Strategien neurodivergenter Menschen: Gefühle in Worte zu fassen, kann helfen

Menschen mit stärkeren autistischen Zügen versuchen offenbar häufiger, ihre Gefühle in Worte zu fassen – möglicherweise, um besser mit Unsicherheit und Angst umzugehen. Das bewusste Benennen von Emotionen könnte demnach eine Art Strategie sein, um emotionale Belastung zu reduzieren. Das zeigt eine Studie, die im Fachblatt »Scientific Reports« erschienen ist.
Forschende um den Psychologen Akitaka Fujii von der Universität Nagoya befragten dafür 505 japanische Erwachsene im Alter zwischen 20 und 39 Jahren online zu verschiedenen psychologischen Merkmalen. Erfasst wurde unter anderem das Unbehagen gegenüber Unsicherheit, die Neigung, Angst zu empfinden, und die Tendenz, Gefühle sprachlich auszudrücken.
Autistische Züge, die das Team ebenfalls erhob, umfassen Eigenschaften, die mit Autismus-Spektrum-Störungen in Verbindung stehen, etwa ein größeres Bedürfnis nach Routinen und Schwierigkeiten im sozialen Austausch. Solche Merkmale kommen jedoch nicht nur bei Menschen auf dem Autismus-Spektrum vor, sondern unterschiedlich stark auch in der Allgemeinbevölkerung.
Personen mit ausgeprägteren autistischen Zügen empfanden unsichere oder schwer kontrollierbare Situationen häufiger als belastend. Gleichzeitig neigten viele von ihnen stärker dazu, die eigenen Gefühle bewusst zu benennen oder in Worte zu fassen, etwa mit »Ich bin gerade verwirrt« oder »Ich bin traurig«. Genau diese Tendenz hing wiederum mit geringeren Angstwerten zusammen.
Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass das Verbalisieren von inneren Zuständen helfen könnte, Stress zu regulieren. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass Menschen sich oft weniger überwältigt fühlen, wenn sie ihre Gefühle benennen – etwa im Gespräch oder auch schriftlich.
Allerdings betonen die Autoren, dass die Studie keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen belegt. Zudem nahmen keine Menschen mit einer klinischen Autismusdiagnose teil. Die Forschungsgruppe untersucht derzeit deshalb in einer Folgestudie, ob sich ähnliche Zusammenhänge auch bei diagnostiziertem Autismus zeigen.
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