, beispielsweise Bakterien und Archaeen), geben sie an, dass von insgesamt 23 315 Namen für Gattungen, Arten und Unterarten etwa 2018 zu den Eponymen zählen. Das entspricht knapp neun Prozent. Während die erste taxonomische Benennung nach einem Mann bereits für das Jahr 1823 dokumentiert ist, wurde diese Ehre erst 1947 einer Frau zuteil. Insgesamt liegt der Anteil der Eponyme, die Frauen würdigen, bei lediglich 14,8 Prozent. Und er hat sich in den zurückliegenden Jahren nicht mehr wesentlich erhöht. Interessant ist, dass der International Code of Nomenclature of Prokaryotes (ICNP), das Regelwerk für die Benennung von Prokaryoten, zwar sehr strenge Vorschriften für das Vergeben von wissenschaftlichen Namen macht, jedoch mehrere Optionen anbietet, um Arten und Gattungen nach Personen zu benennen. Verpönt ist lediglich, sich selbst zu verewigen oder Personen als Namenspaten zu wählen, die keine Verbindung zur Mikrobiologie oder zur naturwissenschaftlichen Forschung haben.
Laut Markus Göker gibt es zurzeit keine Bestrebungen, etwas daran zu ändern: »Der ICNP ist ein Hilfsmittel der internationalen wissenschaftlichen Kommunikation und dient nicht dazu, eine bestimmte politische Agenda zu verfolgen – auch keine derzeit als progressiv empfundene.« Der DSMZ-Forscher sieht die Idee kritisch, etablierte, aber nun als anstößig empfundene Namen zu ersetzen. Sie stünde im Widerspruch zur größtmöglichen Stabilität der Artnamen, die der Code gewährleisten soll – und das träfe seiner Meinung nach selbst dann zu, wenn es objektive Kriterien dafür gäbe, was als anstößig zu gelten hat. »Das Benennen von Prokaryoten nach Personen ist ein bewährtes und beliebtes Mittel, um deren Verdienste um die Mikrobiologie oder andere Wissenschaften dauerhaft zum Ausdruck zu bringen«, zeigt sich der Mikrobiologe überzeugt. »Unsere Studie sieht darin keinen Nachteil, sondern regt dazu an, sich verstärkt darum zu bemühen, den Anteil an Frauen unter den geehrten Personen zu erhöhen.«
» Die Ansichten ändern sich von Zeit zu Zeit, und wir wollen nicht nach jedem Bildersturm wieder von vorne anfangen«Marc Gottschling, Botaniker
Einen Schritt weiter gegangen ist der Botaniker Marc Gottschling von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat zwei neue Gattungen der Panzergeißler nach den Berliner Experimentalmusikerinnen Blixa Bargeld und N. U. Unruh von der Band Einstürzende Neubauten benannt. Das war als kleine Provokation gedacht, wie der Algenforscher zugibt. »Wir wollten damit eine Diskussion um die gängige Benennungspraktik anstoßen.« Tatsächlich empfiehlt der International Code of Nomenclature for algae, fungi, and plants (ICNafp) seit Anfang des 20. Jahrhunderts explizit, Gattungen nicht mehr nach Personen zu benennen, die keine Verbindung zur Wissenschaft haben. »Im Hinblick darauf, dass es gerade bei Algen und Pilzen noch Myriaden namenloser Organismen gibt, sollten wir uns aber nicht so einschränken«, meint Gottschling und sieht sich damit in der Tradition Carl von Linnés. Dieser habe »viele griechische Helden ohne jeden botanischen Bezug in Gattungsnamen verewigt«. Für seine Aktion hat Gottschling nach eigenem Bekunden viel Zuspruch bekommen, allerdings auch Kritik. Auf die Frage, was er von einer Umbenennung von Arten hält, antwortet er: »Ehrlich gesagt: wenig! Die Ansichten ändern sich von Zeit zu Zeit, und wir wollen doch nicht nach jedem Bildersturm wieder von vorn anfangen.«
Einen neuen Kolonialismus vermeiden
Zurück zum Vorschlag, die Umbenennung von Arten an Forscherinnen und Forscher des Globalen Südens zu delegieren. In seiner Ablehnung besonders deutlich wird der sri-lankische Ichthyologe und Taxonom Rohan Pethiyagoda: »Die gefühlte Ungerechtigkeit durch unangemessene Namen ungeschehen zu machen, würde dem größeren Teil der globalen Wissenschaftlergemeinschaft schaden«, schreibt er in der Zeitschrift »Megataxa«. Auch dem Artenschutz täte das seiner Meinung nach nicht gut, denn der Umbenennungsmarathon würde Taxonomen von ihrer eigentlichen Aufgabe abhalten: neue Arten zu beschreiben, damit diese dann geschützt werden können. Taxonomische Umbenennungen an die Länder des Globalen Südens zu delegieren, bezeichnet Pethiyagoda als neue Form des Kolonialismus – selbst, wenn das eigentlich gut gemeint sei.
Mosyakin wiederum empfindet es als diskriminierend, wenn bestimmte Volksgruppen den Vorrang bei Benennungen bekommen, und spricht von politischer sowie ethischer Zensur, wenn nun bestimmte Namen gestrichen werden sollten. Er befürchtet einen Kulturkampf, in den er die Taxonomie nicht verwickelt sehen möchte. »Viele Namen, die heute als anstößig gelten, waren das nicht, als sie vergeben wurden, und werden es auch vielleicht in Zukunft nicht mehr sein«, sagt Gottschling und erntet damit die Zustimmung vieler Kollegen wie Mosyakin, Pethiyagoda und Thomas Pape.
Ein Buchstaben-Zahlen-Kürzel könnte die eindeutige Identifizierung jeder Spezies erleichtern – unabhängig vom aktuellen Artnamen
Pethiyagoda bringt noch einen weiteren Aspekt ein: Seiner Meinung nach kommt die Diskussion um diskriminierende und anstößige Eponyme vor allem aus den USA und anderen Ländern, die früher Kolonialismus und Sklavenhaltung praktiziert hätten. Diese Länder könnten sich für vieles schuldig fühlen, und es sei nobel, solches Unrecht wiedergutmachen zu wollen, zieht er ein Fazit. Aber heute hießen sie Flüchtlinge willkommen und förderten Demokratie, Freiheit, Toleranz, Diversität, Inklusion und Menschenrechte. Statt in die Vergangenheit zu schauen, solle man seiner Ansicht nach die Chance nutzen, es bei künftigen taxonomischen Benennungen besser zu machen. Einen wichtigen Teilerfolg hierbei haben die südafrikanischen Botaniker Gideon Smith und Estrela Figueiredo erzielt. Sie hatten vorgeschlagen, in wissenschaftlichen Namen auf die Endung -caffra zu verzichten, die sich vom Begriff »Kaffir« ableitet – eine in Südafrika verwendete, abwertende Bezeichnung für Schwarzafrikaner. Stattdessen regten sie die Änderung zu -affra an, die den Bezug zu Afrika ohne rassistische Konnotation herstellen soll. Der Vorschlag wurde von den Delegierten des Internationalen Botaniker-Kongresses (IBC) in Madrid angenommen.
Fachleute wie Figueiredo und der brasilianische Ornithologe Marcos Raposo fordern außerdem, dass nomenklatorische Kommissionen Meinungen von außen einbeziehen sollen, insbesondere von Menschen aus den Herkunftsländern der Arten. Auch Pedro Jimenez-Mejias von der andalusischen Universität Pablo de Olavide und seine mehr als 1500 Koautorinnen, -autoren und Mitunterzeichner zeigten sich in einem 2024 publizierten Aufruf offen dafür, die Codes für eine gerechtere und sensiblere Benennungspraxis anzupassen. Umfangreiche Umbenennungen lehnen sie aber ab, um einen »endlosen Revisionsprozess« zu verhindern. In direkter Antwort auf diese Publikation schlug Desalegn Chala vom Naturhistorischen Museum der Universität Oslo vor, Arten ein Buchstaben-Zahlen-Kürzel als Identifikator zu verleihen. Das soll die eindeutige Identifizierung jeder Spezies erleichtern – unabhängig vom aktuellen Artnamen, wodurch Umbenennungen einfacher werden dürften. Ein weiterer Vorteil bestünde darin, dass der Identifikator maschinenlesbar wäre, also geeignet für den Einsatz von intelligenten Suchmaschinen.
Ein Kompromiss könnte lauten, alte Namen zu belassen, die Vergabe von Eponymen allerdings unverzüglich einzuschränken oder sogar ganz auszuschließen. Zumindest der zoologische Code böte dafür genug Spielraum, schreiben Patrícia Guedes und ihr Team. Alte Namen beizubehalten, jedoch Neubenennungen nach Menschen ab sofort zu unterbinden, wäre auch für Theodore Cole ein geeigneter erster Schritt. Angesichts der vielen verschiedenen Meinungen und Standpunkte zu dem Thema ist ein derartiger Kompromiss zwar derzeit nicht in Sicht. Aber deutlich wird, dass Taxonomen aller Disziplinen künftig beim Benennen von Arten genauer hinschauen und miteinander im Gespräch bleiben müssen.
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